Kulturenstreit Freiheit und Hass

Die Fremdheit zwischen Islam und Westen trügt. Sie verstehen sich nur allzu gut. Deshalb streiten sie um die Zukunft

Demokratien sind vergesslich. Sie gewöhnen sich an die Freiheit und vergessen, welcher Kämpfe und welcher Opfer es bedurfte, um der Gewaltenteilung zum Sieg zu verhelfen. Darin hat der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen sein Gutes: Er belehrt die Vergesslichen. Er ruft den Wert der Freiheit in Erinnerung und führt ihnen vor Augen, was es bedeutet, wenn eine Religionsgemeinschaft sich zum Herrn über Wort und Bild aufwerfen oder eine ganze Nation in Haftung nehmen würde. Zu Recht empören wir uns über die Empörten – über jene, die Botschaften in Brand stecken, antisemitische Hassparolen unters Volk bringen und Israel von der Landkarte tilgen wollen. Wofür also sollte sich der Westen entschuldigen? Für eine Hand voll dänischer Journalisten, die ihr Grundrecht, die Pressefreiheit, bis zum Anschlag ausnutzten? Warum sollte er.

Die heilige Freiheit, so heißt es überall, müsse nun Flagge zeigen und dem heiligen Hass widerstehen. Das ist richtig und versteht sich von selbst, denn in Fragen der Grundrechte gibt es keinen Kompromiss. Doch viele halten es für ausgemacht, dass mit dem Gegensatz von Freiheit und Hass der »Kampf der Kulturen« dramatisch an Evidenz gewinnt. Hier leuchtet das majestätische Hoheitszeichen des Liberalismus – dort das kingdom of darkness , jenes dunkle Reich der Islamofaschisten, das zum Sturm auf das Abendland anhebt und nach der Weltmacht greift. Mit einem Wort: Der Islam ist der große Andere, und der Gegensatz, den er zum freiheitlichen Westen bildet, ist so absolut und existenziell wie die Antithese von Freund und Feind.

Anzeige

Es stimmt, wer sich allein den Fernsehbildern von den antidänischen Hetzkampagnen überlässt, wird der Formel vom »Kampf der Kulturen« kaum widersprechen. Doch die Behauptung, die »feindlichen Kulturen« seien einander wildfremd und bewohnten ein anderes Universum, führt in die Irre. Tatsächlich sind alle Insassen der einen Weltgesellschaft. Beim Karikaturenstreit beobachten alle Seiten sich exzessiv und unablässig; sie kennen ihre intimsten Traumata, ihre schmerzlichsten Wunden und geheimsten Tabus. Dass die fundamentalistisch verschärften Parolen des Islams aus der »Vorzeit« stammen, ist ein Irrtum. Es ist ein global anschlussfähiger Code, vom Weltauge des Fernsehens in aller Herren Länder getragen. Werden in der dänischen Provinz islamkritische Karikaturen veröffentlicht, dann brennen in Ramallah die Fahnen, in Damaskus die Botschaften und in Kabul die Autos.

Auch die Sprache von Freiheit und Religionskritik ist ein Code, der weltweit verstanden wird. So sind der dänischen Zeitung Jyllands-Posten die Karikaturen nicht einfach unterlaufen. Sie spielte auf der Klaviatur von Reiz und Reaktion, und es war durchaus ihre Absicht, im Kampf gegen den »Islamofaschismus« die Toleranzgrenze auszutesten (taz vom 11.2.2006). Das Heilige des Islams, sein Bilderverbot, sollte im Kern getroffen werden, im Namen der Freiheit. Das ist gelungen.

Warum ein paar Karikaturen aus der dänischen Provinz in islamischen Ländern eine Welle von Hass und Gewalt auslösen, dafür gibt es Erklärungen wie Sand am Meer, zum Beispiel eine politische: Seit dem Irak-Krieg empfinden sich Muslime als Opfer eines Kreuzzugs, der vom christlichen Weltmissionar George W. Bush angeführt wird. Der Westen predigt die Menschenrechte, aber will betrügen. In Bagdad feiert er den Sieg der Freiheit, während er in Abu Ghraib foltert, in Basra Kinder halb tot schlägt und Verdächtige in Ländern verhören lässt, die er zur »Achse des Bösen« rechnet. Hinter diesem Vorwurf steckt nicht nur die Klage über westliche Doppelmoral, sondern auch das Ressentiment der Verlierer – das Gefühl, am Austausch der Zivilisationen nicht mehr teilzunehmen.

Warum die Verteidigung der Pressefreiheit seltsam hilflos bleibt

Auch die ökonomische Erklärung hat einiges für sich: Im Hass auf die Karikaturen entlädt sich die Wut der Habenichtse, Arbeitslosen und »Überflüssigen«, die an nichts mehr glauben, nur noch an Gott. Genau das kommt ihren empörend korrupten und reformunfähigen Regimen wie gerufen. Der Hass auf die Karikaturen lässt für einen demagogischen Moment die Misswirtschaft vergessen.

So plausibel dies klingt – es drängt sich auch eine kulturelle Deutung des Karikaturenstreits auf. Sie bezieht sich auf den Lernprozess, den islamische Gesellschaften seit Jahren durchmachen und der den Einsichtigen vor Augen führt, dass der Kampf gegen die kulturelle Modernisierung ihres Landes verloren ist. Anders gesagt: Während die Fundamentalisten noch ihren reaktionären Abwehrzauber aufführen, haben die gemäßigten Geister längst begriffen, dass sie die kulturelle Öffnung ihrer Länder nicht mehr aufhalten können.

Doch warum wecken die dänischen Karikaturen auch den Zorn der Einsichtigen? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie haben nicht deshalb demonstriert, weil sie sich plötzlich zu Fundamentalisten bekehrt hätten, sondern weil sie fürchten, die kulturelle Modernisierung könne sich am Ende doch als Sackgasse erweisen. Aus ihrem Protest spricht die Angst, dass von den heiligen Bildern der islamischen Tradition nichts mehr übrig bleibt – nur deren Karikatur. Es ist die Angst vor der leeren Freiheit, vor einem Liberalismus, der nur noch eines duldet: das Liberale. Schließlich spricht aus dem Protest der nagende Zweifel, ob es islamischen Gesellschaften gelingt, einen eigenen Weg in die kulturelle Moderne zu finden – oder ob sie sich dem säkularisierenden Sog einer kapitalistischen Konsumkultur unterwerfen müssen, die Gott in Geld und das »Heilige« in Reklame verwandelt.

Gegenüber dieser kulturellen Angst bleibt die allgegenwärtige Verteidigung der liberalen Freiheit seltsam hilflos. Es wäre auch außerordentlich selbstgerecht, würden westliche Gesellschaften behaupten, der Dauerkonflikt zwischen Tradition und Moderne sei allein das Problem bankrotter islamischer Länder, nichts anderes als deren Angst vor der Freiheit. Keineswegs ist in liberalen Gesellschaften die Kollision zwischen Religion und Freiheit, Glauben und Wissen überwunden; sie wird nur auf gewaltlose Bahnen gelenkt. Zuletzt hat der erbitterte und unbeendete Streit um die »Segnungen« der Genforschung gezeigt, dass selbst in liberalen Demokratien religiöse Geltungsansprüche nicht mit dem technokratischen Pragmatismus von Politik und Wissenschaft zu versöhnen sind.

Auch im Westen gibt es ein Unbehagen angesichts eines fundamentalistischen Liberalismus, der alles, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, unters Joch von Kosten und Nutzen zwingt, in die gleichgültige Sprache des Geldes. Doch die negative Freiheit des Marktliberalismus ist leer und vom Ressentiment vergiftet. Weil sie sich selbst keinen Sinn zu geben vermag, beschwört sie ihre realen und imaginären Feinde, um sich der eigenen Selbstherrlichkeit zu versichern – »Kapitalismus oder Barbarei«. Auch der dänischen Zeitung war diese Rezeptur vertraut: Man nimmt auffällige Minderheiten aufs Korn, entsichert durch scharfen Beschuss deren totalitäre Reflexe – und bestätigt im Zerrbild von Hass und Gewalt die Überlegenheit der eigenen, der liberalen Freiheit. Anschließend warnt man die Öffentlichkeit vor dem soeben ausgebrochenen Kulturkampf.

»Der Konflikt ist nicht zu lösen«, sagt Botho Strauß. Aber hat er Recht?

Neu an dieser Auseinandersetzung ist der Umstand, dass sie sich in der zerklüfteten Arena der Weltöffentlichkeit zuträgt und von den Nationalstaaten nicht mehr kontrolliert werden kann. Gewiss, diese global public gibt es schon länger, aber seit dem Karikaturenstreit besitzt sie ein Bewusstsein ihrer selbst. Natürlich ist es naiv zu glauben, die globale Öffentlichkeit befördere einen »Dialog der Kulturen«; diese Phrase ist so hohl, wie sie klingt. Weil es illusorisch ist, einen Islamisten mit Hilfe einer Freiheitspredigt von der Wahnvorstellung abzubringen, Menschenrechte seien das Trojanische Pferd zur Abschaffung seiner Religion, hat Botho Strauß im Spiegel ja erst einmal Recht: »Der Konflikt ist nicht zu lösen.«

Wenn also auf dem symbolischen Umschlagplatz der globalen Öffentlichkeit jede Position als strategische Finte denunziert wird, wenn »heilige Freiheit« und »heiliger Hass« symbiotisch ineinander verstrickt sind, bleibt nur eine winzige Hoffnung, um den Teufelskreis der Verfeindung zu durchbrechen: die erwiesene Fähigkeit liberaler Gesellschaften, über sich selbst nachzudenken und den blinden Fleck ihrer exportierten Liberalität aufzuklären. Sie könnten, Stichwort Guantánamo, die Doppelzüngigkeit und flagrante Rechtsverletzung ihrer Politiker zum Thema machen und fragen, warum die kulturellen Versprechen des Westens so rapide im Kurs sinken. Solch kritische Selbstbeobachtung im Medium der globalen Öffentlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstbewusstsein. Kein Andersgläubiger soll bekehrt und keine Seele missioniert werden. Irgendwann wird sich zeigen, was die größere Faszinationskraft abstrahlt: die Energie der Selbstbeobachtung oder ein religiöser Dogmatismus, dessen Argument darin besteht, niemals zu argumentieren, niemals nachzugeben und sich in heiliger Monotonie zu wiederholen bis zum Jüngsten Tag.

 
Service