DIE ZEIT: Herr Rasmussen, braucht Europa eine Dienstleistungsrichtlinie?

Poul Nyrup Rasmussen: Natürlich. Wir brauchen einen gemeinsamen Markt für Dienstleistungen – für Anwälte, für Elektriker und Klempner und andere. Der darf allerdings die Sozial- und Arbeitsstandards nicht unterminieren. Wir müssen dafür sorgen, dass osteuropäische Arbeitnehmer im Westen zu dortigen Bedingungen arbeiten.

ZEIT: Viele Bürger fürchten, dass die Richtlinie der Billiglohnkonkurrenz Tür und Tor öffnet.

Rasmussen: Die gleichen Befürchtungen gab es, als wir Spanien und Portugal in die EU aufgenommen haben. Da ist jedoch nichts Schlimmes geschehen. Einen Unterschied sehe ich allerdings: Im Moment kursieren zu viele böse Geschichten über Osteuropäer. Denken Sie an die Fleischer, die in Norddeutschland für ein Drittel der ortsüblichen Löhne gearbeitet haben. Sie können von den Leuten doch keine Zustimmung für Europa erwarten, wenn so etwas geschieht.

ZEIT: Anfang der Woche haben viele Gewerkschafter gegen Europa demonstriert. Sind Sie bei solchen Demos dabei?

Rasmussen: Ja. Das gehört zu einem modernen politischen Leben. Ich habe auch in Hongkong vor den Türen der Welthandelsorganisation friedlich demonstriert – mit Tausenden junger Hausangestellter, die nur alle vier Jahre einmal nach Hause dürfen. Ich liebe den Slogan von damals noch jetzt: "Die Welt steht nicht zum Verkauf!"

ZEIT: Klingt nach der Philosophie einiger Ihrer Parteifreunde: Drinnen mitregieren und draußen demonstrieren, nicht Fisch, nicht Fleisch.

Rasmussen: Ich brauche das "Draußen-Gefühl", um drinnen etwas verändern zu können. Ich muss mich als Teil des Volkes fühlen können.

ZEIT: Von denen unterscheiden Sie sich aber gewaltig. Für viele gilt Europa als Teil des Problems. Für Sie ist es die Lösung.

Rasmussen: Deswegen müssen wir Politiker mutig werden und den Leuten sagen: Allein löst keine nationale Regierung eure Probleme. Allein schafft das übrigens auch Europa nicht. Wir brauchen ein völlig neues Zusammenspiel von Städten, Bundesländern, nationalen Regierungen und der EU. So wie ein Automechaniker heute anderes Werkzeuge als früher benutzt, müssen wir im Zeitalter der Globalisierung umdenken.

ZEIT: Das klingt kompliziert und theoretisch.

Rasmussen: Warum? Wir haben gelernt, mit drei Ebenen umzugehen. Warum nicht auch mit vier? Europa hat allerdings ein Problem: Es wirkt so blutleer. Wir müssen Europa politischer machen. Denn echte Politik braucht Herzblut, Gefühle, Tränen, Schweiß und Engagement. Das fehlt bislang, in der EU gibt es nur Institutionen. Wie sollen die Leute Europa lieben, wenn sie nur Gebäude sehen und wichtige Männer, die in dunklen Limousinen anfahren? Europa muss für mehr und bessere Jobs sorgen. Das ist für die Leute wichtig – übrigens wichtiger als die Verfassung.

ZEIT: Und wie soll die EU mehr Jobs schaffen?