Im Januar 2007 werden die Bagger anrücken und mitten in Hamburgs Keimzelle eine riesige Wunde schlagen. In der Baumulde auf dem Domplatz findet eine Tiefgarage Platz, und darüber erhebt sich bald ein Immobilienkoloss (siehe oben). Niemand wird dann mehr Zugriff auf dieses Erdreich haben, in dem noch Siedlungsspuren aus einer Zeit vermutet werden, in der die Hansestadt ihren Anfang nahm.

Es eilt also. Seit dem 1. Juli des vergangenen Jahres sind die Archäologen dabei, das 5500 Quadratmeter große Areal zwischen Altem Fischmarkt, Petrikirche und dem Pressehaus auszugraben. Hier soll die legendäre Hammaburg gestanden haben; ihre Errichtung im frühen 9. Jahrhundert ist literarisch überliefert, ebenso die Bistumsgründung 831 und die Zerstörung der Anlage durch die Wikinger 845.

Noch ist der Grabungsleiter Karsten Kablitz nicht auf das gestoßen, wonach er sucht. Immerhin legten er und sein Team in sieben Monaten Backsteinmauern des Johanneums frei. Die Lehranstalt war nach dem Abbruch des Doms das letzte Gebäude auf dem Platz, sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. In den folgenden Jahrzehnten gehörte der Domplatz dem geparkten Automobil.

Die Forscher bargen auch säckeweise Knochen. Ein kubikmetergroßer Haufen fand sich im Bereich des Dom-Kreuzgangs. "Eine Sammelbestattung", sagt Kablitz. Die Knochen von rund drei Dutzend Individuen wurden zusammengeworfen, vielleicht am Ende des 14. Jahrhunderts, als ein Teil des Friedhofs dem Kreuzgang weichen musste.

Außerdem entdeckten die Wissenschaftler Verfärbungen im Untergrund, die auf frühmittelalterliche Siedlungsstrukturen verweisen. Oder auf Entwässerungsgräben, die womöglich Grundstücksgrenzen anzeigen. Und eine Ofenanlage; vielleicht wurden hier die Glocken des Doms gegossen. Aber: keine Handwerkszeugnisse, kein Hinweis auf Handel, keine Buntmetalle, keine Werkzeuge, keine Brunnen. "Nicht mal eine Abfallgrube. Das überrascht uns sehr", sagt Kablitz. Er vermutet, dass sie sich durch einen "Randbereich" pflügen. "Mittendrin sind wir sicher nicht."

Die erste Überraschung ließ lange auf sich warten. "Manchmal findet man plötzlich Sachen, die man nicht auf dem Zettel hat", sagt Kablitz. Seit Beginn der Grabung fahnden die Archäologen nach mittelalterlichen Spuren – und landen plötzlich im "Dritten Reich". Den Hauch des Sensationellen versprühen drei Emailletafeln, zweifellos neueren Datums. Denn als die Archäologen säuberlich die Erdkrümel von den beschichteten Metalltafeln wischen, lesen sie überraschende Wörter: "Hamburger Tageblatt".Daneben eine aufgemalte Hansekogge, auf deren vorderstem Segel das Hakenkreuz prangt. Der Dreimaster mit Naziverzierung war das Logo des offiziellen Presseorgans der NSDAP. "Das sind Werbeschilder. Die hat hier einer unter den Boden gebracht", sagt Kablitz.

Wo die Tafeln herkommen, ist naheliegend, steht doch keine zwanzig Meter neben dem Fundort das Pressehaus, in dem heute die ZEIT residiert. Der Klinkerbau wurde 1938 für das Tageblatt errichtet. Goebbels legte den Grundstein. Die riesige Kogge aus Sandstein, die an der Vorderfassade prangte, überstand das Bombardement. Sie ziert noch heute das Pressehaus, allerdings an der Hinterseite, ohne Hakenkreuz. Das Hamburger Tageblatt gibt es seit 1945 nicht mehr.