Berlinale Die Rollen meines LebensSeite 5/5
ZEIT: Wird man im Alter eigentlich ehrlicher?
Mueller-Stahl: Ehrlicher nicht, auf eine gewisse Weise aber freier. Das hat einen einfachen Grund: Wenn man alt ist, ist die Entfernung von der Lüge weit geworden und die zur Wahrheit kurz. Lügen heißt doch, sich zu verstecken, und dafür bleibt mir im Alter keine Zeit mehr. Aber ist es nicht schade, da ist man dann endlich frei, und dann muss man abtreten?
ZEIT: Sind Sie ein politisch denkender Mensch?
Mueller-Stahl: Eigentlich bin ich ein komplett unpolitischer Zeitgenosse, aber man hat mich nicht gelassen. Das war so in der DDR, da konnte ich mich nicht heraushalten, und das ist auch heute noch so. Wer ein bisschen nachdenkt, merkt doch, auf was für einem Pulverfass wir sitzen. Schauen Sie, in Amerika: Was früher Multimillionäre gewesen sind, sind heute Milliardäre. Das Geld fließt in immer weniger Taschen. Diese Leute haben zehn Häuser, zwanzig Autos, fünf Jets und fünfhundert Anzüge. Gleichzeitig gibt es immer mehr Arme. Das kann nicht gut gehen. Früher haben die politischen Systeme gegeneinander gekämpft, aber die nächsten Kriege werden zwischen Reich und Arm geführt. Leider können wir mit Kunst keine bessere Welt machen, sie ist höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein. Nein, ich widerspreche mir selbst: Sie ist ein Tropfen im Ozean, da geht er nicht verloren, wie Peter Ustinov einmal sagte.
ZEIT: Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen der Musik, dem Malen und der Schauspielerei: Was würden Sie wählen?
Mueller-Stahl: Das Malen, da bin ich noch auf Entdeckungsreise!
Das Gespräch führten Stephan Lebert und Melanie Mohaupt
- Datum 16.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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