"Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf."

Willy Brandt

Die ZEIT wird 60 Jahre alt, aber für Neulinge bei dieser Zeitung, zu denen nach anderthalb Jahren auch ich noch gehöre, fühlt sich die Spanne an, als seien es 600 Jahre. Es liegt in dieser Beobachtung Bewunderung und Staunen über ein nicht nur dem Alter nach vergleichsweise junges Blatt, das zu einer Institution geworden ist (zum Geburtstag sei uns dies für ZEIT- Verhältnisse ganz unübliche Eigenlob vielleicht gestattet). Man merkt es am Traditionsbewusstsein auch ganz junger Redakteure, ihrem Festhalten an den Grundsätzen unserer Zeitung. Man sieht es an den Fotos von Marion Gräfin Dönhoff, die in vielen Büros hängen, an den Anekdoten, die sich selbst über Möbel und Räume im bulligen Klinkerbau am Speersort zu Hamburg erzählen lassen. Warum die ZEIT wie ein Klassiker wirkt, ist nicht einfach zu ergründen, aber der Versuch lohnt – auch weil er eine nicht minder schwer zu fassende Antwort auf die Frage geben könnte: Werden Zeitungen, wie wir sie verstehen, noch viele runde Geburtstage feiern? 60 Jahre DIE ZEIT - Alle Artikel und Filme zum Jubiläum hier BILD

"Lasst uns eine Zeitung machen, die uns selber gefällt." Dieser Satz stammt von Richard Tüngel, dem zweiten, in nicht allzu guter Erinnerung gebliebenen Chefredakteur der ZEIT. Er leistete einer nationalkonservativen Ausrichtung der Zeitung Vorschub und ließ einige in den Nationalsozialismus verstrickte Mitarbeiter gewähren; erst die Zivilcourage der Gräfin Dönhoff und der Kampfgeist des Verlegers Gerd Bucerius beendeten Mitte der fünfziger Jahre den Spuk. Aber kein anderes Wort hat sich seit Tüngel derart fest ins Selbstverständnis der Redaktion und ihrer Leitfiguren eingraviert: Wir machen die Zeitung, die uns gefällt. Welch ein Satz!

Er versprach die Abkehr von jenem Journalismus, der sich eben noch in den Dienst der totalen Propaganda gestellt hatte. Er verhieß die Unabhängigkeit von den Interessen der Anzeigenkunden und der Verleger. Er verriet auch Misstrauen gegenüber einer Leserschaft, die man an Meinungs- und Pressefreiheit erst gewöhnen zu müssen glaubte. Schließlich war er auch eine Kampfansage an jenen zynischen Journalismus, der sich allein am vermeintlichen Geschmack der Zielgruppe ausrichtet, auch wenn er dabei gegen die eigene Überzeugung verstößt. Und es gab auch Zeiten, in denen man aus dieser Haltung heraus sogar wirtschaftlich erfolgreich sein konnte. Uneingeschränkt bis in unsere Tage hinein propagiert, steht der Satz indes für eine gefährliche Berufskrankheit von Journalisten: die Selbstbezogenheit, die Ausrichtung auf jene, die man beschreibt oder, schlimmer noch, zu denen man gehören möchte. Und schließlich auch für den penetranten Willen, den Leser immer und überall zu belehren. In Wirklichkeit ist es längst so, dass die Leser eine Zeitung erziehen, auch wenn es nicht alle in der Redaktion mitbekommen.

ZEIT, oft nach erbitterten Diskussionen in der Redaktion und unter Protest einiger der treuesten Leser. Dagegen sind jene Blätter, die diese Erneuerung versäumt haben, vom Auflagenschwund bedroht. Sie haben die Zukunft noch mehr zu fürchten, als es die Presse ohnehin tun muss.

Sie tun es mit Lob und mit Unmutsäußerungen, die im Zeitalter der E-Mails noch zugenommen haben. Sie dokumentieren es mit Bestellungen oder Kündigungen von Abonnements. Und auch der Einzelverkauf an den Kiosken ist jede Woche aufs Neue eine Art Plebiszit über die Ausgabe, die wir gerade machen. Fast alle Qualitätszeitungen in Deutschland haben sich in den vergangenen zehn Jahren äußerlich und inhaltlich verändert – auch die