60 Jahre DIE ZEIT - Alle Artikel und Filme zum Jubiläum hier BILD Das literarische Talent ist nicht eine wunderliche Pflanze, die plötzlich aus geheimnisvollen Gründen erblüht, später aus ebenso unerklärlichen Gründen verdorrt und sich nach einiger Zeit höchst unerwartet abermals entfaltet. Wie alle Menschen ist natürlich auch der Schriftsteller den Einflüssen seiner Umwelt ausgesetzt. Hierbei haben wir es – abgesehen von den ästhetischen, philosophischen und literarischen Einflüssen – vor allem mit zwei verschiedenen, wenn auch keineswegs voneinander unabhängigen Formen der Einwirkung zu tun. Einerseits sind die allgemeinen gesellschaftlichen, politischen, historischen und kulturpolitischen Verhältnisse Faktoren, die den Entwicklungsweg eines jeden Schriftstellers auf mehr oder weniger sichtbare Weise erleichtern oder erschweren, beschleunigen oder hemmen, in diese oder jene Richtung schieben.

Andererseits übt die unmittelbare Reaktion auf das Werk eines Schriftstellers – Publikumserfolg, Pressekritik, Literaturpreise und so weiter – einen gewissen Einfluß auf seine weiteren Bemühungen aus, und zwar nicht nur auf die Wahl der Stoffe und Probleme, sondern, in vielen Fällen, auch der Formen und Stile. Diese unmittelbare Reaktion tritt übrigens immer ein, sie ist also, paradox ausgedrückt, auch dann vorhanden, wenn sie nicht vorhanden ist – etwa wenn Publikum und Presse ein Buch gänzlich ignorieren. Nichts klingt in den Ohren des Autors so schrill wie das Schweigen der Kritik, kein Echo ist auch ein Echo. Nun üben die allgemeinen zeitgeschichtlichen Verhältnisse auf die unmittelbare Reaktion, die einem literarischen Werk zukommt, einen starken, mitunter sogar entscheidenden Druck aus.

Oft ist also der Rezensent – um ein Wort von Virginia Woolf zu zitieren – "ein hin und her gerissener Lappen am Schwanz des politischen Papierdrachens", bisweilen sind die Juroren nur Sprachröhren bestimmter Organisationen und Interessengemeinschaften, häufig muß der Publikumserfolg auf außerliterarische Umstände zurückgeführt werden.

Wer schreibt, will ein Echo hören

Trotzdem ist es nützlich und notwendig, zwischen diesen beiden Faktoren, die auf das Werk eines Schriftstellers einwirken, genau zu unterscheiden: Während es sich nämlich im ersten Fall um den großen Hintergrund handelt, der allen Zeitgenossen in einem Land mehr oder weniger gemeinsam ist, handelt es sich im zweiten Fall um Phänomene, die durch eine individuelle Leistung ausgelöst werden und sich vornehmlich innerhalb des literarischen Lebens abspielen. So erschreckend die Vereinfachungen mancher marxistischer Kritiker sind, zu denen die Versuche geführt haben, einen unmittelbaren Kausalzusammenhang zwischen den gesellschaftlich-politischen Verhältnissen, der Biographie des Dichters und dem Werk zu konstruieren, so wenig es also möglich ist, ein Kunstwerk gänzlich aus dem zeitgeschichtlichen Hintergrund abzuleiten, so sehr kann erst die Berücksichtigung dieses Hintergrundes den Entwicklungsweg eines Schriftstellers mit den vielen oft überraschenden Höhe- und Tiefpunkten und Unterbrechungen verständlich machen – zumal in unserer, leider, so bewegten Zeit.

Und so wenig sich ein Schriftsteller, dem ein Buch mißlungen ist, mit dem Hinweis auf seine Kritiker rechtfertigen darf, so leichtsinnig wäre es, den Einfluß der Kritik und den anderer Formen der unmittelbaren Reaktion auf ein literarisches Werk zu unterschätzen oder gar zu ignorieren. Es ist bekannt – um nur einen Fall zu erwähnen – daß Tennyson seine Gedichte auf Wunsch der Kritiker abänderte und, wie einer seiner Biographen behauptet, durch die Feindseligkeit von Rezensenten in solche Verzweiflung geriet, daß sein Geisteszustand und damit sein Dichten zehn Jahre verändert blieben.

Man könnte aus der gesamten Literaturgeschichte der Neuzeit zahllose weitere, wenn auch meist weniger radikale Beispiele anführen, die beweisen: Wer schreibt, will ein Echo hören und lauscht dem Echo sehr aufmerksam selbst dann, wenn er – wie Dickens – die Kritiker für Läuse hält, für "elende Geschöpfe in Menschengestalt, aber mit Teufelsherzen", die mit Pygmäenpfeilen bewaffnet sind.

Die Kritik wirkt, wenn sie redet, und sie wirkt, wenn sie schweigt. Sie belehrt und erzieht, verführt und demoralisiert den Schriftsteller auch dann, wenn sie sich nur an das Publikum wendet oder wenn er entschlossen ist, sich ihrem Einfluß zu entziehen. Somit ist die Kritik mitverantwortlich für die Literatur ihres Landes (oder Sprachraums) – selbst wenn, wie in der Bundesrepublik, die Kritiker Einzelgänger bleiben, von denen jeder für sich allein das Risiko der kritischen Existenz tragen muß. Wie stark der Einfluß sein kann, den auf die Entwicklung eines Schriftstellers sowohl die allgemeinen gesellschaftlich-politischen Verhältnisse ausüben als auch das unmittelbare Echo auf sein Werk, wird mit besonderer Deutlichkeit am Weg des Wolfgang Koeppen sichtbar.

Koeppen, Jahrgang 1906, ist Verfasser von fünf Romanen, die jedoch in zwei weit auseinanderliegenden Zeitabschnitten von insgesamt nur sechs Jahren veröffentlicht und auch etwa in der gleichen Zeit geschrieben wurden. Diese erstaunliche Eigentümlichkeit einer schriftstellerischen Biographie beginnt weniger geheimnisvoll zu sein, nachdem man einen Blick auf die Daten geworfen hat.

Der erste dieser beiden Abschnitte fiel auf die ersten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft. Der Roman Eine unglückliche Liebe, 1934 erschienen, ist bereits ein episches Bekenntnis, dessen unheimliche Leidenschaft die offensichtlichen Schwächen in den Hintergrund treten läßt. Vergeblich wird man in diesem Buch die Spuren auch nur der geringsten Konzessionen zu Gunsten der neuen Machthaber suchen. Im Gegenteil: Die Unglückliche Liebe zeugt eher von der Isolation und Resignation des Künstlers im neuen Reich. Die literarischen Einflüsse, die man in der Prosa des jungen Koeppen zu spüren vermeint, scheinen auf Schriftsteller hinzuweisen, die damals verboten waren: von Thomas Mann über Kafka bis zu Roth und Döblin.

Koeppen zog sich zurück und hörte auf, Bücher zu schreiben

Noch war der Roman von dem jüdischen Verleger Bruno Cassirer ediert worden, noch gibt es das Berliner Tageblatt , in dem Herbert Ibering die Unglückliche Liebe als "das Versprechen eines Dichters" und "ein herrliches Buch" rühmte, noch konnte Erich Franzen den Roman in der Frankfurter Zeitung besprechen. Kurz nach Erscheinen der Unglücklichen Liebe wurde der Verlag liquidiert – und somit verschwand der Erstling trotz mehrerer wohlwollender und sogar enthusiastischer Rezensionen.

1935 folgte der Roman Die Mauer schwankt, in dessen Mittelpunkt abermals Resignationsmotive stehen. Der junge Koeppen mußte sich nun, wie jeder in Deutschland verbliebene Schriftsteller, entscheiden: Er konnte sich entweder mit den Machthabern arrangieren oder sich zurückziehen oder einen Kompromiß zwischen Anpassung und Haltung suchen. Er beschloß, sich zurückzuziehen: Er hörte also auf, Bücher zu schreiben. Der Druck der gesellschaftlich-politischen Verhältnisse hatte den kaum begonnenen Weg eines jungen Schriftstellers jäh unterbrochen.