Ein Kupferstich, nicht ganz so groß wie ein Briefbogen, Albrecht Dürers Melencolia I, 1514. Das Bild der Bilder, schreibt Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, und er weiß, wovon er redet, er hat ein zweibändiges, scholastisches Werk über Dürers gelehrt verschlüsselten Kupferstich verfasst. Das Bild der Bilder, nicht etwa in weiblicher Konkurrenz zur Mona Lisa, sondern weil es, ein exakt umrissenes, vielschichtiges Rätsel, über die Jahrhunderte hinweg Künstler, Kunsthistoriker, Schriftsteller und Wissenschaftler irritiert und animiert hat. Von einem "Tummelplatz der Deutungen" sprach schon 1923 der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin, und es wird weiter getummelt. "Johannes der Täufer in der Einöde" von Geertgen Tot Sint Jans, 1480/85 BILD

In einer seltsam verdunkelten Küstenlandschaft sitzt eine in ihrer kompakten Physis fast männlich wirkende, schön gekleidete Engelsfigur am Boden. Sie stützt den Kopf mit der Faust, den Ellbogen auf das Knie, im Schoß hält sie einen Zirkel, der Blick ist entschlossen verloren. Um sie herum Werkzeuge und Messinstrumente, ein Hund zwischen Kugel und Tetraeder, ein geflügelter Putto auf halber Höhe, eine Leiter, eine Waage, im Hintergrund ein Haus ohne Fenster, ein von einem Mond-Regenbogen durchschnittener Himmel, vor dem ein fledermausartiges Tier ein Transparent ausbreitet: MELENCOLIA I. Das programmatische Rätselbild humanistischen Wissens und Fragens, dessen Interpretation als Bild der Hoffnung, der Gefährdung oder der Resignation auch immer vom Geist der Zeit und der Disposition des Betrachters bestimmt ist, hängt im Arbeitszimmer von Thomas Manns Adrian Leverkühn, alias Dr. Faustus. Und es erwachte 1976 zum Bühnenleben in Peter Steins Shakespeares Memory, einem gelehrten Panorama der Shakespeare-Zeit mit statischen und lebenden Bildern aller Arten. In einer Ecke saß Dürers Melencolia.

Die Melancholie ist ein abendländisches Phänomen, kein Erlebnis der Massen, sondern die heikle Begegnung des Individuums mit sich selbst. Sie nistet nicht im Orient und wuchs auch nicht in der Neuen Welt, solange diese noch neu war. Meist trägt sie weibliche Züge. Und hält sich seit dem Mittelalter vorwiegend in Mitteleuropa auf, prägt das Elisabethanische England, vagabundiert durch deutsche und niederländische Bildwelten, wandert im 19. und 20. Jahrhundert weiter nordwärts, legt ihren evokativen Schatten über die skandinavische Kunst und Literatur.

Vom griechischen Arzt Hippokrates kamen im 5. Jahrhundert die ersten Versuche, der ziellosen Trauer auf die Spur zu kommen. Aus der Humoralpathologie, der Beschreibung der vier Körpersäfte und ihrer Zuordnung zu den Temperamenten, resultierte die Diagnose, derzufolge der übermäßige Fluss der schwarzen Galle die Ursache dieser Irritation des Gemüts sei. Ob die antike Darstellung des Ajax, der sich aus Enttäuschung darüber, dass nicht er, sondern Odysseus die Waffen des toten Achill zugesprochen bekam, zum Selbstmord entschließt, nun eher einen Melancholiker oder einen in seiner Ehre verletzten Mannesmann zeigt, ist allerdings nicht eindeutig zu entscheiden. Eine Unsicherheit, mit der man mitten im Thema ist. Denn von der Antike bis zu Philip Otto Runges Selbstbildnis, von der Darstellung Walthers von der Vogelweide in der Heidelberger Liederhandschrift bis zu Edward Hoppers Kino in New York ist die Attitüde des in die Hand gestützten Kopfes in ihren Varianten von der Verzweiflung bis zur Träumerei nicht nur die Geste des ausgewiesenen Melancholikers.

Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst heißt die Ausstellung, die Jean Clair, bis vor kurzem Direktor des Musée Picasso in Paris, zusammen mit Peter-Klaus Schuster veranstaltet, die zunächst in Paris gezeigt wurde und nun in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen ist. Eine Ausstellung, für die beide Herren hoch prädestiniert sind, Jean Clair lieferte schon 1989 in Wien zusammen mit Cathrin Pichler in der Ausstellung Wunderblock, die Geschichte der modernen Seele den zweiten Teil der Melancholie im Voraus. Der Genuss und Gewinn für den Besucher liegt zum einen in der Fülle des heterogenen Ausstellungsmaterials, zum anderen darin, dass die bekannten Kunstwerke in einen anderen Kontext geraten. Hier: ein in goldener Fassung zu einer Kostbarkeit nobilitierter Besozarstein (in Pulverform soll das Mineral die Melancholie vertreiben). Dort: Geertgen Tot Sint Jans wunderlich verträumter Johannes der Täufer in der Einöde und schließlich, mitten aus dem 20. Jahrhundert, Nam June Paiks TV Rodin, der in seinem Fernsehabbild flach gewordene, demonstrative Denker.

In 15 Kapitel gliedert sich der Parcours der Melancholie, und die Tatsache, dass die Architektur der Nationalgalerie einen schlüssigen Rundgang ohnehin nicht erlaubt, ist bei diesem Thema der obligatorischen Wirrnis ein Vorteil. Aller Anfang ist klar. Um einen Pfeiler herum verfolgt man nicht nur die drei traditionellerweise im Zusammenhang gesehenen Stiche von Dürer, also die Melencolia I, Ritter, Tod und Teufel, Hieronymus im Gehäus, sondern sieht auch Adam und Eva, umgeben von jenen vier friedlichen Tieren/Temperamenten, die nach dem Sündenfall gegen einander stehen werden. Ein Ausflug in die Gelehrsamkeit, die durch Geräte der Geometrie und Objekte der Alchemie betörend oder auch erschreckend anschaulich wird.