DIE ZEIT: Welche Bedeutung messen Sie, Herr Bundeskanzler, innerhalb der gesamteuropäischen Politik dem deutsch-französischen Verhältnis zu?

Bundeskanzler: Die allergrößte Bedeutung. Ich bin, wie Sie wissen, Rheinländer, und ich habe meine engere Heimat immer als eine natürliche Brücke zwischen Frankreich und Deutschland erlebt. Wohl weiß ich, daß viel historisches Gestrüpp den beiden Völkern die Aussicht versperrt und den Weg zueinander erschwert. Aber im heutigen Stadium Europas sind Erbfeindschaften völlig unzeitgemäß geworden. Ich bin daher entschlossen, die deutsch-französischen Beziehungen zu einem Angelpunkt meiner Politik zu machen. Ein Bundeskanzler muß zugleich guter Deutscher und guter Europäer sein. (…)

Glauben Sie, daß eine solche Politik die volle Unterstützung des deutschen Volkes finden wird?

Das deutsche Volk besteht aus sehr verschiedenen Menschen. Man kann niemals auf die Zustimmung aller rechnen. Aber ich glaube sagen zu dürfen, daß die Verständigung mit Frankreich heute in Deutschland populärer ist als zu irgendeinem Zeitpunkt vor 1945. (…) In den letzten viereinhalb Jahren ist manches geschehen, was zu erneuten Hemmungen, zu erneuten Mißverständnissen Anlaß geben konnte. Aber die Grundtendenz ist in Deutschland gleichgeblieben. Und besonders die jüngere Generation bei uns, wie übrigens auch bei anderen Völkern, hat die Notwendigkeit einer europäischen Einigung mit erfreulicher Klarheit erfaßt. Gerade die jungen Deutschen wissen, daß diese Einigung unmöglich ist, wenn Frankreich und Deutschland sich nicht verstehen. (…)

Welche konkreten Hindernisse erschweren, Ihrer Auffassung nach, eine deutsch-französische Verständigung?

Da ist natürlich die Saar. Aber lassen Sie mich zunächst einmal von dieser Frage ganz absehen. Denn auch das Saarproblem wird erst verständlich, wenn man es im Zusammenhang mit dem französischen Sicherheitsbedürfnis betrachtet, und das gleiche gilt etwa für die Demontagen. Die Sicherheitsfrage ist tatsächlich die Kernfrage des deutsch-französischen Verhältnisses. In ihr sind auch die wirklichen, die konkreten Hindernisse für eine Verständigung enthalten. (…) Es kommt also darauf an, das richtige Maß der Sicherheit zu finden.

Was könnte von unserer Seite getan werden, um dieses richtige Maß zu finden?

Zunächst einmal dies: daß wir die Sicherheitsfrage weder rundweg leugnen noch bagatellisieren. Es nützt nichts, daß wir tatsächlich ungefährlich sind, sondern es kommt darauf an, ob Frankreich uns für gefährlich hält. Die Psychologie hinkt immer hinter der realen geschichtlichen Entwicklung her. Ob uns das heutige französische Sicherheitsbedürfnis überholt vorkommt, ob es tatsächlich überholt ist, dies alles ist nicht entscheidend. (…) Wir tun daher gut daran, wenn wir auch uns überflüssig erscheinende Sicherheiten in Kauf nehmen, sofern unsere Existenz hierdurch nicht ernstlich gefährdet wird. Wir müssen nicht überall ein "kaudinisches Joch" (eine äußerst tiefe Erniedrigung, Anm. d. Red.), wittern. Je weniger wir dies tun, je weniger wir in unseren Reaktionen eine nationale Überempfindlichkeit zeigen, um so eher wird Frankreich sich dazu verstehen, seinerseits seine Forderungen nicht zu überspannen.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Ruhrstatut und der deutsch-französischen Verständigung?

Der Zusammenhang ist recht eng. Von uns aus gesehen, ist eine internationale Ruhrkontrollbehörde in Deutschland entweder ein "kaudinisches Joch", oder aber sie ist der erste Schritt zu einer Kontrolle der gesamten westeuropäischen Schwerindustrie. Ich glaube, daß die zweite Auffassung sinnvoller und zukunftsreicher ist. Ich bin zudem der Ansicht, daß die Ruhrbehörde als eine politische Realität zu gelten hat, auf die man nicht nur mit Gefühlen reagieren darf, Schmollwinkel sind nicht die richtigen Antworten, auf politische Realitäten. Wenn wir uns zu Ruhrstatut und Ruhrbehörde einfach negativ verhalten, so wird Frankreich dies als Zeichen eines deutschen Nationalismus bewerten, als einen Trotz, der alle Kontrollen ablehnt. (…)

Sind Sie der Meinung, daß wir durch einen vollberechtigten Delegierten in der Ruhrbehörde vertreten sein sollten?

Unbedingt. (…) Unsere lebenswichtigen Interessen an der Ruhr können wir wirksam nur innerhalb der Behörde zur Geltung bringen, und zwar erst dann, wenn wir dort einen stimmberechtigten Vertreter haben und nicht nur einen Beobachter, wie dies jetzt der Fall ist. Wir müssen gar nicht von vornherein annehmen, daß unser Delegierter mit seinen drei von insgesamt fünfzehn Stimmen doch nur immer überstimmt würde. Es wäre geradezu töricht, die Arbeit in der Ruhrbehörde als eine Front aller gegen einen anzusehen. Unsere Bereitschaft zur Mitarbeit dort wird wahrscheinlich zu einem Prüfstein unseres guten Willens in der Sicherheitsfrage werden. (…)

Sie erwähnten vorhin das Saargebiet. Würden Sie eine Mitgliedschaft Deutschlands im Europa-Rat ablehnen, falls das Saargebiet dort Mitglied würde?

(…) Ich würde es nicht für eine weise Politik halten, wenn Frankreich die Aufnahme Deutschlands in den Europa-Rat von einer gleichzeitigen Aufnahme des Saargebiets abhängig machen sollte. Aber ebensowenig weise wäre es, wenn wir erklärten, daß eine Mitgliedschaft des Saargebietes die deutsche Mitgliedschaft ausschlösse. Man sollte aus diesen Mitgliedschaften kein Handelsgeschäft mit Bedingungen machen. (…)