Ihr grauenhaftes Ende verdeckt, was die Begegnung mit der deutschen Kultur den Juden einst bedeutet hat. Die Französische Revolution schien eine neue Welt heraufzuführen, die religiöse Lebensform des christlichen Europas verlor an Boden - und damit auch das jahrtausendealte Gefühl der Juden, im Exil zu leben. Nach dem Fall der Ghettomauern suchten die Außenseiter der Vergangenheit Anschluss an ihre Umwelt, und im deutschen Sprachraum bot er sich an: Unter dem Namen Aschkenas war die deutsche Kultur längst ein Teil der jüdischen Geschichte, in der jiddischen Umgangssprache bewahrte ein alter Kontakt noch seine mittelalterlichen Spuren, gemeinsam durfte man hoffen, in die Moderne einzutreten.

Als Heinrich Heine 1797 zur Welt kommt und um die Jahrhundertwende in Düsseldorf heranwächst, scheinen die Weichen gestellt zu sein. Napoleon hat die Stadt erobert, der Emanzipation aller Bevölkerungsteile steht nichts mehr im Wege, und Heine wird sich dieses Anfangs später als einer glücklichen Zeit erinnern.

Aber dann kommt es anders. Im Kampf gegen den französischen Eroberer definieren sich die Deutschen erstmals als Nation, und aus Heines Jugend ist uns ein Gedicht überliefert, das bei dem späteren Parteigänger der Revolution überrascht. Unter dem Titel Deutschland heißt es um 1814: Kam aus fernem Frankenlande / Einst die Hölle schlau, gewandt, / Brachte Schmach und schnöde Schande / In dem frommen, deutschen Land. Wie die deutschen Juden, die sich ein Jahrhundert später gegen Frankreich in den Krieg schicken lassen, teilt auch der junge Heine den Franzosenhass der deutschen Nationalisten. Für einen kurzen Augenblick will auch er dazugehören - und auch er, wie die Nachgeborenen, wird bald eines Besseren belehrt.

Der erste große jüdische Dichter der deutschen Literatur stirbt am 17.

Februar 1856 in Paris, und es ist erstaunlich: In der kurzen Spanne seines Lebens durchläuft er alle Phasen, die die Geschichte des deutschen Judentums einst kennzeichnen werden. Wie Moses Mendelssohn will er zunächst Deutscher und gleichzeitig Jude sein, neben dem Buch der Lieder schreibt er am Rabbi von Bacherach, einem historischen Roman über das deutsche Judentum im Mittelalter. Dann gibt er den Roman auf und lässt sich taufen, wie die Kinder Mendelssohns und viele andere nach ihnen - aber auch er - wie später Freud und Theodor Lessing, Karl Kraus und Elias Canetti - durchschaut die Kultur, der er sich scheinbar integriert hat: Er schreibt seine Reisebilder und unterzieht das System der Heiligen Allianz einer beißenden Kritik.

Damit macht er sich bei den Behörden der Reaktion verdächtig. 1831 geht er ins Paris der Julirevolution und wird nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Mit der Vertreibung der Juden, die ein Jahrhundert später unter Hitler stattfindet, lässt sich dieses selbst gewählte Exil nicht vergleichen, und dennoch: Zeitlebens schreibt er seine Werke unter den Bedingungen der Zensur, immer wieder werden sie verboten, gegen die Heimkehr nach Deutschland spricht nicht selten die drohende Verhaftung.

Ganz freiwillig ist sein Exil also nicht, und in Paris geht es dem getauften Juden nicht besser. Er lernt das Justemilieu kennen - neben der sozialen Ungerechtigkeit des Frühkapitalismus auch ihr gefährliches Gegenmittel, den Kommunismus - und als er 1844 Deutschland. Ein Wintermärchen erscheinen lässt, ist Heines Begeisterung für die Revolution schon sehr gedämpft. Vor allem aber muss er erkennen, dass seine Umsiedlung ihn nicht vor den Gefahren des Antisemitismus schützt. In der Damaskus-Affäre des Jahres 1840 verbreiten französische Agenten die Lüge, dass Juden in Syrien einen Kapuzinerpriester getötet hätten, um sein Blut für ihre Pessach-Mazzen zu verwenden.