Europa forscht. Es versucht zu ergründen, wie es mit der Forschung verfahren soll. Solche Recherchen können ganz schön verwirrend geraten, wie diese Tage und Wochen zeigen.

Erstes Beispiel: Die Staats- und Regierungschefs der 25 Mitgliedsstaaten einigten sich im Dezember mühsam auf einen Haushaltsrahmen bis zum Jahr 2013.

Doch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung drohen im Kompromiss unter die Räder zu kommen, entgegen aller Schwüre, wonach die Zukunft in der Wissenschaft liege. Erst das Europäische Parlament fuhr dem Rotstift in die Parade. Derzeit wird nachverhandelt, um zu sehen, welche Streichungen rückgängig gemacht werden können. Im Übrigen verpflichten sich die EU-Mitglieder, ihre nationalen Forschungsbudgets bis 2010 auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Davon sind fast alle noch meilenweit entfernt.

Zweites Beispiel: Vom kommenden Jahr an soll ein neuer europäischer Wissenschaftsrat, der European Research Council (ERC), darüber wachen, dass EU-Mittel zukunftsträchtig ausgegeben werden. Bloß, wie passt das löbliche Projekt zum jetzt diskutierten European Institute of Technology (EIT), einem europäischen Gegenstück und Konkurrenten zum amerikanischen Massachusetts Institute of Technology, dem legendären MIT?

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso will dafür bis 2013 zwei Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Das Geld soll aus nationalen Zuschüssen, von der Wirtschaft und aus dem EU-Budget kommen. Anders als in der Vergangenheit wird nicht mehr an einen festen Standort gedacht - die Rede war von Straßburg, das so für einen möglichen Wegzug des Europäischen Parlaments nach Brüssel entschädigt werden sollte. Nein, jetzt wird flott und trendy von einem virtuellen Standort gesprochen, also einem Netzwerk nebst einer Verwaltungsstelle in Brüssel. Auf das Geld für das EIT hätte freilich der Wissenschaftsrat ERC wohl keinen Zugriff mehr.

Was um Himmels willen also will Europa eigentlich? Psychologen mögen bei solchem Hü und Hott um Forschungsbudget und Forschungsstrukturen schnell ein Double-bind-Verhalten diagnostizieren. Nach der Regel: Ich liebe dich, ich schlage dich. Damit freilich endet dieser Vergleich.

Denn bei den genannten Fallbeispielen, alle gewiss gut gemeint und europäisch gedacht, hat es der Beobachter weniger mit einem psychischen Leidensphänomen als schlicht mit politischer Unentschlossenheit zu tun. Diese entspringt der hilflosen Überzeugung, dass es mit der EU-Ausgabenpolitik zwar so - das meiste Geld strömt auf grüne Weiden und nicht in graue Zellen - nicht länger weitergehen kann, dass aber die agrarlastigen Verpflichtungen der Vergangenheit mitgeschleppt werden müssen.