80 Tage

Zwanzig Jahre vor dem Karren

Jeden Tag zieht Mangal Chowdury eine Rikscha durch Kalkutta. Wäre er nicht immer auf denselben Straßen unterwegs, hätte er längst die Welt umrundet. Jetzt will der Staat das altertümliche Rikscha-Gewerbe verbieten. Doch wie soll Mangal dann seine Familie ernähren?

Die Haut an Mangals Füßen ist zäher als Reifengummi. Sie schabt über Lehm. Sie kratzt über Schutt. Sie reibt über Asphalt. Aber sie reibt sich nicht ab. »Schau«, sagt Mangal stolz und streicht mit den Fingern über seine verhornte Fußsohle. »So hart wie die Straße.«

Mangal, der Pferdemensch. Jeden Tag zieht er die Rikscha durch die Stadt. Oben, auf der gepolsterten Bank, sitzt eine Frau im Sari. Oder ein Bürokrat mit Bügelfalten in der Hose. Oder ein Junge in Schuluniform. Unten, zwischen der Deichsel, rennt ein magerer Mann, der sich keine Schuhe leisten kann: Mangal Chowdury. Irgendwann ist jemandem dieser Vergleich eingefallen. Seitdem haben die Rikscha-Zieher von Kalkutta ihren Namen: Pferdemenschen.

Mit einem Stück Tonband und ein paar wilden Hunden beginnt der Tag. Kurz vor Sonnenaufgang ruft ein elektronischer Muezzin mit leiernder Stimme die Muslime zum Gebet, ein Rudel Straßenköter antwortet. Das weckt auch die Hindus unter den Schlafenden. Mangal ist als einer der Ersten auf den sehnigen Beinen. Er rollt die graue Decke zusammen, mit der er nachts den Steinboden polstert. Vorsichtig steigt er über gekrümmte Rücken und angewinkelte Beine, balanciert vorbei an gähnenden Mündern und müden Gesichtern. Vorbei an ein paar Dutzend anderen Rikscha-Ziehern, die wie er ihre Nächte in einem Hinterhof in der Beniapukur Road, einer schmalen, staubigen Straße in der Altstadt von Kalkutta, verbringen. Ein Gang zur Latrine, ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, dann zerrt Mangal seinen zweirädrigen Holzkarren hinaus auf die Straße. Hinter dem Smog steigt ein braungelber Fleck auf. Das ist die Sonne.

Balkone bröseln, Erker bröckeln, aus Löchern wachsen kleine Bäume

Vor 300 Jahren erbauten die Briten an einem Nebenarm des Ganges die östliche Hauptstadt des Empire. Kalkutta. Seitdem baut die Stadt sich selbst wieder ab. Nie renovierte, nie reparierte Mauern stürzen ein, Balkone bröseln, Erker bröckeln, aus Löchern in zehn Meter Höhe wachsen kleine Bäume. Paläste werden zu Pissoirs, Bürgerhäuser zu Rückzugsgebieten für Krähen und Ratten.

Und für Menschen. An jeder Ecke steht ein verlassenes Haus, das auf den zweiten Blick gar nicht verlassen ist, sondern nur verfallen. Kein Dach in Kalkutta ist so verrottet, dass nicht ein halbes Dutzend Familien darunter Schutz suchte, mindestens. Die Briten hatten die Stadt für eine Million Menschen geplant. Heute drängen sich hier 14 Millionen, und tagsüber sind sie auf den Straßen, in den Gassen unterwegs. In rostigen Bussen und morschen Lastern, mit Fahrrädern, Motorrollern und japanischen Kleinwagen, mit Handkarren und klapprigen, gelben Taxis, oder einfach nur zu Fuß. Mittendrin im Dieselqualm trabt Mangal Chowdury mit seiner Rikscha.

Kurz vor der AJC Bose Road, einer überlasteten Hautpstraße, an der Mutter Theresas Orden in einem mächtigen Betonblock seinen Hauptsitz hat, haben ihn die ersten Fahrgäste gestoppt. Ein Schneider mit von Henna rot gefärbten Haaren und sein erwachsener Sohn. Sie wollen zum New Market, dem großen Basar der Altstadt, gut anderthalb Kilometer entfernt. Dort gehört ihnen ein Laden. Zu zweit zwängen sie sich auf die Sitzbank.

Die ersten Schritte. Sie sind die schwersten, die zehrendsten. Noch fehlt der Rikscha der Schwung. Mangal reißt an den Holmen, in einem tausendfach geübten Bewegungsablauf wirft er sich nach vorn, bringt die Räder zum Rollen, beginnt mit schweren Schritten zu laufen, gewinnt Geschwindigkeit, läuft leichter, richtet sich auf, weicht einem wild hupenden Sattelschlepper aus, biegt in eine Seitengasse, sieht ein Schlagloch, will rechts vorbei, da kommt ihm ein Taxi entgegen. Er reißt die Rikscha nach links, vermeidet das Schlagloch, tritt dafür in den Rinnstein, in einen Brei aus Urin, Plastiktüten und Küchenabfällen. Er strauchelt nicht, verliert aber an Geschwindigkeit, beugt sich wieder nach vorn, beschleunigt, hetzt weiter, biegt zum letzten Mal ab, wird jetzt langsamer, erreicht den Basar, bremst und bleibt stehen.

Mangal setzt die Rikscha ab. Er schnauft, schwitzt, saugt schmutzige Luft ein. Die Männer steigen herunter, der Schneider zupft sein Halstuch zurecht, steckt Mangal einen Schein zu. Zehn Rupien, umgerechnet 20 Cent.

Jeder Rikscha-Mann läuft anders, hat seine eigene Art, den Karren zu ziehen. Manche wackeln bei jedem Schritt mit dem Oberkörper, andere laufen ruhiger, die Strapaze ist dann nur am Schweiß zu erkennen, der ihnen in den Nacken rinnt. Oder an kleinen Bewegungen, wie bei Mangal. Immer wenn seine schmalen Muskeln zu stechen beginnen, fängt er an, ein wenig mit dem Kopf zu schlenkern. Er sagt, es helfe ihm Luft zu holen. Die Bewegung hat sich eingeschliffen mit der Zeit.

Vor 42 Jahren wurde Mangal geboren, in Bihar, dem ärmsten aller verarmten indischen Bundesstaaten. Vielleicht auch vor 40 Jahren. Oder vor 45, niemand schrieb damals das Datum auf. Als junger Mann kam er nach Kalkutta. Seitdem zieht er die Rikscha durch die Altstadt.

Auch an diesem Tag wird Mangal Chowdury 13 Stunden unterwegs sein. Er wird 15 Kilometer zurücklegen und zwischendurch stundenlang auf Kunden warten. Er wird einen Tag erleben, der sich durch nichts von Tausenden Tagen zuvor unterschiede, wenn da nicht dieser andere Tag gewesen wäre, der 15. August 2005, der alles verändert hat. Der Tag, an dem die Globalisierung die Altstadt von Kalkutta erreichte und die Regierung die Befreiung des Mangal Chowdury ankündigte.

Es stand damals in allen indischen Zeitungen, auf Englisch, auf Hindi, auf Bengali. Die Agentur Reuters und die BBC sandten die Nachricht in die Welt hinaus. Die Rikscha-Zieher aber hörten sie als Letzte. Fast alle sind sie Analphabeten. Mangal ist nie zur Schule gegangen. Radio oder Fernseher besitzt er nicht. Neuigkeiten erfährt er erst, wenn sie ihm jemand erzählt. Kumar, der Teeverkäufer zum Beispiel. Oder Subhash, der Tabakschneider. Die Beine gekreuzt, den schmalen Rücken gebeugt, sitzt er den ganzen Tag lang am Straßenrand und zersäbelt Tabakblätter. Mit einer Prise Kalk verknetet und in die Wange geschoben, verschaffen die Krümel einen leichten Rausch, dann fällt die Arbeit nicht so schwer. Mangal kauft ihm hin und wieder ein paar Klümpchen ab und bekommt die neuesten Nachrichten gratis dazu.

So erfuhr er es damals: Buddha will die Rikschas abschaffen.

Buddha heißt eigentlich Buddhadeb Bhattacharjee, aber die meisten nennen ihn Buddha, manchmal auch roter Buddha, denn Bhattacharjee ist Kommunist. In Westbengalen ist das nichts Schlechtes, im Gegenteil, seit 30 Jahren wird dieser indische Bundesstaat mit seiner Hauptstadt Kalkutta von demokratisch gewählten Marxisten regiert. Seit fünf Jahren ist Bhattacharjee der Chef der Regierung. Ein schmaler Mann, Anfang 60, der gern die traditionelle, weiße indische Baumwollkleidung trägt. Auch Mangal hat für ihn gestimmt. Er hatte gehört, Buddha wolle sich für die Schwachen einsetzen.

In jener Pressekonferenz im vergangenen August sprach Bhattacharjee viel von der Menschenwürde. Er sagte, überall auf der Welt seien die von Hand gezogenen Rikschas abgeschafft, seit langem schon, in Delhi, in Shanghai, in Tokyo. Nur in Kalkutta nicht. Er sagte, das sei eine Schande, denn der Mensch dürfe dem Menschen kein Pferd sein. Er sagte, seine Regierung werde die Rikscha-Zieher von ihrem Schicksal erlösen und die Rikschas innerhalb weniger Monate von den Straßen verbannen.

So sprach Bhattacharjee. Die Rikscha-Zieher aber verstanden ihn nicht.

Erlösung? Davon können sie nicht leben. Verstoß gegen die Menschenwürde? Sie haben nichts anderes gelernt. »Das ist eine ehrliche Arbeit«, sagt Mangal. »Wie sollen wir sonst Geld verdienen?«

Die indischen Zeitungen erwähnten in den Wochen nach dem 15. August noch ein zweites Motiv für das bevorstehende Verbot der Rikschas, eine Nachricht, die Mangal Chowdury nie erreichte, weil sie irgendwo auf dem Weg zu den Teeständen und Tabakläden stecken blieb: nämlich dass auch Buddha weniger an die Humanität als ans Geldverdienen dachte. Nur dass es ihm um viel mehr Geld geht.

Tatsächlich sprach Bhattacharjee nicht nur von der Menschenwürde. Leiser, zurückhaltender erwähnte er in späteren Interviews auch den schlechten Ruf der Stadt. Er sagte, der schwitzende Rikscha-Zieher dürfe nicht länger als Sinnbild Kalkuttas taugen, als Symbol der Rückständigkeit. Noch immer ist dies das Bild, das sich viele Leute in Amerika, England, Deutschland, im Westen, von Kalkutta machen, und das ist ein Problem. Denn aus dem Westen kommt das Kapital, kommen die Konzerne.

Einige sind schon da. Draußen, am östlichen Rand Kalkuttas stehen ihre Namen auf den Firmenschildern: IBM, der Computerriese. PriceWaterhouseCoopers, der Beratungskonzern. Unternehmen, deren Bürotürme überall auf der Welt gleich aussehen, egal, ob sie in New York, Kuala Lumpur oder Kalkutta stehen. Unternehmen, die ihre Mitarbeiter überall auf der Welt nach den gleichen Kriterien aussuchen: Sie sollen jung sein, flexibel, gut ausgebildet und fließend Englisch sprechen. Unternehmen, die den alternden Kommunisten Bhattacharjee davon träumen lassen, aus Kalkutta ein kleines China zu machen. Auch dort waren es die Kapitalisten, die für Arbeitsplätze und Autobahnen sorgten.

Immer mehr reiche Leute auf den Straßen, immer weniger Kunden

Neuerdings stehen in Kalkutta große Plakate am Straßrenrand. In schwarzer Schrift auf orangefarbenem Grund steht da: Kolkata rising. Kalkutta steigt auf.

Mangal wartet. Er hat zwei Mädchen von der Schule abgeholt. Unter der aufklappbaren Bank seiner Rikscha verwahrt er Fotos der beiden und ein Schreiben ihrer Eltern. Es ist der Beleg, dass sie ihm die Kinder anvertrauen, darauf ist er stolz. Er hat eine alte Frau zum Einkaufen in die Madge Lane gebracht und einen dicken, schwitzenden Mann fast zwei Kilometer weit durch die Stadt bis kurz vor den Friedhof an der Park Street gezogen und dafür nur fünf Rupien bekommen. Mehr Geld habe er nicht, hat der Dicke behauptet und ist in der Menge verschwunden.

Jetzt sitzt Mangal auf einer kleinen Mauer an seinem Standplatz in der Muzaffar Ahmed Street, einer schmalen, leiseren Nebenstraße der AJC Bose Road. Die Rikscha hat er nach vorn gekippt, die Enden der Holme liegen im Staub. Taxis bahnen sich hupend den Weg, ein Fahrradfahrer mit blutigen Tierfellen auf dem Gepäckträger rollt vorbei, junge Männer auf Motorrädern überholen einen trabenden Wasserträger, über dessen Schultern ein tropfender Ledersack hängt. Mangal bleibt sitzen. Mit den Augen sucht er die Gesichter der Vorbeihastenden ab, sucht nach Fahrgästen. An seinem Handgelenk baumelt eine kleine, gusseiserne Glocke, alle paar Minuten schlägt er sie an, erzeugt ein sanftes Klingeln, das Klingeln der Rikscha-Zieher. So wirbt er um Kunden. Und wartet.

Schon vor der Ankündigung des Verbots habe er es gespürt, sagt Mangal: Das Geschäft läuft schlechter. Er hat seine eigene Theorie dazu. Immer mehr Autos, immer mehr Mopeds seien auf den Straßen. »Immer mehr reiche Leute.«

Reiche Leute sind neuerdings schlechte Kunden. Wer in Kalkutta heute zu Wohlstand kommt, wer einen gut bezahlten Job bei einem Software-Unternehmen findet, zieht oft hinaus an den Rand der Stadt, in Appartmenthäuser nach westlichem Muster. Dort draußen, im neuen Kalkutta, waren die von Hand gezogenen Rikschas von Anfang an verboten. Dort sind die Rasenflächen stets gemäht und frei von Müll. Es gibt italienische Restaurants und Shopping Malls, vor denen Wachleute in Uniformen stehen. Zum Flughafen ist es näher als in die Altstadt. Kolkata rising.

Endlich, ein neuer Fahrgast. Mangal zieht eine Lehrerin im dunklen Sari die überfüllte Royd Street hinunter, vor ihm läuft ein anderer Rikscha-Zieher. Das ist sein Glück. Der andere ist zuerst an der nächsten Abzweigung, er wird von der Polizei gestoppt. Kurzes Geschrei über nicht eingehaltene Verkehrsregeln, zaghafte Verteidigung, dann wechselt ein Schein den Besitzer. Die Polizisten stehen in Kalkutta an jeder Kreuzung, in schwarzen Stiefeln und strahlend weißen Uniformen, die am Abend grau sind, vom Staub und von den Abgasen. Hin und wieder bessern sie ihr Gehalt auf Kosten der Rikscha-Zieher auf. Sie erfinden Bestimmungen, von denen keiner weiß, oder pochen auf Regeln, an die sich im Lärm dieser Stadt niemand hält. »Nicht hupen!« zum Beispiel, oder »Nicht die Glocke läuten!« Mindestens einmal pro Woche, sagt Mangal, werde er von einem Uniformierten geschröpft. Diesmal hat er Glück. Während der Polizist auf den anderen Rikscha-Zieher einredet, zieht Mangal den Karren zur Seite und verschwindet um die nächste Ecke.

Bis zum 31. Dezember 2005 sollte Kalkutta frei sein von Rikschas. So hieß es noch im Herbst. Jetzt sieht es so aus, als wolle die Regierung die Wahlen im Mai abwarten. Die Kommunisten werden wohl wieder gewinnen. Dann hätten sie freie Bahn. Vor zehn Jahren machten sie sich schon einmal daran, das Bild der Stadt zu verschönern. Sie verkündeten die »Operation Sonnenschein«. Polizisten rückten aus und verjagten die Kleinhändler von den Gehsteigen, wo sie auf Decken und wackeligen Tischen billige Hemden, Hosen, Töpfe, Uhren, Geldbeutel verkauft hatten.

So ähnlich könnte es in ein paar Monaten den etwa 20.000 Rikscha-Ziehern ergehen. »Was soll dann aus meiner Familie werden?«, sagt Mangal.

Seine Familie: Jeden Monat schickt er Geld, zweimal im Jahr besucht er sie. Er setzt sich in einen vollen Zug, fährt aus der Stadt hinaus und noch weiter, zwölf Stunden lang, und dann fährt er noch einmal zwei Stunden im Bus, bis sich die geteerte Straße irgendwann in eine Sandpiste verwandelt. Das ist seine Heimat, Bihar.

Mangal kommt aus einem Dorf, in dem dieselbe Uhrzeit gilt wie in Kalkutta. Trotzdem liegt es in einer anderen Zeitzone. Irgendwo im 19. Jahrhundert.

Den Brennstoff für den Ofen kneten die Kinder dort aus Kuhdung. Das Wasser zum Kochen holen die Frauen aus dem Tümpel. Den Lehm für die Hütten kratzen die Männer aus dem Boden. In einer solchen, mit Stroh gedeckten Hütte leben Mangals Frau und seine vier Kinder.

Sie kamen zur Welt, während er die Rikscha durch Kalkutta zog. Jedes Mal rief er aus einem Telefonladen zu Hause an, und dreimal erfuhr er, seine Frau habe eine Tochter geboren. Dreimal war dies, finanziell gesehen, eine schlechte Nachricht. Denn eine Tochter wird irgendwann verheiratet, und draußen auf dem Land in Bihar bedeutet das: Der Vater muss bezahlen. 50.000 Rupien, umgerechnet 1000 Euro, hat Mangal die Mitgift für seine Älteste gekostet, die jetzt 18 ist, so viel verdient er in zwei Jahren nicht. Irgendwie hat er das Geld zusammengekratzt. Doch bald ist die nächste Tochter an der Reihe, dann die übernächste, dann wird er wieder zahlen müssen, auch wenn ihm die Rikscha bis dahin womöglich längst genommen wurde, wenn er sich bis ans Lebensende verschulden muss. So will es seit Jahrhunderten die Tradition.

In Mangals Dorf ist jeder Mensch von seiner Geburt an Teil eines scheinbar komplizierten Systems von Kasten und Unterkasten, das in Wirklichkeit sehr einfach ist. Denn nach diesem System gibt es nur zwei Arten von Menschen: Herren und Knechte. Landbesitzer und Landlose. Mangals Familie gehört zu den Landlosen.

Das heißt, nicht ganz. Seine Eltern haben ihm ein kleines Feld vererbt. Aber es ist so winzig, dass der Reis, den es abwirft, nur für zwei oder drei Monate reicht.

Als Mangal sein Dorf verließ, war er ein junger Mann. Er war frisch verheiratet, er wusste, er würde Kinder haben. Er hatte Angst, seine Familie hungern zu sehen. Das trieb ihn in die Stadt. Nach Kalkutta. Er wusste nicht, wie es dort aussah, wusste nicht, welche Arbeit es dort zu tun gab. Aber es gibt ein Sprichwort, draußen auf dem Land. Es heißt: »In Kalkutta fliegt das Geld auf der Straße herum. Man muss nur einen Weg finden, es einzufangen.«

Die Rikscha-Zieher stammen aus der ärmsten Region Indiens

Ein Nachbar bot sich an, ihm diesen Weg zu zeigen. Er arbeitete als Straßenkehrer in Kalkutta, auch er war einst von einem Bekannten mit in die Stadt genommen worden. Fast alle Landflüchtigen haben diese Helfer, Kontaktleute aus der näheren Umgebung, die ihnen das Unbekannte näher bringen. Ihnen eifern sie nach. So kommt es, dass im scheinbar so chaotischen Moloch Kalkutta fast alle Köche aus Orissa kommen, einem weiteren indischen Bundesstaat. Die Gepäckträger und Straßenverkäufer stammen meist aus Uttar Pradesh, die Taxifahrer oft aus dem Punjab. Die Straßenkehrer und die Rikscha-Zieher aber kommen aus Bihar.

Der Nachbar brachte Mangal in einem Schlafsaal der städtischen Putzkolonnen unter, nicht weit von der AJC Bose Road. Dort sollte er ausharren, bis sich eine Arbeit für ihn fand. Nach ein paar Tagen sprach ihn ein Rikscha-Unternehmer an, der auf der Suche nach neuen Leuten war. Kaum ein Rikscha-Zieher in Kalkutta ist sein eigener Herr. Die 10.000 Rupien, die jeder der hölzernen Karren kostet, bringen sie nicht auf. Geschäftsleute leben davon, Rikschas zu besitzen und an billige Männer wie Mangal zu verleihen, die sich dann auf die Suche nach Fahrgästen machen. Männer vom Land, die wenig zu bieten haben außer der Kraft ihrer Beine.

Mangal Chowdury nahm das Angebot an, so wurde er Rikscha-Zieher. Er hatte einen Weg gefunden, Geld zu fangen.

Am Anfang verdiente er nur ein paar Münzen am Tag. Er verirrte sich im Gedränge der Stadt. Er kann ja keine Schilder entziffern, keine Namen lesen. Später half ihm die Gewohnheit, den richtigen Weg zu finden. Breite Gehsteige, wenige Geschäfte: die Mohammed Ishaque Road. Ein großes, strahlend weißes Gebäude an der Ecke: die Park Street. Ein Restaurant mit Turban tragendem Türsteher: die Abzweigung zur Mirza Ghalib Street. Es sind ja nicht viele Straßen, viele Gassen, in denen er sich bewegt. Die von Hand gezogenen Rikschas bedienen nur kurze Strecken, wer weiter weg will, nimmt eine Motorrikscha oder gleich ein Taxi.

Zehn, 15, manchmal 20 Kilometer läuft Mangal am Tag: Wäre er nicht jeden Abend in den Hinterhof in der Beniapukur Road zurückgekehrt, in dem er die Nächte verbringt, er wäre in den vergangenen 20 Jahren von Kalkutta aus längst einmal um die Erde gerannt, ein Wunder der Mobilität in Zeiten der Globalisierung. Stattdessen ist er daheim geblieben, ist tausendfach dieselben Straßen entlanggetrabt. Das Gebiet, auf dem er sich bewegt, ist kaum größer als der Ort in Bihar, aus dem er stammt. So hat das lärmende Kalkutta seinen Schrecken verloren. Mangal hat die Stadt zum Dorf gemacht, in dem er jede Ecke, jeden Teesieder schon einmal gesehen hat. Er ist in seiner Zeitzone geblieben.

Es dämmert schon, als Mangal an seinem Standplatz in der Muzaffar Ahmed Street wieder einen Fahrgast findet: Eine gebeugte Frau mit kleinem Kind auf dem Arm spricht ihn an. Sie will gerade auf der Sitzbank Platz nehmen, da kommt ein großer, von der Sonne geröteter Mann in T-Shirt, weiter Hose und Sandalen vorbei. Er hebt die Hand, ruft: »Rikscha!« Das ändert alles.

Plötzlich ist es Mangal, der Macht hat. Er, der gewohnt ist, dass ihn die Fahrgäste betrügen und zur Eile antreiben, befiehlt der Frau mit scharfen Sätzen, sich eine andere Rikscha zu suchen. So schafft er Platz für das bessere Geschäft. Die Fremden, Europäer, Amerikaner, Australier, haben so viel Geld, dass sie um die halbe Welt fliegen können. Sie sind begehrte Fahrgäste.

Dieser hier will in die Sudder Street, wo die Touristenhotels und Guesthouses stehen. »Fifty Rupies«, fordert Mangal, als er ihn zehn Minuten später keuchend absetzt. Der Mann schaut ein wenig zweifelnd, nestelt dann an seiner Gürteltasche, gibt ihm schließlich 40 Rupien, immer noch das Vierfache der normalen Rate, und geht in sein Hotel.

Am Abend hat Mangal 130 Rupien eingenommen. 2,60 Euro. Oft kommt er nicht einmal auf 100 Rupien. Es war ein guter Tag.

Nach solchen Tagen fährt Mangal manchmal nach Sonagachi. Fast alle fahren nach Sonagachi.

Jedenfalls ist das zu vermuten. Die Männer sprechen nicht gern darüber, die meisten, auch Mangal, behaupten, sie seien nie dort gewesen. Die Frauen aber erzählen etwas anderes. Sie sagen, ein Gutteil ihrer Kunden sei Rikscha-Zieher.

Sonagachi ist der Name des Viertels, das ein paar Kilometer nördlich des Hinterhofs in der Beniapukur Road liegt. Es ist laut, die Häuser sind verwittert, die Straßen voller Menschen, alles in Sonagachi ist so wie überall sonst in Kalkutta, bis auf die Frauen und die Plastikplanen. Die Planen hängen oben vor den Fenstern und versperren die Sicht auf das, was dahinter geschieht. Die Frauen stehen unten vor den Türen, in langen Reihen nebeneinander, manche in gelben Saris, andere in schwarzen Miniröcken und hochhackigen Schuhen, wie sie in Kalkutta sonst nur auf Werbeplakaten für französische Parfüms zu sehen sind.

Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen gehen von 9000 Prostituierten aus. Sonagachi ist einer der größten Rotlichtbezirke in Indien. Ein Sexmarkt, in dem auf den ersten Blick ein Kunde dem anderen gleicht, weil jeder das Gleiche will, und der doch in Wahrheit genauso geteilt ist wie der Rest des Landes.

50 Männer schlafen auf dem Boden eines feuchten Hinterhofs

Es gibt in Sonagachi hübsche, sorgfältig geschminkte, teure Frauen, die manchmal sogar Englisch sprechen und vor Häusern warten, in denen saubere Betten in sauberen Räumen stehen. Zu ihnen gehen erfolgreiche indische Geschäftsmänner. Und es gibt weniger hübsche, schlecht angezogene, billige Frauen mit verbrauchten Gesichtern. Auch sie stammen meist aus irgendwelchen Dörfern, weit draußen auf dem Land. Auch sie versuchen verzweifelt, Geld zu fangen. Zu ihnen gehen die Rikscha-Zieher.

Sie folgen ihnen über schwach beleuchtete, feuchte Treppen auf schwarze Holzpritschen, die in niedrigen Räumen stehen, immer drei oder vier Pritschen auf einmal, nur durch ein paar Tücher getrennt, die jedes Geräusch durchlassen. Die Bordellbesitzer gehen sparsam mit dem Platz um.

20 Minuten kosten nicht einmal 50 Rupien, knapp einen Euro. Das können sich auch Rikscha-Zieher leisten. In Sonagachi sind sie es, die bezahlen.

Die Straßen sind dunkel, als Mangal mit müden Augen den Hinterhof erreicht. Gleich hinter dem eisernen Tor sitzt ein stämmiger Mann mit Schnauzer und sauber gezogenem Scheitel neben einem brüllenden Fernseher: der Kleinunternehmer Anwar Hussain, Besitzer von mehreren Dutzend Rikschas und Eigentümer dieser Dera. So nennen sie in Kalkutta die Rikscha-Garagen. Die Garage ist nicht mehr als ein schmaler, feuchter Betonstreifen zwischen zwei Hauswänden. Jede Nacht liegen dort 50 Rikscha-Zieher neben 50 Rikschas auf dem steinernen Boden. Aber immerhin gibt es einen Wasserhahn, eine Latrine und ein Dach aus Ziegeln und Plastikfolien. Andere Rikscha-Zieher schlafen auf Kalkuttas Gehsteigen. In der Nacht legen sie sich neben die Straßen, die sie am Tag hinauf- und hinunterlaufen.

Mangal drückt Anwar wortlos einen 20-Rupien-Schein in die Hand, die Rikscha-Miete für einen Tag. Am Wasserhahn schrubbt er sich den Schweiß und den Staub vom Körper und zieht das andere, das frischere der zwei Hemden über, die er besitzt.

Gegenüber wohnt ein Funktionär der Kommunistischen Partei

Unter dem Licht einer Neonröhre sitzen die Rikscha-Zieher in Gruppen auf dem Boden beisammen. Einige liegen auf niedrigen Holztischen und massieren sich gegenseitig Senföl in die Beine, das lockert die Muskeln. Andere haben gekocht. Mangal setzt sich dazu, er hockt sich auf seine Fersen, sein Nebenmann schiebt ihm einen Teller mit Reis und Gemüsesoße hin. Mit den Fingern greift er hinein, mischt, knetet, schiebt sich eine Hand voll in den Mund. Die Männer essen schweigend, nur hin und wieder lässt einer einen Satz fallen, meist über das Leben im Dorf, dass es bald wieder Zeit ist für die Ernte, zum Beispiel. Manchmal sprechen sie auch über das bevorstehende Verbot der Rikschas, schimpfen auf die Regierung, aber nur mit gesenkter Stimme. Auf der anderen Seite des Hofes wohnt ein einflussreicher Funktionär der Kommunistischen Partei, vor ihm haben sie Angst.

Dann rollen sie sich in ihre Decken.

Von draußen dringt kaum noch Lärm in den Hinterhof. Das Hupen der Taxis, das Knattern der Motorräder, das Hämmern der Blechschmiede, sogar das Bellen der Hunde verstummt. Die Nacht bringt Kalkutta zum Schweigen. Einen Moment lang herrscht Ruhe in der Dera, bis sich ein neues Geräusch Raum verschafft, das bis zum Morgen nicht aufhören wird und wie ein endloses Echo durch die Reihen der Schlafenden wandert. Ein Geräusch, hervorgepresst aus 50 vom Dieselruß verdreckten Lungen. Das Husten der Pferdemenschen.

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Leser-Kommentare

  1. Da sieht man mal wieder, es bedarf nicht immer unserer westlichen Standards um eine ganze Familie zu ernähren.
    Mitleid kommt bei mir durch den Bericht nicht auf, da es, wie der Riksha- Fahrer selbst sagt, eine ehrliche Arbeit ist.
    Als ich vor drei Jahren in Kalkutta war, betätigte ich mich selber als "Ausbeuter". Es gehört nun einmal zu Kalkutta, wie die Sachertorte zu Wien oder der Joint zu Amsterdam.
    Und eines sei noch hinzugefügt, vorallen westliche Weltverbesserer und Esotherik- Touristen waren es, die mit den Pferdemenschen noch anfingen zu handeln um sich dann noch an ihrer Mildtätigkeit und Güte zu erfreuen.

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  • Von Uchatius
  • Datum
  • Serie -
  • Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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