In der Großen Koalition benutzen Schwarz und Rot gern dieselben Begriffe – und meinen doch höchst unterschiedliche Dinge. Jüngstes Beispiel dafür ist der Mindestlohn. Irgendwie wollen ihn fast alle, einschließlich der Bundeskanzlerin. Aber sie streben beileibe nicht dasselbe an. Im roten Bereich der Koalition wollen sie den unteren Rand der Tariflöhne festschreiben, um osteuropäische Billigarbeiter abzuwehren und den Niedriglohnsektor einzugrenzen. Auf der schwarzen Seite denkt man eher an eine deutlich niedrigere Untergrenze, will aber auch verhindern, dass Arbeitgeber den angepeilten Kombilohn nutzen, um die Löhne allzu stark zu drücken.

Die meisten nennen keine Zahlen, aber die Bandbreite dürfte so in etwa von 3,50 Euro bis 7,50 Euro in der Stunde reichen – woran man schon sieht, dass sich die Koalitionäre zwar auf ein Wort geeinigt haben, auf sonst aber nichts. Am Ende, nach leichten Drohungen von beiden Seiten, wartet dann eine halb gare Vereinbarung, die wie bei der Rente und der Kinderbetreuung keine zwei Tage lang hält.

Vielleicht sollten sich die Partner nicht so schnell auf Begriffe einigen, sondern auf konkrete Ziele verständigen. Das dauert zwar länger, ist aber Reformerpflicht. Dabei käme zum Beispiel heraus, dass sich ein erfolgversprechender Kombilohn und ein durchgreifendes Mindestlohnregiment widersprechen. Entweder die Regierung akzeptiert, dass die Löhne für unqualifizierte Arbeit durchsacken, damit mehr Langzeitarbeitslose Jobs finden. Dann bessert sie das Salär systematisch auf. Oder sie fürchtet, dass ein wachsender Billigsektor zu viele Arbeitnehmer nach unten zieht. Dann errichtet sie Lohngrenzen.

Stattdessen ist man drauf und dran, dem Bürger einmal mehr einzureden, er könne alles haben: neue Chancen und alte Stabilität.