Adenauer und hat vor ein paar Monaten erneut sein Amt als Kölner Oberbürgermeister verloren), in der sowjetischen Besatzungszone soll eine radikale Bodenreform für den Sozialismus begeistern, und in wenigen Tagen wird Winston Churchill konstatieren, von Stettin bis Triest habe sich quer durch Europa ein Eiserner Vorhang gesenkt. Es ist nicht gerade eine spannungslose Zeit, als in Hamburg, unter britischer Lizenz, im Februar 1946 eine neue Wochenzeitung an den Start geht, und im Rückblick erweisen sich die ersten zwanzig Jahre der ZEIT als ein Abschnitt deutscher Geschichte, der aufregender kaum hätte sein können: Dem Transitorium der Besatzungsherrschaft folgten die Gründung der beiden deutschen Staaten, die Herausbildung der Demokratie im Westen und die Befestigung einer neuen Diktatur im Osten, der Bau der Mauer und damit schließlich, auf unabsehbare Dauer, die Zementierung der Ordnungslogik des Kalten Krieges.

Hitler ist seit zehn Monaten tot, der Deutschen Zukunft aber weiter ungewiss. Im amerikanisch besetzten Süden haben sie zum ersten Mal seit 1933 in freien und geheimen Wahlen ihre Gemeinderäte bestellt, im britisch kontrollierten Neheim-Hüsten küren die Christdemokraten gerade einen 70-Jährigen aus dem Rheinland zu ihrem Vorsitzenden (der Mann heißt

Aus der Perspektive der Westdeutschen – und das wurde, schneller, als anfangs viele wohl vermutet hätten, die Perspektive auch der ZEIT – flossen die Erfahrungen dieser beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte zu einem Lebensgefühl zusammen, das die Historiker nicht erst seit gestern als den Optimismus der "langen fünfziger Jahre" beschreiben. Es ist die damalige Zuversicht, die gegenwärtig neu zu faszinieren scheint.

Tatsächlich bildeten die Jahre, die sich im Westen im Wesentlichen als die "Ära Adenauer" darstellen, eine Phase dramatisch beschleunigter wirtschaftlicher Dynamik und materieller Modernisierung. Ähnliches erlebten die Deutschen im 20. Jahrhundert kein zweites Mal, auch nicht die Ostdeutschen nach 1990. Denn was mit der Währungsreform von 1948 einsetzte, war eine Erfolgsgeschichte fast ohne Beigeschmack. Anders als in manchen früheren Phasen konjunkturellen Aufschwungs – im Unterschied etwa zu den viel zitierten "Goldenen Zwanzigern", die der Misere der Weimarer Republik für kaum eine halbe Dekade etwas Glanz verliehen, im Unterschied aber auch zur mittleren Hitler-Zeit, die eine Mehrheit der vormaligen Volksgenossen noch lange nach 1945 als die "guten Jahre vor dem Krieg" in Erinnerung behalten wollte – wies nun auch die gesamte politische Entwicklung, jedenfalls für die Westdeutschen, in eine positive Richtung.

Aber heißt das, all die zeitgenössischen Kritiker der "herrschenden Verhältnisse", die nicht erst gegen Ende der Kanzlerschaft des "Alten" ihre Stimme erhoben, seien im Unrecht gewesen? Waren die fünfziger Jahre etwa kein Zeitalter der "Restauration", wie Eugen Kogon und Walter Dirks schon früh in ihren Frankfurter Heften beklagten? Lebte man nicht, wie Erich Kästner meinte, in einem "motorisierten Biedermeier"? Gab es nicht an allen Ecken und Enden der neuen Republik reichlich Anlass zum Protest: erst gegen die Remilitarisierung, dann gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr, gegen Alt- und Neonazis, gegen reaktionäre Frauen- und Familienpolitik, gegen Prüderie und Spießermoral?

Die westdeutschen Gründerjahre, so viel ist klar, lassen sich in mehr als einer Richtung deuten, und offensichtlich ist es von Bedeutung, wer erzählt – und wann. Am frühesten im Umlauf war die Rede von der Not und dem Aufbauwillen der "Gebrannten"; die Funktionsgeneration des "Dritten Reiches" fand in dieser Selbstbeschreibung neuen Sinn. Politisch eingerahmt von der zwar kleinen, aber zur Demokratie entschlossenen Gruppe der Weimarer Alten einerseits und den sich jetzt als Skeptiker erfindenden vormaligen HJ-Führern und Flakhelfern andererseits, begriffen sich diese um 1905 geborenen Jahrgänge als die wahre Trägergruppe jenes "Wirtschaftswunders", das auch schon in den späten vierziger Jahren schneller propagiert als durchgesetzt war. Um "68" erhielt dann eine Interpretation Auftrieb, die manche altlinke, zum Teil auch "nationale" Kritik an und aus den Fünfzigern mit den kurrenten sozialistischen Utopien verband und den Bonner Neubeginn als eine Geschichte der "versäumten Chancen" las. Seit den achtziger Jahren allerdings hat eine breit entfaltete zeitgeschichtliche Forschung so viel Stoff für nüchterne Betrachtung geliefert, dass es für Legendenstrickereien schwer geworden ist. Zunehmend durchgesetzt hat sich seitdem ein Deutungsmuster, das die Schattenseiten der zweiten Demokratiegründung in Deutschland nicht überblendet, ihr das Gelingen im Ganzen aber auch nicht länger abspricht. Die success story, von der die ersten historischen Bilanzen bereits nach 25 Jahren kündeten, wird inzwischen zu jedem runden Geburtstag der Republik gefeiert. Deutschland sei, so heißt es, "im Westen angekommen" – und die Weichen dafür habe Konrad Adenauer gestellt.

Die Erhebung des Gründungskanzlers zum zwar nicht größten, aber "besten Deutschen" (vor Martin Luther und Karl Marx), die das Zweite Deutsche Fernsehen vor gut zwei Jahren als multimediale Volksabstimmung inszenierte, bestätigte insofern nur den Trend, dem immer wieder neue massenkommunikative Aufbereitungen folgen. Die fünfziger Jahre sind attraktiv geworden: als Sujet der Unterhaltungsindustrie, als "Stil", aber auch als alltagsweltlicher Vorraum unserer Gegenwart und als gesellschaftliches Orientierungsprogramm. Die Frage ist, welcher Vorstellungen und Bilder sich solche Rückgriffe bedienen – und wie es sich mit ihrer historischen Plausibilität verhält.

"Kanzler der Alliierten" Zu den Urszenen in einem an Tumulten nicht armen ersten Deutschen Bundestag gehört die Bonner Nacht vom 24. auf den 25. November 1949, in der Kurt Schumacher seinem Kontrahenten das böse Wort vom "Bundeskanzler der Alliierten!" entgegenschleuderte. Nach einem groben und für die Sozialdemokratie am Ende enttäuschenden Wahlkampf auf die Oppositionsbank gezwungen, kam es den SPD-Vorsitzenden hart an, zu sehen, mit welcher Abgebrühtheit Adenauer das neue Amt bereits nach seinen Vorstellungen geformt hatte. In nur zwei Monaten war eine Praxis etabliert, die darauf hinauslief, dass sich der Regierungschef alles Wichtige vorbehielt und das Parlament, wo immer möglich, vor vollendete Tatsachen stellte. So auch beim so genannten Petersberger Abkommen, einer ersten Modifikation des Besatzungsstatuts, die der Kanzler faktisch im Alleingang mit den drei Hohen Kommissaren der Alliierten verhandelt hatte und die jetzt zur Debatte – nicht zur Abstimmung – stand.

Ausgangspunkt für Adenauers "Abmachungen" mit den Vertretern der Besatzungsmächte, die in den Ausläufern des Siebengebirges hoch über dem Rhein Wachposten genommen hatten, war der Wunsch nach einem Ende der alliierten Demontagepolitik. Vor deren Weiterführung grauste es nicht nur der deutschen Industrie, sondern auch den Gewerkschaften. Letztere hatten, aus Sorge um die Arbeitsplätze, in die laufende Bundestagssitzung hinein Zustimmung zu Adenauers Verhandlungsergebnis signalisiert.

Schumacher, dem der als Gegenleistung für den Verzicht auf etliche weitere Werkszerstörungen vereinbarte Preis eines deutschen Beitritts zur Internationalen Ruhrbehörde zu hoch erschien (er wurde bald schon durch die viel bessere Idee der Montanunion abgelöst), stand plötzlich als der aus den eigenen Reihen Blamierte da. Das umso mehr, als sich auch die weiteren Zugeständnisse, die Adenauer ausgehandelt hatte, sehen lassen konnten: Genehmigung zum Aufbau von Konsular- und Handelsvertretungen, Teilnahme an allen internationalen Organisationen, "in denen deutsche Sachkenntnis und Mitarbeit zum allgemeinen Wohl beitragen können" – und das "Ziel, die Bundesrepublik als friedliebendes Mitglied in die europäische Gemeinschaft einzugliedern".

Sowenig sich, bei Lichte betrachtet, gegen solche Verheißungen einwenden ließ, die überdies erstmals nicht als alliierter Oktroi, sondern als eine Art Vertrag daherkamen, so unbeeindruckt gab Kurt Schumacher seit seinem nächtlichen Ausfall gegen Adenauer die Rolle des charismatischen Fundamentalkritikers, der den Anspruch verkörperte, als Einziger die "nationalen Interessen" im Blick zu haben. Ob Schumacher dies wirklich glaubte, mag dahingestellt bleiben; in ihrer prinzipiellen außenpolitischen Orientierung unterschieden sich der Kanzler und sein Konkurrent jedenfalls viel weniger, als ihr konfrontativer Umgang miteinander suggerierte. Eine Alternative zur freiheitlichen Demokratie, mithin zur Orientierung nach Westen, kannte keiner von beiden. Denn für beide galt: Sie waren antikommunistisch und antitotalitär – autoritäre Knochen, hart geworden über der Zerstörung der Weimarer Republik und den am eigenen Leib erfahrenen Prüfungen der NS-Zeit.

Aber Schumachers Tragik wurde Adenauers Glück: Dass der versehrte Führer der deutschen Sozialdemokratie, von seinen Genossen verehrt, vom bürgerlichen Lager wahrgenommen als ein verbitterter Mann, einen ebenso entschiedenen wie aussichtslosen, streckenweise geradezu intransigent nationalen Kurs segelte, dürfte dem Kanzler auf seiner unbeirrten Fahrt gen Westen manchen Ärger mit der eigenen Partei erspart haben. Und vergegenwärtigt man sich gar, wie zusammengebastelt dessen Regierungsflotte anfangs war, dann fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, was auf den deutschnationalen Beibooten losgewesen wäre – in jeder anderen als dieser historisch beispiellosen Konstellation: der Entnationalisierung von rechts bei anhaltendem Widerstand von links.

Konservative Revolution Wer nicht verlernt hat, darüber zu staunen, wie überraschend schnell (de facto nämlich bereits mit der dritten Bundestagswahl 1957) sich ein stabiles Dreiparteiensystem herausgebildet hatte, das die Bundesrepublik dann für Jahrzehnte prägte (bis zum Durchbruch der Grünen 1983), der lässt sich vom sensationellen Siegeszug der Adenauer-Union und dem ewigen Verliererschicksal der sozialdemokratischen Opposition auch nicht den Blick verstellen auf weitere Fragen: Was eigentlich war das Neue in der parteipolitischen Landschaft, die in der zweiten Hälfte der Vierziger im Westen Deutschlands entstand? Was lief anders als 30 Jahre zuvor? Was begünstigte diesmal den Startversuch in die Demokratie? Und wer waren die Stützen?