Gaza-Stadt
Ein Montag nach der palästinensischen Wahl, die die politische Landschaft des Nahen Ostens wie ein Erdbeben erschütterte. Im Flüchtlingslager Schati steht inmitten des Gewirrs aus schmalen Gassen und eng verschachtelten Häusern ein schönes dreistöckiges Gebäude. Auf der einen Seite ist an der Dachrinne ein bis zum Erdgeschoss reichendes grünes Spruchband befestigt, auf der anderen Seite ein Transparent mit den Bildern dreier Hamas-Führer. Der prominenteste Kopf gehört Ismail Hanija, er wird als künftiger Ministerpräsident gehandelt. Dies ist sein Haus. Gruppen von jeweils drei, vier Männern kommen zum Eingang, werden eingelassen und in einem Vorzimmer mit Süßigkeiten und Tee bewirtet, bevor sie dem Hausherrn mit einer Umarmung und mehrmaliger leichter Berührung der Wangen ihre Aufwartung machen.

Die Wochen nach der Wahl laufen in Gaza mit einer für europäisches Empfinden bizarren Unaufgeregtheit ab. Keine Spur von Hektik ist zu bemerken, kein Zeichen von Unrast. Was sich ausmachen lässt, sind Spuren unsichtbarer Kräfte, die wie Kräuselungen im Wasser die Windrichtung verraten.

Ein schwarzer japanischer Geländewagen fährt vor. Ihm entsteigt ein distinguiert aussehender Herr in grauem Wollmantel. Er heißt Sadeldin Kharma, ist Verkehrsminister der alten Regierung und genießt im Gegensatz zu den meisten seiner Kabinettskollegen einen Ruf als anständiger Mann. Er geht direkt zu Hanija hinein. Er bleibt drei Stunden. Bittet er um einen Job in der neuen Administration? Ist es seine Aufgabe, Verbindungen zur bis vor kurzem regierenden Fatah zu knüpfen? Oder gar zu Israel (der Verkehrsminister trifft sich als einziges Kabinettsmitglied regelmäßig mit seinem israelischen Kollegen)? Hinterher will er nur sagen, dass er Hanija zu seinem Wahlsieg gratuliert habe. Drei Stunden lang?

Das Kommen und Gehen nimmt kein Ende. Schließlich tritt Hanija selbst aus dem Haus, ein freundlich lächelnder, bescheiden auftretender Mann mit weißem Bart. Er findet Zeit für den Reporter. Er hält ihn mit lockerem Griff am Oberarm fest, blickt ihm gerade in die Augen und beantwortet Fragen mit geschulter Ambivalenz. Wird der nächste Premierminister Ismail Hanija heißen? – Das könne er nicht sagen, dafür sei die Zeit nicht reif.

Wie wird er mit dem drohenden Stopp der Hilfsgelder für eine von Hamas geführte Regierung durch Europa und die USA umgehen? – Palästina, erwidert er, werde versuchen, autark zu sein. Wenn es Hilfe brauche, dann zuerst von arabischen Ländern und in zweiter Instanz von der "freien Welt" (die für ihn nicht identisch ist mit der Welt, die sich so nennt). Wird er Kontakte mit Israel suchen? – Nichts, antwortet er, habe sich geändert, Israel sei immer noch die Besatzungsmacht. Wird Hamas das Erziehungssystem islamisieren? – "Dafür besteht kein Bedarf, aber wenn ein Bedarf besteht, werden wir es tun."