ZEIT: Sie haben einen sehr klaren, unsentimentalen Blick auf das Leben und auch auf Ihre Freunde. Über den Schriftsteller Jurek Becker sagten Sie einmal: Ich hielt ihn für klüger, als er ist, und er hielt mich für dümmer, als ich bin.

Mueller-Stahl: Das war keine Kritik. Schriftsteller sind merkwürdige Menschen, sie hören einem zu und merken sich einen Satz, den man gesagt hat. Dann gehen sie in den Keller und schließen diesen Satz irgendwo ein. Irgendwann später verwenden sie den Satz vielleicht einmal. Das Ganze ist nur leider kein sehr kommunikativer Prozess.

ZEIT: Wann fingen Sie selbst zu schreiben an?

Mueller-Stahl: Nachdem ich die Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatte. Vorher konnte ich mich vor Rollenangeboten, Anrufen und Einladungen gar nicht retten – plötzlich war alles still. Das große Schweigen. Ich stand auf der Schwarzen Liste. Ich wurde zum Fernsehchef Adamek bestellt oder zu Lamberz, der im Politbüro zuständig war für Kultur, oder zu irgendwelchen Unterabteilungsleitern. Unentwegt wurde ich in Gespräche verwickelt, die mir so schrecklich lästig waren. In dieser Zeit entstanden, gewissermaßen als Gegenwelt, in meinem Kopf immer öfter Geschichten. Ich entdeckte plötzlich, dass ich vergessen hatte, diesen und jenen Leuten etwas zu sagen. Ich ging durch die Straßen und fing an, mit mir selbst zu reden. Früher schon hatte ich Gedichte und einzelne Szenen geschrieben. Nun hatte ich Lust zu erzählen. Ich hatte das sichere Gefühl – und das meine ich nicht kokett –, jetzt mache ich einmal etwas, was ich nicht kann. Als ich dann 1980 nach West-Berlin übersiedelte, sprach ich mit Wolf Jobst Siedler und Jochen Severin, die mit Verordneter Sonntag, meinem ersten Buch, ihren Verlag gegründet hatten. Siedler legte mir nahe: Schreib mir doch ’nen großen Familienroman!

ZEIT: Und?

Mueller-Stahl: Ich war mit Péter Esterházy zusammen in Amerika, und er sagte mir, er habe acht Jahre für seinen Familienroman gebraucht. Acht Jahre! Da schreibe ich mich ja direkt in die Kiste hinein. Während ich mir die letzten Szenen ausdenke, bitte ich schon um ein Handy, damit ich, bevor der Sargdeckel zugeht, noch schnell zu Ende diktieren kann. Ich schreibe lieber kurze Episoden. Großwerke sollen andere machen.

ZEIT: Sie waren 50, als Sie 1980 einen Neuanfang im Westen starten mussten – und haben eine Weltkarriere gemacht. Was war damals Ihr Motor?

Mueller-Stahl: Ich hatte einfach Angst vor dem Scheitern. Aus mir hätte so leicht eine tragische Figur werden können: Im Osten früher einmal erfolgreich, aber im Westen hat er es nicht geschafft. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt: Wenn ich schon hier bin, muss ich ja was machen. Das hat dazu geführt, dass ich eigentlich ein sehr gehetztes Leben geführt habe.

ZEIT: Sie wurden dann einer der wenigen deutschen Schauspieler, die es in Amerika geschafft haben. Fällt Ihnen eine Szene ein, die für diesen Erfolg steht?

Mueller-Stahl: Daran erinnere ich mich gut. Es war mein erstes Vorsprechen in den USA. Der Film hieß: Amerika. Ein Märchen. Die Sowjetunion besetzt Amerika. Eine Szene spielte im Weißen Haus. Der General Petya Samanov, den ich spiele, hält eine lange Rede vor mehreren hundert Abgeordneten. Mein Englisch war damals noch schlecht, sehr schlecht, und vor mir war ein berühmter Kollege dran, der wusste plötzlich seinen Text nicht mehr. Es war ein langer Monolog, es war grässlich, das mit anzusehen. Das kann jedem von uns passieren, nur… ich wusste, wenn ich jetzt durchfalle, kann ich einpacken. Wissen Sie, wer mich in diesem Moment gerettet hat? Helmut Schmidt!

ZEIT: Wie bitte?

Mueller-Stahl: Ich hatte mich tagelang auf dieses Vorsprechen vorbereitet. Plötzlich fiel mir ein, warum Helmut Schmidt so ein großer Redner ist. Er machte immer diese langen Pausen. Las er vom Zettel ab, dann las er nicht, sondern es wirkte, als spreche er völlig frei. Beeindruckend. Diese Methode habe ich geklaut. Und es hat funktioniert. Ich wusste, ich konnte mich auch in Amerika auf meine Professionalität verlassen. Ich ging da raus und wusste, ich bin nicht zu töten.