Nils Holgersson ist ein böser Bube. Mit Vorliebe ärgert er auf dem heimischen Bauernhof Tiere. Eines Tages aber rächt sich ein Wichtelmännchen und verwandelt den Jungen in einen Winzling, der die Sprache der Fauna verstehen kann. Auf dem Rücken der wagemutigen Hausgans Martin fliegt Zwerg Nils zusammen mit den Wildgänsen in Richtung Norden. Er müsste in diesen Tagen des Jahres 2006 aufpassen, nicht samt Martin von einem alarmierten Jäger abgeschossen zu werden.

Nachdem am Dienstag nun auch in Österreich Schwäne vermutlich mit dem Vogelgrippe-Erreger H5N1 im Leib tot aufgefunden wurden, sind Flugbewegungen von Wildvögeln suspekt. Wir leben in einer Zeit, in der graziöse Schwäne und possierliche Enten möglicherweise Virenträger sind, die Menschen infizieren können und die europäische Hühnerzucht bedrohen. In Zukunft könnten Fabeln wie die Wunderbare Reise des Nils Holgersson oder neue Klassiker wie Pettersson und Findus, in denen Menschen mit Geflügel fraternisieren, auf den Index kommen. Kinder sollten schließlich nicht mehr zu Knuddeleien mit sympathischen, aber potenziell tödlichen Haushühnern animiert werden.

Bisher war das Ausbreitungsmuster der Vogelgrippe von Asien nach Europa einigermaßen nachvollziehbar. Aus der chinesischen Region Guandong kommend teilte sich der Seuchenzug in zwei Richtungen: gen Süden nach Hongkong (und in weitere asiatische Staaten) und nach Norden über den Qinghai-See bis nach Sibirien. Von dort aus gelangte das Virus westwärts bis in die Türkei und in das Donaudelta. Und aus der Türkei sprang es über kurdisches Gebiet in den Irak. Allein der aktuelle Ausbruch im sehr weit westlich gelegenen Nigeria bleibt rätselhaft. Auch die Herkunft der italienischen Fälle ist noch nicht ganz klar: Handelte es sich wirklich um Schwäne, die aus dem kalten Balkan in wärmere Regionen west- und südwärts zogen?

Der aktuelle Zickzackkurs belegt, dass das Virus problemlos seinen Weg durch die Welt findet - von Feuchtgebiet zu Feuchtgebiet, über Zugvögel oder eben als blinder Passagier im geschmuggelten infizierten Huhn.

Das Reiseziel Deutschland ist vielleicht schon erreicht. Auf Rügen ergab sich am Dienstag der Verdacht auf H5N1 bei zwei toten Schwänen. Das Bundesagrarministerium ordnete vorgezogen ab Freitag eine Stallpflicht für Geflügel an.

Doch selbst wenn die Hühner im Stall sind, droht weiterhin Gefahr für die deutsche Wildvogelwelt. Entdecken Spaziergänger tote Erpel und Schwäne früh genug, kann die Ausbreitung des Virus vielleicht noch verhindert werden.

Sollten aber Schwan & Co abseits der Ausflugsrouten sterben, besteht die Gefahr, dass H5N1 Deutschland dauerhaft belagert. Diese Möglichkeit ergibt sich aus einer Eigenart des Virus: Es ist sehr wählerisch. Schwäne tötet H5N1 offenbar mühelos, Enten aber können eine Infektion überleben. Manche zeigen noch nicht einmal Krankheitssymptome und scheiden das Virus aus. Im Mekongdelta verteilen 20 Prozent der Enten putzmunter mit ihren Fäkalien hoch gefährliche Vogelgrippe-Viren. Ein Autorenteam um den Infektiologen Robert Webster nannte die Ente in einer etwas schrägen Metapher das trojanische Pferd des asiatischen H5N1-Influenza-Virus.