china Roter Held der PressefreiheitSeite 2/2
Doch hat die Zensur nicht gerade seit der Machtübernahme Hus vor drei Jahren angezogen? Wurden seither nicht viele kritische Journalisten in Leitungsfunktionen ausgewechselt, ohne dass sie anschließend protestierten? Nahm die Zensur nicht auch im Internet dramatisch zu und brachte über 60 Journalisten hinter Gitter?
Li zündet sich eine Zigarette der Traditionsmarke Baisha an, ordnet Schachtel, Feuerzeug und Nokia-Handy vor sich auf dem Schreibtisch. Er blickt zum Telefon, das ruhig bleibt. Er steht auf und gießt Wasser in die Teetassen nach. Dann spricht er scharf: »Offen gesagt, mich erinnert das, was ich erlebe, an die Willkür der Nazidiktatur.« Spätestens seit 1989, als die Volksarmee die Proteste von Studenten und Arbeitern auf dem Tiananmen-Platz blutig niederschlug, steht Li Datong auf der Seite der Systemkritiker. Noch einmal geht er die Ereignisse der vergangenen Wochen durch. Wie systematisch die Zensoren vorgingen: erst das Verbot an sämtliche Medien, über die Schließung der Zeitung zu berichten. Dann die Löschung aller betreffenden Internet-Einträge. Schließlich die Sperrung seiner persönlichen Blogs.
»In Sachen Zensur zeigt die Partei eine Lernfähigkeit, an die man sonst kaum mehr glauben mag«, sagt Li ironisch. Aber dennoch – oder gerade deswegen – sei der Kampf um die Meinungshoheit in China heute völlig offen. Dafür sorge schon das Internet: Nur zwanzig Minuten sei sein offener Beschwerdebrief in seinem Blog abrufbar gewesen – doch das hätte gereicht, um den Brief binnen Stunden zigtausendfach in China zu verbreiten. Seither stütze ihn eine große Solidaritätsbewegung im Cyberspace.
Li erklärt, er habe eine Antisperrsoftware geladen, die ihm erlaube, mühelos chinesischsprachige Websites aus Hongkong, Taiwan und den USA aufzurufen, die von der chinesischen Internet-Polizei normalerweise blockiert seien. Auch sei sein Name derzeit gesperrt. Zum Beweis klickt er ohne Antisperrsoftware auf die bekannte chinesische Suchmaschine Baidu und gibt seine Namensschriftzeichen ein: Baidu findet zehn alte Eintragungen. Ein paar Klicks weiter findet die US-Suchmaschine Google mit Antisperrsoftware 118000 Eintragungen für die Schriftzeichen Li Datong. Fast alle sind aus den vergangenen drei Wochen. Li freut sich. »Das Internet«, sagt Li, »ist heute die effektivste Waffe im Kampf gegen eine Diktatur.«
Stimmt ihn das optimistisch? »Nein«, entgegnet Li. »Ein diktatorisches Regime lässt sich nicht durch die Meinung des Volkes verändern.« Das klingt ein wenig nach Mao, für den alle Macht aus den Gewehrläufen kam. Darin zeigt sich Lis gelebter Widerspruch: Manchmal spricht aus ihm noch der Kulturrevolutionär, der er im Geiste längst nicht mehr ist.
Zum Thema:
Die englische Übersetzung des Protestnote des Chefredakteurs Li Datong gegen die Schließung seiner Zeitung. Der offene Brief stand 20 Minuten im chinesischen Netz, dann wurde er zensiert.
China: Zwischen Angst und Schwärmerei. Ein Themenschwerpunkt
- Datum 16.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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Auch wenn es weh tut: Herrn Li wird es nicht mehr lange auf seinem Posten geben. Die abstruse Mischung aus KP-Herrschaft und Hochkapitalismus hält genügend Machtgeile Nachfolger bereit, die wahrlich bereit sind alles zu verkaufen, um in die begehrten Positionen zugelangen. Genauso wie der Westen bereit ist Demokratie, Menschenrechte und Freiheit zu verkaufen, wenn sich ein nur genug wachsender und großér Absatzmarkt bietet. Was schert uns ein weiterer Krieg in Fern-Nah-Ost? Es sterben keine Menschen mehr, nur neue Bilder entstehen, an Tagen an denen es die Vogelgrippe es nicht einmal mehr schafft auf die Titelseite von Spiegel Online zukommen...
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