Die ersten Käufer der ZEIT, so will es die Legende, waren vor allem Hamburger Fischhändler und Gemüsehöker, die das Blatt als Einwickelpapier brauchten. Sie mögen sich andere Leser vorgestellt haben, die Hand voll Idealisten, die im stark zerstörten Pressehaus in ungeheizten Räumen beim Schein von Petroleumfunzeln zusammenhockte und das Blatt, acht Seiten stark, zusammenschrieb.

»Wie eine Mauer von Finsternis und Verzweiflung steht die Zukunft vor uns. Wir können nur hoffen, ein kleines Licht anzuzünden… Wir sprechen zu einem deutschen Leserkreis, der in dieser Zeitung seine Sorgen, Wünsche und Hoffnungen wieder erkennen und sie geklärt sehen soll. Wir werden niemandem nach dem Mund reden, und dass nicht allen recht zu machen ist, ist eine alte Weisheit. Aber auch eine fremde Ansicht mag die Gewissheit haben, dass sie von uns geachtet wird«, so beschrieben die Gründer der ZEIT ihre Maxime, die ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren hat.

Es waren vier gestandene Männer, die die Nazizeit mit weißer Weste überstanden hatten und von den Engländern die Lizenz erhielten, die ZEIT herauszugeben. Da war der Stadtbaurat a. D. Richard Tüngel, den die Nazis 1933 aus seinem Amt gejagt hatten; Ewald Schmidt di Simoni arbeitete als Verlagskaufmann, bis er wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau mit Berufsverbot belegt wurde; Lovis H. Lorenz, promovierter Kunsthistoriker, ehemals Chefredakteur einer Berliner Illustrierten, ohne Parteibuch; und Gerd Bucerius , der Anwalt aus Altona, der jüdische Angeklagte verteidigte und, weil er eine Jüdin geheiratet hatte, von der er sich nicht scheiden ließ, als wehrunwürdig galt. Zu diesen vier gesellte sich als erster Chefredakteur der ZEIT der Journalist und Professor Ernst Samhaber, ein vielseitig gebildeter Deutschchilene, und mit ihm ein kleiner Haufen von Journalisten, die es zum Ende des Krieges aus Berlin nach Norddeutschland verschlagen hatte.

Es war mehr ein Zufall, dass auch die 36 Jahre alte Marion Gräfin Dönhoff ihren Weg zur ZEIT fand. Ein Memorandum, verfasst für einen englischen Offizier, das diesen aber nie erreichte, dafür aber im Hamburger Pressehaus landete, fand sofort das Gefallen der ZEIT- Leute. Marion Dönhoff reiste an, erhielt ein Salär von 600 Mark monatlich und war fortan nicht mehr wegzudenken. In der Ausgabe Nummer 5 stellte sie sich den Lesern mit zwei Beiträgen vor. Der englische Zensor verbat es sich, ihm weismachen zu wollen, dass der Artikel Totengedenken von »diesem jungen Mädchen« geschrieben sei. Ihr zweiter Artikel hieß Ritt gen Westen. Vor genau einem Jahr war sie auf ihrem Fuchswallach Alarich in Westfalen angelangt, sieben Wochen lang war sie im eisigen Winter von Ostpreußen unterwegs gewesen. Ihr Bericht wurde der Grundstock für ein Buch, das zum Best- und Longseller werden sollte: Namen, die keiner mehr nennt.

Die ZEIT wurde in jenen Nachkriegsjahren geprägt von Namen wie Ernst Samhaber, Richard Tüngel, Josef Müller-Marein, der unter dem Pseudonym Jan Molitor Reportagen schrieb, die den Zustand des Landes im »Jahre 1« schilderten, und Ernst Friedländer, der bald zum einflussreichsten Leitartikler des Blattes wurde. Er, der Sohn eines jüdischen Arztes, aufgeklärt konservativ, war ein kultivierter, gebildeter und welterfahrener Herr von 52 Jahren. Als Direktor der IG-Farben hatte er eine Niederlassung in den USA geleitet; den Naziterror überstand er in Liechtenstein. Sein Debüt gab er am 28. November 1946 mit einer Rede an junge Deutsche, die auch heute noch immer abseits stehen. Sein Appell: »Macht Euch bereit für das Zukünftige. Ihr könnte es nur, wenn Ihr dem Trotz entsagt. Ihr entsagt ihm, wenn Ihr das Neue sucht.« In Friedländers Zimmer im Pressehaus ging es zu wie in einem Taubenschlag. Immer saß da jemand, der seinen Rat erbat: junge Menschen, enttäuschte Offiziere.

Doch den meisten Besuch empfing Marion Dönhoff. So jedenfalls berichtet Claus Jacobi , der 1947 als Volontär zur ZEIT stieß. Claus Jacobi, der spätere Chefredakteur des Spiegels und Spitzenmann im Springer-Konzern – noch heute schreibt er eine wöchentliche Kolumne in Bild –, erinnerte sich: »Sie war es, die die meisten Besucher empfing, mal eine verschleierte 20.-Juli-Witwe, mal einen vertriebenen Junker, mal einen Großherzog am Stock.«

In den schweren Jahren des Neubeginns, als Kälte und Hunger herrschten, entstand im kleinen Kreis der ZEIT ein Wir-Gefühl, das die Redaktion auch für die nächsten Jahrzehnte prägte, obwohl zuweilen Freundschaften zerbrachen und wirtschaftliche Zwänge die kleine Familie sprengten. Ob die nüchterne Marion Dönhoff jene Jahre verklärte, als sie sich zum Ende ihres Lebens erinnerte? »Wir waren«, schrieb sie, »nur zehn, zwölf Leute, die mit großer Herzlichkeit und Freundschaft aneinander hingen und alle möglichen Sachen gemeinsam unternahmen. Das war ganz anders als heute, wo immerfort Konferenzen stattfinden und alle gestresst sind.« In dieser Zeit entstand auch das geflügelte Wort: »Laßt uns eine Zeitung machen, die uns selber gefällt.« Der Verleger John Jahr charakterisierte das Blatt damals so: »Da sitzt ein Haufen gescheiter Leute zusammen, diskutiert über Gott und die Welt, interessiert sich weder dafür, was die Leser denken, noch dafür, was die Regierung oder die Industrie oder andere Gruppen wollen; nein, sie streiten einfach untereinander und am Schluss schreiben sie auch noch das, was sie denken – manchmal sogar jeder was anderes.« Marion Dönhoff empfand das als großes Lob.