Hunter S. Thompson war die Rache Amerikas an sich selbst. Er war der böse Geist, das schlechte Gewissen, er war die gute Laune. Er war die dunkle Seite und das Feuer, das verzehrte. Er liebte die Freiheit, die Weite, die Maßlosigkeit. Er war überhaupt ein großer Liebender und ein großer Hasser, im Leben wie im Schreiben, was bei ihm immer das Gleiche war. Er war der letzte Cowboy – einer, der tatsächlich glaubte, seine Sätze seien wie Schüsse. Hunter S. Thompson war das Beispiel dafür, was passiert, wenn man zu viel Hemingway liest.

Vor einem Jahr ging er den Weg seines Idols. Er nahm die Flinte, mit der er immer auf Dosen und Bäume und Vögel geschossen hatte, draußen in Woody Creek in der Nähe von Aspen, wo er sich Ende der sechziger Jahre ein Haus gekauft hatte, weit genug von allen anderen Menschen entfernt, um in voller Lautstärke die Rolling Stones zu hören. Hemingway war 61, Hunter S. Thompson 67. "Er machte Schluss, weil er nicht mehr schreiben konnte", sagte Thompson über Hemingway lange vor jenem 20. Februar 2005. "Er fühlte sich leer, er war zu krank, um auf die Jagd zu gehen. Das war für ihn kein Leben mehr."

Auch Hunter S. Thompson jagte und soff, er schlug sich und rannte in Bordelle und rauchte Zigaretten in einer langen Filterspitze, er hetzte einem wilden Männertraum hinterher, er hatte die romantische Vorstellung vom Leben als einem Ort, wo man für alles kämpfen muss; und er hatte eine romantische Vorstellung vom Schreiben als einer Arbeit, durch die man zur Wahrheit dringt. Dass diese Wahrheit so oft bevölkert war von Dämonen und wild gewordenen Republikanern und fetten, schwitzenden Rechtsanwälten, das hatte nicht nur mit den unglaublichen Mengen an Drogen zu tun, die er verbrauchte, sondern auch damit, dass er Dinge sah, die anderen verschlossen blieben, weil sie nicht dorthin gehen wollten, wo es wehtut. Zum Beispiel seine zwischen Faszination und Abscheu schwankende Großreportage über die Hell’s Angels, die ihn 1966 endlich so berühmt machte, wie er es immer sein wollte, Thompson, der schreibende Rock-’n’-Roll-Star: Er lebte mit den Angels, er soff mit ihnen und ließ sich von ihnen verprügeln.

Leben, sagte er sich, ist ein großer Selbstversuch, warum also sollte es im Schreiben anders sein? Auch sein berühmtester Roman Angst und Schrecken in Las Vegas folgte 1971 dieser Devise, alles an dieser drogenberauschten Reise in das Paradies der Spieler und der Halbwahrheiten ist so wahr wie die kleinen Kurzschlüsse an den Synapsen in Thompsons Kopf. Die Drogen gaben ihm einen literarischen Röntgenblick, wie Skelette tanzten die Menschen herum, die Ordnung, die sie bewahren wollten, zerfiel vor diesem Blick, ihre Lügen kreisten wie schwarze Vögel über ihnen, der unbändige Außenseiter war, ganz amerikanischer Mythos, Bedrohung und Rettung zugleich. Hunter S. Thompson lebte tief in der Paranoia, die dieses Land auch verkörpert, und es war ganz konsequent, dass er sich als Nächstes einen Gegner vornahm, der der Paranoia einen festen Platz in der Politik einräumte. Alles, was er über Richard Nixon und den Wahlkampf 1972 schrieb, wurde von der Wirklichkeit noch übertrumpft: Etwas ging kaputt damals, für Amerika und auch für Hunter S. Thompson, und selbst wenn er weiter Drogen schluckte und Artikel abfeuerte, es war nicht mehr dasselbe. Der Roman The Rum Diary führt noch einmal dorthin zurück, von wo Thompson aufgebrochen war, zu jenem jungen Mann, der in der Karibik hockt und säuft und davon träumt, ein Schriftsteller zu sein. Der schmale Band Screwjack umfasst in drei skizzenhaften Geschichten den ganzen Irrsinn seines Schreibens. Und der Prachtband The Curse of Lono, Thompsons Versuch, über den Honolulu-Marathon zu berichten, rundet das Bild eines einflussreichen Schreibers, der sich spät entschied, dem romantische Rock-’n’-Roll-Motto zu folgen, nach dem er gelebt hatte. Er wollte immer brennen. Hunter S. Thompson kam aus der Tiefe des Amerikanischen Traums. Und ging auch wieder dorthin zurück.