Peking

Freiheit? "Sie kann für China nur von Vorteil sein", sagt Li Datong. Gewaltenteilung? "Sie ist der größte politische Erfolg der Zivilisation, China muss sie übernehmen", meint Li Datong. Demokratie? "Sie ist der wahre Grund, warum Amerika heute stark ist und Deutschland und Japan aus Ruinen auferstanden sind." Wann hat man zuletzt einen Pekinger Kommunisten so reden hören? Spricht er etwa aus dem Gefängnis? Nein, es ist unerhört: Li Datong – KP-Mitglied, 53 Jahre alt, in Turnschuhen, Cordhose und Jeanshemd – empfängt in der Chefetage der "Chinesischen Jugendzeitung". Zugegeben, sein Büro ist mit unansehnlichen Metallschränken voll geräumt und wirkt nicht sehr repräsentativ. Das Blatt aber ist es: Zweitwichtigstes Parteiorgan der KP, verkaufte Auflage 400000 Exemplare – plus aller denkbaren parteiinternen Verteiler. Li sitzt im Zimmer 408, neben drei weiteren Chefredakteuren. Nur hat er hier, im Zentrum chinesischer Medienmacht, derzeit keine Aufgaben mehr. Li Datong BILD

Das Telefon klingelt, an diesem Morgen nicht zum ersten Mal. Li Datong nimmt den Hörer ab. Wieder ein Leser, der wissen will, wo seine Zeitung bleibe. "Das Propagandaamt der Partei hat unsere Beilage eingestellt", erklärt Li. "Aber wir sind nicht verschwunden. Wir wollen weitermachen. Deshalb sitze ich hier am Telefon." Der Leser wird laut, schimpft auf die "verdammten Parteikader" und verlangt die Telefonnummern der Verantwortlichen im Propagandaamt. Li lehnt höflich ab, bedankt sich für die Unterstützung und legt auf.

So geht das schon seit drei Wochen. Genauer: seit dem 24. Januar. An diesem Tag stellte die Partei die von Li Datong geleitete Wochenbeilage Bingdian ("Gefrierpunkt") der "Chinesischen Jugendzeitung" ersatzlos ein. Ohne Benachrichtigung der Leser. Er rege sich darüber genauso auf wie die meisten, die anriefen, sagt Li. Zum ersten Mal seit 20 Jahren habe die Partei einen Zeitungsteil, der ihr aufgrund seiner kritischen Reportagen und Essays missfallen habe, einfach abgeschafft, ohne öffentliche Begründung. Damit habe er nicht gerechnet, räumt Li ein. "Wir leben nicht mehr unter einem Führer, der alles entscheidet. China hat sich geändert. Eine Zeitung grundlos zu schließen ist heute nicht mehr akzeptabel", sagt er und wagt, was bisher kein Chefredakteur in China wagte: Li Datong bläst zum Kampf gegen die Zensur.

Erst schrieb er einen offenen Beschwerdebrief im Internet. Dann reichte er in der vergangenen Woche Klage bei der Disziplinkontrollkommission der Partei gegen die Schließung seiner Zeitung und den damit einhergehenden Eingriff in die Meinungsfreiheit ein. "Nie zuvor hat sich ein Vertreter der parteizensierten Medien Chinas so offen der Zensur widersetzt und sie mit parteirechtlichen Mitteln angefochten", sagt die bekannte taiwanische Schriftstellerin Lung Yingtai, die für Bingdian regelmäßig Beiträge lieferte.

Li Datong hofft. Noch habe ihn die Partei nicht beschatten lassen

Li ist sich der Einmaligkeit seines Handelns bewusst. Er spiele den Helden, munkeln jüngere Kollegen. Li aber vertraut seinem Ruf: Zehn Jahre lang führte er die unter Journalisten und Intellektuellen angesehenste Parteipublikation des Landes. Sein Name steht in der Branche stellvertretend für den besten Journalismus, der im Einparteiensystem bisher zu lesen war.

Bingdian veröffentlichte aufrüttelnde Sozialreportagen, enthüllte diverse Korruptionsskandale, kämpfte gegen historische Tabus. Zuletzt erschien eine Kritik chinesischer Schulbuchdarstellungen des Boxeraufstands: Sie seien nationalistisch und ausländerfeindlich gefärbt. Zuvor pries das Blatt in einem langen Aufsatz Lungs die taiwanische Demokratie. "Das demokratische System Taiwans, wo auch Chinesen leben und wo dieselben Traditionen gelten, stellt eine große Herausforderung für unser Einparteiensystem dar", rechtfertigt Li sein Vorgehen. Selbstkritik, wie sie die Partei von anderen Journalisten in solchen Fällen gern anmahnt, sei für ihn ausgeschlossen.

Stattdessen fordert Li politische Reformen. In der Volksrepublik müsse etwas Neues passieren, denn Korruption und Propagandalügen führten die Partei in die Sackgasse. Es gelte, das Primat der Meinungsfreiheit über die Zensur zu etablieren. Und zwar jetzt, nicht später. Als würde in der Welt nicht gerade genug über Meinungsfreiheit gestritten. Doch den Karikaturenstreit im Westen empfindet Li als vorübergehend. Die Selbstkontrolle westlicher Medien sei stark genug, um ähnliche Konflikte künftig zu vermeiden. In China gehe es dagegen ums Ganze, um die Meinungsfreiheit schlechthin.

Noch sieht er sich als Herr der Lage. Noch habe ihn die Partei nicht beschatten lassen, bemerkt Li. Noch könne er Interviews geben. Das bedeute, dass seine Klage in den oberen Rängen der Partei Fürsprecher gefunden habe.

Wenn das Telefon nicht klingelt, hat er jetzt viel Zeit. Er holt heißes Wasser in einer zerbeulten Thermoskanne und gießt grünen Tee auf. Kaffee würden nur die Jüngeren trinken, dafür sei er zu altmodisch, sagt Li. Er öffnet seinen Laptop und zeigt, was ihn nebenbei gerade beschäftigt: sein altes Tagebuch aus der Zeit der Kulturrevolution. Als junger Mann war er damals, 1968, freiwillig in die Innere Mongolei gegangen. Zehn Jahre hat er bei den Hirten verbracht, Pferde gezüchtet und in freier Natur gelebt. Li war zwar ein überzeugter Kommunist, aber schon damals mehr an der Natur als an Propaganda interessiert. Sein Tagebuch, erzählt er, kursierte deshalb nur in handschriftlichen Kopien. Jetzt solle es erstmals als Buch erscheinen.

Sein Beschwerdebrief stand nur 20 Minuten im Internet

Dem Leben in der Steppe folgten seit 1979 27 Jahre bei der "Jugendzeitung". Li erzählt von den achtziger Jahren, als der heutige KP-Chef Hu Jintao noch Führer der kommunistischen Jugendliga war und die Gesamtverantwortung für seine Zeitung trug. Hu habe damals regelmäßig die Redaktion besucht und mit ihm und anderen Journalisten diskutiert. "Hu kennt uns gut", sagt Li. Das gibt ihm Sicherheit. Er fühlt sich als Teil des Parteibetriebs.