Kulturenstreit Freiheit und HassSeite 3/3
»Der Konflikt ist nicht zu lösen«, sagt Botho Strauß. Aber hat er Recht?
Neu an dieser Auseinandersetzung ist der Umstand, dass sie sich in der zerklüfteten Arena der Weltöffentlichkeit zuträgt und von den Nationalstaaten nicht mehr kontrolliert werden kann. Gewiss, diese global public gibt es schon länger, aber seit dem Karikaturenstreit besitzt sie ein Bewusstsein ihrer selbst. Natürlich ist es naiv zu glauben, die globale Öffentlichkeit befördere einen »Dialog der Kulturen«; diese Phrase ist so hohl, wie sie klingt. Weil es illusorisch ist, einen Islamisten mit Hilfe einer Freiheitspredigt von der Wahnvorstellung abzubringen, Menschenrechte seien das Trojanische Pferd zur Abschaffung seiner Religion, hat Botho Strauß im Spiegel ja erst einmal Recht: »Der Konflikt ist nicht zu lösen.«
Wenn also auf dem symbolischen Umschlagplatz der globalen Öffentlichkeit jede Position als strategische Finte denunziert wird, wenn »heilige Freiheit« und »heiliger Hass« symbiotisch ineinander verstrickt sind, bleibt nur eine winzige Hoffnung, um den Teufelskreis der Verfeindung zu durchbrechen: die erwiesene Fähigkeit liberaler Gesellschaften, über sich selbst nachzudenken und den blinden Fleck ihrer exportierten Liberalität aufzuklären. Sie könnten, Stichwort Guantánamo, die Doppelzüngigkeit und flagrante Rechtsverletzung ihrer Politiker zum Thema machen und fragen, warum die kulturellen Versprechen des Westens so rapide im Kurs sinken. Solch kritische Selbstbeobachtung im Medium der globalen Öffentlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstbewusstsein. Kein Andersgläubiger soll bekehrt und keine Seele missioniert werden. Irgendwann wird sich zeigen, was die größere Faszinationskraft abstrahlt: die Energie der Selbstbeobachtung oder ein religiöser Dogmatismus, dessen Argument darin besteht, niemals zu argumentieren, niemals nachzugeben und sich in heiliger Monotonie zu wiederholen bis zum Jüngsten Tag.
- Datum 16.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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