ZEIT: Apropos Honorar: Es heißt, man habe Ihnen eine Rolle in dem Film Don Juan De Marco neben Marlon Brando angeboten, allerdings mit dem Zusatz, bezahlt werde nur mit der Ehre, weil alles Geld schon für Marlon Brando draufgegangen sei.

Mueller-Stahl: Ehre hatte ich aber schon, und das hab ich ihnen auch gesagt: entweder so viel Geld wie Brando, oder sie mögen sich bitte jemand anderen suchen. Das taten sie dann auch. Bei Claudia Cardinale wäre die Sache natürlich anders gewesen. Um an der Seite dieser Frau zu spielen, hätte mir die Ehre genügt.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt: Die Helden sind oft die Dummen.

Mueller-Stahl: Das ist auch eine Frage des Blickwinkels. Ich will Ihnen ein Beispiel aus meiner Kindheit erzählen: Als Sechsjähriger schickte mich meine Mutter mit einem Geldschein zum Kiosk. Ich kaufte dort etwas, und der Mann gab mir aus Versehen viel zu viel Geld zurück. Ich nahm es und erzählte meiner Mutter davon. Die schimpfte: Ich solle zurückgehen und das Geld zurückgeben. Ich stellte mir vor, wie mich der Kioskbesitzer loben würde, vielleicht sogar mit ein paar Süßigkeiten belohnen. Nichts dergleichen: Gelangweilt nahm er das Geld zurück und scheuchte mich geradezu aus seinem Laden. Nun frage ich Sie, war ich ein Held oder eher ein Dummkopf?

ZEIT: Moralische Kriterien sind Ihnen zu simpel?

Mueller-Stahl: Nein, manchmal ist Moral schon ein guter Ratgeber. Ich hatte mal das Angebot, einen kurzen Werbespot für einen deutschen Stahlkonzern zu machen, für richtig viel Geld. Zunächst hatte ich zugesagt, unter der Bedingung, dass ich den Inhalt der Spots mitbestimmen dürfte. Dann sah ich in den Fernsehnachrichten, dass dieser Konzern Panzer nach Saudi-Arabien geliefert hat. Meine Frau und ich sahen uns an, am nächsten Tag sagte ich ab.

ZEIT: Aus Ihrer Stasi-Akte mussten Sie erfahren, dass einer Ihrer besten Freunde Sie verraten hat. Wie gingen Sie damit um?

Mueller-Stahl: Um ganz ehrlich zu sein, habe ich bei zwei, drei Gelegenheiten ein klein wenig vermutet, dass er für die arbeitet. In all den Jahren danach habe ich auch versucht, solche Menschen zu entschuldigen mit dem Wissen, dass ein solcher Staat, ein solches System Köpfe deformieren kann. Das geht nicht so weit, dass ich diesen Freund angerufen habe. Aber ich würde ihm jederzeit anbieten: Komm mal rum, wir reden miteinander, und wir müssen auch nicht darüber reden. Aber den Anfang müsste er machen. Bislang hat es wohl sein schlechtes Gewissen verhindert.

ZEIT: Ein alter Weggefährte von Ihnen, Heiner Müller, hat ebenfalls mit der Stasi zusammengearbeitet.

Mueller-Stahl: Das mit dem Heiner ist eine merkwürdige Geschichte. Ich habe ihn an der Volksbühne kennen gelernt. Da war er schon ein Geheimtipp, aber noch nicht viel mehr. Eines Tages fragte er mich, ob ich ihm 500 Mark leihen könne, worauf ich erwiderte: 500 Mark kann ich dir nicht leihen, aber 50 schenk ich dir. Am nächsten Tag stand er gleich wieder vor der Tür: Ich möchte von dir 50 Mark geschenkt bekommen. Ich fragte: Warum gehst du jetzt nicht zu einem anderen? Er: Bei dir hat das so gut geklappt. Heiner wurde später mit dem Erfolg arrogant. Irgendwann trafen wir uns beim Geburtstag von Stefan Heym, da war ich schon im Westen. Heiner sagte nur ein paar Worte zu mir: Ich habe Ihr Stück gesehen; na ja, na ja! Es hatte ihm offensichtlich nicht sehr gut gefallen. Ich dachte: Auf welcher Wolke schwebt er denn nun?

ZEIT: War das Ihre letzte Begegnung?

Mueller-Stahl: Nein, er kam eines Tages nach Los Angeles. Meine Frau sagte, Heiner Müller ist da, wir können ihn sehen. Ich hatte keine Lust, sie machte trotzdem ein Treffen aus. Es ging ihm damals schon nicht mehr gut. Er hatte wegen seiner Krebserkrankung leider Probleme beim Sprechen. Aber er war ganz, ganz reizend, alle Eitelkeiten waren wie weggeblasen. Das brachte mich auf den Gedanken, dass er dem Tod möglicherweise schon sehr nahe ist.