Sollte man die zehn biblischen Plagen kennen, wenn man dieses Büchlein liest? Könnte nicht schaden, muss nicht sein. Sollte man meinen, eine unglückliche Kindheit ließe sich besser erzählen als eine glückliche? Mag sein. Glauben wir jenen Menschen, die – wie einst Erich Kästner – an irgendeinem Fenster sitzen und in die Welt hinausblicken? Aber klar. Nur hilft das dem kleinen Fensterblicker in diesem Buch nicht viel, da das Unglück nicht von draußen, sondern von drinnen droht.

Der holländische Kinderbuchautor Guus Kuijer (Polleke) gesteht im Vorwort dieses in den Niederlanden bereits preisgekrönten Buchs, er habe ursprünglich eine Geschichte über seine – sagt er – "glückliche Kindheit" schreiben wollen, mit einem Gute-Nacht-Melodien geigenden Vater und der lieblich trällernden Mutter. So schön. So rührend. Kuijer verzichtet. Dafür lässt er im Prolog einen unbekannten Mann seines Alters (64) an die Tür klopfen, mit einem Heft unterm Arm, das der Besucher, Thomas, 1951 als Neunjähriger mit seinen Erlebnissen und Gedanken voll gekritzelt hatte. "›Ich behalte alles‹, schrieb Thomas damals in Das Buch von allen Dingen . ›Ich vergesse nichts. Ich schreibe alles auf, damit ich später noch genau weiß, was passiert ist.‹" Und Guus Kuijer macht aus Thomas’ Aufzeichnungen eine kurze Geschichte über Angst und Mut. Kein Wort zu viel, keines zu wenig – und treffend von Sylke Hachmeister übersetzt.

Im streng gläubigen Elternhaus gebärdet sich der Vater – buchstabentreuer Anhänger einer reformierten Kirche – als kleiner Herrgott, der den Sohn mit dem Kochlöffel züchtigt und die Frau schlägt, wenn sie nicht auf dem Pfad seiner Vorstellungen wandeln. Nur Margot, die ältere Schwester bleibt verschont – für Thomas zunächst ein Rätsel. Der täglich verkündete Verhaltenskodex ist menschenverachtend, die abendlichen Lesungen über die biblischen Plagen dienen der Einschüchterung. Es ist eine der erschütterndsten Szenen der Geschichte, als der Vater die Bibelschwäche seines Sohnes aus ihm herausprügeln will und mit jedem Schlag den Glauben an Gott auslöscht.

Der Autor könnte also eine furchtbar tragische Geschichte erzählen. Aber wenn Kuijer von tragischen Umständen erzählt, dann setzt er in seinen leidenden Helden erst einmal eine Energie frei, die den Alltag erträglicher macht. Wenn der Junge auf dem Bauch im Gras der Reijnier Vinkeleskade liegt und verträumt in den Kanal guckt, dann sieht er nicht nur Fische vorbeischwimmen, sondern einen ganzen Schwarm exotischer Schwertträger. Und dann ist da noch die unvergleichlich liebenswerte Art des Jungen, mit der er "das schönste Mädchen der Welt" verehrt, die 16-jährige Elisa, die ein künstliches Lederbein hat und nur noch den kleinen Finger an der linken Hand.

Wir ahnen, dass die inneren Kräfte nicht reichen, um den Alltagsmächtigen in die Schranken zu weisen. Dazu braucht es Menschen, die den Pharaonen dieser Welt entgegentreten: Frauen und Kinder. Die alte Dame aus der Nachbarschaft, die als Hexe verschrien und doch nur Kommunistin ist, gehört dazu. Das Zauberwort heißt Courage – Mut, der eigenen Angst vor den allmächtig erscheinenden Gewalten ins Auge zu blicken – einer Angst, der jeder einen anderen Namen geben kann.