Helen und Josephine sind Theaterfiguren, die schwankend über das Stück hinausragen, in dem sie mitspielen. Helen ist die Mutter und Josephine die Tochter. Was sie verbindet, ist ihre Verbitterung. Der Groll hält sie gefangen wie ein gemeinsamer Sockel.

Josephine verzeiht der Mutter nicht, dass die sie nicht liebt. Helen verzeiht der Tochter nicht, dass die überhaupt existiert. So sind sie ineinander verbissen und beklagen heulend, was der anderen fehlt: Die Tochter ist viel mütterlicher als die Mutter. Die Mutter ist jünger und fahrlässiger als die Tochter.

Der bittere Honig heißt das Stück, es stammt von der englischen Autorin Shelagh Delaney - sie schrieb es 1957 im Alter von 18 Jahren und arbeitete es für den Filmregisseur Tony Richardson zu einem Drehbuch um, woraus der Welterfolg A Taste of Honey (1961) wurde. Der bald achtzigjährige Theaterregisseur Peter Zadek hat das Stück nun am Hamburger St. Pauli Theater inszeniert - in einer Fassung, die nie zuvor gespielt wurde.

Im St. Pauli Theater steht wenig zwischen den beiden Frauen: 1 Stuhl, 1 Sofa.

Ferner ist da ein Vorhang vor imaginärem Fenster und dahinter ein mit Lichtreflexen in den Theatersaal blinkender, zum Todessprung einladender Innenstadtfluss. Eine Holztreppe führt nach links oben zur Straße. Der Alltag ist weit weg. Wir befinden uns im Souterrain, dem klassischen Revier des versunkenen britischen Theaterrealismus.

Eine zarte, spröde, keusche Tochter (Julia Jentsch) und eine kaltschnäuzige, vom Leben hartgekochte Mutter (Eva Mattes) sind hier eingeschlossen. Ihr Familienleben ist ein unermüdliches Aneinanderhochgehen, ein Urhassprogramm, das lange vor ihrer Zeit geschrieben wurde. Beide machen zeitversetzt denselben Fehler, für einen Augenblick des Glücks (die Sekunde des Honigs) ruinieren sie ihr Leben: Sie schlafen mit einem Mann, den sie nie wieder sehen, sie werden schwanger, sie bleiben mit dem Kind allein. Sie bereuen alles sehr - und wollen es nicht anders.

Das Stück könnte die Hölle sein. Doch Peter Zadek macht aus der sachlichen britischen Tragödie eine deutsche Revue mit Gesang und einem sympathischen Herrn am Klavier. Der Geruch einer nie gewesenen Vergangenheit steigt aus seiner Inszenierung. So muss es in den Ateliers riechen, in denen die Deutschen nach dem Krieg ihre Edgar-Wallace-Filme drehten und, in britischer Kulisse, das Behagen an der Gewalt, den Spaß am Mord wiederfanden. Zadek macht nun in ebenfalls britischer Verhüllung das Elend gemütlich. Die Geschichte von Helen und Josephine behängt er mit den Girlanden des Witzes, der Ironie, der Distanz. Wie in den deutschen Filmkomödien der Schwarzweißzeit werden skurrile Charaktere durch Dialekt gezeichnet: Eva Mattes als Helen spricht fieses, flaches Hamburgerisch von so sengender Wucht, dass sie Schildkröten damit weichpeitschen könnte. Der aus Hamburg stammende Schauspieler Uwe Bohm als Helens Liebhaber wiederum spricht aus unerfindlichen Gründen Wiener Dialekt, das heißt, dass er sein naturplattes Deutsch an ausgesuchten Textstellen wienerisch aufpolstert und ausbeult und das Hamburger Publikum ansingt.