60 Jahre DIE ZEIT - Alle Artikel und Filme zum Jubiläum hier BILD Wie ein anderes, fast nicht minder bewegtes Jahrhundert sich gewissenhaft die Frage nach "dem Berufe unserer Zeit zur Gesetzgebung" vorlegte, so bangen wir heute vor der Frage nach dem Berufe unserer Zeit zur Demokratie. Sie für jetzt oder auch nur für eine nahe Zukunft unbedenklich zu bejahen hieße, nicht nur die gerade hinter uns liegenden Jahre, sondern überhaupt die politische Entwicklungsgeschichte unseres Volkes zu vergessen.

Die Parteien sind es, mit denen das demokratische Leben in Deutschland nun wieder beginnen soll. Unverkennbar ist schon heute der Fortschritt gegenüber dem Vielparteiensystem der Weimarer Demokratie. Zunächst hatte die Zurückhaltung in der Zulassung von Parteien durch die Besatzungsmacht die Aufsplitterung in kleine und kleinste Parteien und Gruppen verhindert. Die ersten Wahlen in der amerikanischen Zone legen aber den Schluß nahe, daß eine noch stärkere Konzentration dem Willen der Wählerschaft entspricht. Zwei große Parteien sind sichtbar hervorgetreten: die Sozialdemokraten, die in Hessen führen, und die Christlich-Demokratische Union, die in Bayern an der Spitze der Wahlergebnisse steht. Beide lassen sich auf Parteien der Weimarer Republik zurückführen.

Die neue Sozialdemokratische Partei betrachtet sich nicht nur als Nachfolgerin der alten SPD, sondern über ihre Tätigkeit in der Illegalität geradezu als fortbestehend. Die Christlich-Demokratische Union dagegen möchte alle Parteien rechts der Sozialdemokratie, also die frühere Zentrumspartei, in Bayern die Bayrische Volkspartei, mit den Demokraten, der Staatspartei, der Volkspartei, ja sogar den Kreisen der früheren Deutschnationalen und Volkskonservativen auf sich vereinigen. Hoffnung der Christlich-Demokratischen Union ist es also, die große bürgerliche Partei zu werden, die als Massenpartei den Sozialisten gegenübertreten könnte. Das war 1919 noch nicht möglich, weil sich damals das Bürgertum angesichts der republikanischen Frage sogleich spaltete.

Ein Nachruf auf den Gründungsverleger Gerd Bucerius Die 1919 zunächst sehr starke Demokratische Partei, die Republik voll bejahend, stellte sich hinter das Symbol Schwarz-Rot-Gold, das von der Rechten, der Deutschnationalen Partei und der Volkspartei, mehr oder minder deutlich eine monarchische Restauration erstrebend, mit Schärfe abgelehnt wurde. Auch setzte damals das Zentrum, das seine in der Zeit des Kulturkampfes bezogene Stellung nicht aufgeben wollte, seine Politik aus der Kaiserzeit mit nur leicht nach links verändertem Kurs fort.

Bei einer betonten Ablehnung einer konfessionellen Beschränkung, wie sie etwa die Begrenzung der Mitglieder auf die Gläubigen der römisch-katholischen Kirche bedeuten würde, will die CDU christliche Gedanken in den Vordergrund stellen. Damit wird ein Gesichtspunkt in den Parteienkampf hineingetragen, der vielleicht eine Berechtigung hatte, als der Nationalsozialismus seinen Kampf gegen das Christentum begann, der jedoch heute die Gefahr in sich trägt, Gegensätze zu verschärfen, die nicht notwendig sind.

Grundsätzlich werden wir bei der Christlich-Demokratischen Union den Gedanken der christlich-bürgerlichen Kultur, des freien Unternehmertums und des Schutzes der Einzelpersönlichkeit vertreten finden. Nach einer schließlich bis fast auf das Äußerste durchgeführten Staatswirtschaft ist eine Partei des Individualismus eine ganz natürliche Erscheinung, und man sollte ihre Aussichten nicht unterschätzen. Vor allen westlichen Völkern liegt als eine der wichtigsten Zukunftsfragen die große Entscheidung für oder gegen Sozialismus und Planwirtschaft. Mit einem richtigen Ergebnis in dieser Auseinandersetzung kann nur gerechnet werden, wenn für beide Anschauungen starke Parteien eintreten, die von der hohen ethischen Bedeutung ihrer Sache überzeugt sind. Die Christlich-Demokratische Union wird dabei unter grundsätzlicher Wahrung ihres Standpunktes mit Maß verfahren. Lehren und Erfahrungen der letzten Jahrzehnte und nicht zuletzt die herrschende Not haben im Parteiprogramm und in den richtunggebenden Reden ihren Niederschlag gefunden; sie zeigen alle eine besonders starke Betonung der sozialen Seite.

Die Betonung des demokratischen Gedankens buchen wir als Aktivum

Die Landwirtschaft wird mit einiger Spannung das Programm der CDU erwarten. Man kann nicht annehmen, daß die CDU sich als Nachfolgerin der großagrarischen Interessen betrachten wird, die nach 1918 von einem nicht ausgesprochenen, tatsächlich aber bedeutenden Machteinfluß gewesen sind. Daß damit tiefreichende Fragen berührt werden, haben die Umbildungen der Parteiführung in der russischen Zone erwiesen, veranlaßt durch die Einstellung einzelner Persönlichkeiten zur Bodenreform. Einer gemäßigten Bodenreform wird deshalb auch die CDU nicht abgeneigt sein.

Gegenüber dieser Sammelpartei haben sich im bürgerlichen Lager verschiedene Splitterparteien gebildet, die alte Parteilinien fortzuführen suchen: die freien Demokraten, die an der Überlieferung der ehemaligen Demokratischen Partei ohne Zugeständnisse an andere Parteien festhalten, eine Zentrumspartei und die Liberalen Demokraten, die insbesondere in der russischen Zone stärker hervortreten. Dazu kommen verschiedene landschaftlich gebundene Parteien wie die Niedersächsische Landespartei, bei der wir viele frühere Mitglieder der Welfenpartei Hannovers wiederfinden.

Bei den Wahlen in der amerikanischen Zone haben diese Splittergruppen durchweg nur verschwindende Bruchteile der Wählerschaft hinter sich zu sammeln verstanden. Auf der Linken hat sich der Eindruck der Zusammenfassung der politischen Anziehungskraft in einer Partei in dem Abfallen der kommunistischen Stimmen neben den sozialdemokratischen erwiesen. Während die kommunistische Partei im Osten ohne Wahlen in zahlreiche maßgebliche Verwaltungsstellen gelangt ist, vermochte sie in Süddeutschland längst nicht die Wählermassen hinter sich zu vereinen, die ihren Ansprüchen auf politische Führung entsprochen hätten. Hierfür wird der Umstand mit Ursache sein, daß das neue Programm der Kommunistischen Partei von ihren natürlichen Zielen auffällig abweicht.

Die Betonung des demokratischen Gedankens werden wir gewiß als Aktivum buchen können, wenn auch der Kommunismus mit seinem Ziel, alle Macht dem Staat zu übertragen und das Individuum nur als Teil des Staates und seines Wirkens zu bejahen, zwar der Form, nicht aber der Sache nach ein demokratisches System bilden kann. Wenn aber kommunistische Parteiführer für die Wirtschaft "liberale Methoden" empfehlen, so hat diese Überraschung die unvorbereiteten Wähler natürlich abschrecken müssen. Auch die besonders vernehmliche antifaschistische Betätigung der KPD vor allem in "Reinigungsaktionen" hat ihr die Massen der Wähler nicht gewinnen können.

Die liberalen Parteien scheinen das Schicksal ihrer Schwestern in den westlichen Ländern teilen zu sollen, indem sie zwar eine kleine Schar einflußreicher Männer, aber nur eine geringe Gefolgschaft stellen. Die Sozialdemokratie hat es in den Jahren nach 1918 nicht leicht gehabt. Ein extremer Nationalismus der Rechtsparteien, deren Propaganda es gelang, wichtige nationale Gefühlsgüter für sich allein in Anspruch zu nehmen, brachte die Sozialdemokratie scheinbar in eine ihr durchaus fremde Opposition zum nationalen Gedanken. Diese Situation wird sich heute nicht wiederholen. Im Gegenteil hat sich die Sozialdemokratie schon jetzt mit besonderer Stärke für wichtige Lebensinteressen unseres Volkes eingesetzt. Auch mit der nachdrücklichen Ablehnung aller Loslösungsbestrebungen hat sich die Sozialdemokratie ein bedeutsames Verdienst erworben.

In der Innenpolitik bleibt grundsätzlich die Forderung der Verstaatlichung der wichtigsten Produktionsgüter, aber nicht, um den einzelnen nunmehr der Allgewalt des Staates zu überliefern, sondern um ihm gegenüber der Willkür großer Kapitalinteressen die soziale und wirtschaftliche Freiheit zu sichern. Die Vorsicht, mit der die Labour-Partei in England trotz ihres überwältigenden Wahlergebnisses das sozialistische Programm behandelt, kennzeichnet bis jetzt auch die Politik der Sozialdemokratie.

Die bedeutenden kulturellen Leistungen der Sozialdemokratie vor 1933 sind von der Allgemeinheit meist nur unzureichend gewürdigt worden. Hierfür mag die Unterstützung, die die Linksparteien einer politisierenden, heute überwundenen Kunst gegeben haben, mitbestimmend gewesen sein. Der Masse Kunst und Kultur zu erschließen und ihr unabhängig von der Lebensstellung das Bewußtsein menschlicher Würde zu geben gehört zu den schönsten Aufgaben der Sozialdemokratie. Von der SPD wird es in erster Linie abhängen, ob unser erneuter Versuch mit der Demokratie diesmal gesundere Formen annehmen wird als nach 1918.

Inmitten einer chaotischen Welt wird der Aufbau nicht leichter

Inmitten einer chaotischen Welt ohne sittliche Werte und mit geringen materiellen Möglichkeiten auf dem äußeren und inneren Trümmerfeld, das uns hinterlassen wurde, wird der Aufbau nicht leichter, sondern noch schwieriger sein als damals. Nur auf der Achtung fremder Anschauungen, nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, in der Ablehnung aller niedrigen Kampfesweisen, der Verachtung von Denunziantentum und persönlicher Verunglimpfung, in der sittlichen Kraft des Wollens um der Sache willen kann die Demokratie die Kraft finden, auch die steuerlos treibende Jugend zu gewinnen.

Welche großen Gefahren hier liegen, das beweist die dauernde Klage der Parteien, daß die Jugend abseits stünde. Bei den Wahlen in der amerikanischen Zone fallen die Stimmen der parteimäßig nicht gebundenen Wähler auf. Gewiß spielen bei Gemeindewahlen persönliche Bindungen eine größere Rolle als Programme und Parteinamen. Dennoch ist die Tatsache sehr bemerkenswert, daß die freien Kandidaten in Bayern fast die Stimmenzahl der Christlich-Demokratischen Union erreichen und in Württemberg weit übersteigen. Sie beweist, daß die Anziehungskraft der Parteien noch nicht ausreicht, um die im Strom Treibenden zu sammeln. Mögen es viele Enttäuschte der letzten 13 Jahre sein – den aktiven Nationalsozialisten war das Wahlrecht nicht gegeben –, so bleibt doch die hohe Zahl eine Warnung.

Daß sich in den einzelnen süddeutschen Lagern verschiedene Richtungen durchgesetzt haben (…), entspricht den vor 1933 gemachten Erfahrungen und brauchte damals durchaus keine Gefahr zu bedeuten. Heute haben die Länder, schon durch Besatzungszonen zum Teil sehr einschneidend getrennt, weitgehend selbständige Hoheitsbefugnisse. Unsere Neigung, das weltanschaulich Trennende überzubetonen, könnte das politische Auseinanderleben der Länder fördern. Das uns alle Verbindende zu betonen und über die Zeit und aus der Gemeinsamkeit der Not den deutschen Gedanken zu erhalten ist eine wichtige Aufgabe der neuen Parteien.

DIE ZEIT, 21. Februar 1946

In ihrer ersten Ausgabe benennt die ZEIT ihre journalistischen Grundsätze:"Es ist unser Ziel, nach 12 Jahren der Naziherrschaft und -propaganda eine freie Presse in Deutschland wiederherzustellen. Dies ist einer der ersten Schritte in dieser Richtung. Mit Ausnahme der monatlich erscheinenden Gewerkschaftszeitung ist die ZEIT die erste in Hamburg herausgegebene Zeitung, die eine Lizenz erhält."Mit diesen Worten überreichte Brigadier Armytage den vier Gründern der jungen Wochenzeitung, die wir heute vorlegen, die Lizenz. Eine freie Presse! Mit diesem schicksalsschweren Wort übertrug er uns ein großes Vorrecht und eine noch größere Aufgabe. Die Jahre, die hinter uns liegen, insbesondere die sechs Kriegsjahre, haben den deutschen Leser von der Welt abgeschlossen, ihn in den Nebel der Propaganda gehüllt und damit der harten Sprache der Tatsachen entwöhnt. Wunschbilder oder verzerrende Haßvorstellungen haben vielfach ihre Herrschaft über die Geister angetreten.Es gilt heute, Trümmer nicht nur in den Straßen der zerbombten Städte wegzuräumen, sondern auch geistige Belastungen einer untergegangenen Epoche, und das kann nur geschehen, wenn wir den Mut haben, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie schmerzlich ist, und das wird sie leider häufig sein. Nur in der Atmosphäre unbestechlicher Wahrheit kann Vertrauen erwachsen.Unsere Arbeit ist sachlich schwer zu umgrenzen. Wie eine Mauer von Finsternis und Verzweiflung steht die Zukunft vor uns. Wir können nur hoffen, ein kleines Licht anzuzünden, um die Pfade zu beleuchten, auf die wir in den nächsten Wochen und Monaten tastend unseren Fuß setzen müssen. (…)Wir werden niemandem nach dem Munde reden, und daß es nicht allen recht zu machen ist, ist eine alte Weisheit. Aber auch eine uns fremde Ansicht mag die Gewißheit haben, daß sie von uns geachtet wird. (…)