Er hat auch ganz furchtbare Gedichte geschrieben, voll gerümpelt mit Perlenreihen, Edelsteinen, Busenschreinen. Aber da war er noch sehr jung, siebzehn, achtzehn Jahre alt, Lateinschüler in Düsseldorf am Rheine. Damals war noch frühes 19. Jahrhundert, Goethe lebte, die Romantik nahm gerade ihr unrühmliches Ende in Katholizismus und Biedermeier, Georg Büchner lag noch in den Windeln, mit irgendwas musste man ja anfangen. Warum nicht mit Äugelein, Mondesschein und dem süßen Rosenmündlein? Die Sprachrequisiten des jungen Heine, den wir heute vor allem im Ohr haben, sind von außerordentlicher Überschaubarkeit. Es reimt sich gar artig Lockenhaar auf wunderbar, Himmelreich auf engelgleich. Das war damals schon nicht mehr ganz frisch. Heinrich Heine BILD

Im Gegenteil. Durch Europa marschierte seit ein paar Jahren ein selbst gekrönter französischer Kaiser, und die ausgeputzte, treuherzige Welt, in der die Gesellen wehmütig dem Waldhorn lauschen, war damit beschäftigt, mit Maus und Mägdelein unterzugehen. Da erlaubt man sich submissest zwei Fragen. Was hatte der junge Harry Heine mit diesen angestaubten Worthülsen zu tun? Und wieso gelang es ihm in kürzester Frist, zu einem der erfolgreichsten und berühmtesten Dichter seiner Zeit zu werden?

Die Antwort könnte lauten: Eben darum. Er hat uns dieses ganze wunderbare, unerträgliche Zeugs, dieses Brunnenrauschen, dieses Großmütterleinselige, dieses Nachtigallensingen für immer gerettet. Gerade weil wir ihm die Romantik nicht mehr glauben, weil er uns auch immer wieder ermutigt, ihm kein Wort lang zu vertrauen, ihm kein Blümelein abzukaufen, hat er uns damit verzaubert.

"Die blauen Frühlingsaugen / Schaun aus dem Gras hervor / Das sind die lieben Veilchen / Die ich zum Strauß erkor", das kann er sich leisten. Auch das: "Du bist wie eine Blume, / So hold und schön und rein; / Ich schau dich an, und Wehmut / Schleicht mir ins Herz hinein. // Mir ist, als ob ich die Hände / Aufs Haupt dir legen sollt, / Betend, daß Gott dich erhalte / So rein und schön und hold." Das ist gesagt von einem, der weiß, dass es das alles nicht gibt und man das so auch nicht mehr sagen kann – und der doch diese ranzige Himmelsspeise noch ein bisschen nachschmeckt und wehmütig blättert in den alten Büchern, in denen von solch hygienischen Männerfantasien sehr viel die Rede war.

Das Publikum war und ist begeistert. Und man weiß nicht, ob es an dem tiefromantischen, volkstümlich unterkomplexen Klingeling seiner Gedichte oder dem sentimental-ironischen Umgang damit liegt. Das müssen wir auch nicht entscheiden. Entscheidend ist in dieser Sache etwas anderes. Nennen wir es Heines Spieltrieb. Andere haben es seine Wunde, seine tragische Ironie, sein Außenseitertum genannt. Er selbst sprach von dem "Weltriss", der mitten durch sein Herz lief. Wir können ihn nicht mehr fragen, ob damit vor allem sein Judentum, sein Liebesleid, seine politische und religiöse Skepsis oder schlicht seine überlegene Intelligenz, sein Talent zur Desillusion, sein überragender Witz gemeint waren. Was es genau war, das es ihm unmöglich machte, auf Erden standesgemäß unterzukommen.

Die nüchternen Fakten dieser Außenseiterkarriere sind bekannt: Selbst als getauftem Juden war ihm jedes Staatsamt verschlossen; die angebetete millionenschwere Hamburger Cousine liebte einen anderen und "hat sich mit diesem vermählt"; im Pariser Exil bleibt er, selbst in den liberalen deutsch-jüdischen Exilantenkreisen, ein schillernder Paradiesvogel zwischen allen Fronten; er nennt sich einen "Soldaten im Freiheitskampf" und wäscht sich die Hände, wenn er sie dem Volk gedrückt hat. Bis zu seiner schweren Krankheit, die ihn in die "Matratzengruft" zwingt, ist der große Liebeslyriker ein fleißiger Liebhaber käuflicher Frauen; die "einzige Freude" seines Lebens (behauptet er) verdankt er einer 18-jährigen Schuhverkäuferin, die er heiratet, vergeblich zu erziehen versucht und bei schlechter Führung (behaupten seine Freunde) "wie der erste beste Droschkenkutscher zu verprügeln pflegte".