In den vorigen Tagen bin ich mit unserem Jugendkontaktbeamten durch die Vororte gefahren. Dieser Beamte trägt nicht nur einen Ohrring, der ihn jugendlich wirken lässt, er versucht, in unseren so genannten Brennpunkten Ansprechpartner für Jugendliche zu sein. Unsere Fahrt führte durch Straßenzüge mit unattraktiven Hochhäusern. Ungefähr 30 Prozent der Mieter leben von der Sozialhilfe, 7 Prozent der Wohnungen stehen leer. Auf der Straße hört man fast ausschließlich Polnisch oder Russisch. Trotzdem habe ich nie das Gefühl, durch ein Ghetto zu fahren. Es gibt dort durchaus schöne Grünanlagen und zum Beispiel ein funktionierendes Freizeithaus. Wer will, kann es mieten für private Feiern. Inmitten dieser Hochhäuser steht also ein Freizeithaus mit hellen Außenwänden, und kein einziges Graffito ist darauf! Allerdings: In diese Freizeiteinrichtung wurde gerade eingebrochen. Gestohlen wurde nichts, man hatte dort eine Fete ohne Aufsicht feiern wollen. Die Jugendlichen, alle zwischen 12 und 16 Jahre alt, hatten einen Teil der Einrichtung ramponiert. Es stand schnell fest, wer für den Einbruch infrage kam. Jetzt zeigte sich, dass das Netzwerk des Kontaktbeamten funktionierte: Alle vermeintlichen Täter wurden mit ihren Eltern in das Freizeithaus eingeladen, ihnen wurde klargemacht, dass es so nicht weitergeht. Es wurde vereinbart, dass die vermeintlichen Täter im Haus Arbeitsstunden ableisten und die Schäden beheben müssen. Bis dahin galt Hausverbot. Der Kontaktbeamte handelte im Gegenzug mit der Staatsanwaltschaft aus, das Verfahren gegen alle Beteiligten einzustellen.

Klar: Nicht immer läuft alles so harmlos ab. So hatte hier vor kurzem ein aus Polen stammender Jugendlicher mit seiner kasachischen Freundin einen Versicherungsbetrug hingelegt. Angeblich waren eine Digitalkamera und ein Laptop in einem See verloren gegangen. Bei einer Durchsuchung wurden gefälschte ärztliche Atteste gefunden und gefälschte Eintrittskarten fürs Eishockey. Die weiteren Ermittlungen zauberten auch den Laptop wieder herbei: Der war schon in der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft. Der Junge hatte nämlich das Martinshorn der Polizei darauf abgespeichert und per Lautsprecher aus dem Auto abgespielt, um andere Fahrer damit an die Seite zu drängen. Schließlich fand sich auf dem Laptop gar Kinderpornografie. Die Folgen: Verurteilung und Heimunterbringung.

In letzter Zeit fragen mich meine Bekannten oft: Glaubst du, es kann einen Ausbruch der Gewalt geben in den Vorstädten hier? Ich hoffe nicht. Dort, wo ich arbeite, ist es noch relativ stabil.

*Wolfgang Seitz, Jahrgang 1949, arbeitet als Kriminalkommissar im Ruhrgebiet