Wie überhaupt diese Ausstellung, die sich zum Beispiel im Kapitel Der Klang der Melancholie bei der Staatlichen Musikinstrumentensammlung oder im Falle von Genie und Wahnsinn der Apparate der Sammlung Charité bedienen kann, immer wieder ins reale Leben ausbricht. Sie führt die Wanderer auf den Hauptpfaden der Kunst zwischen der Introvertiertheit eines Giorgione zugeschriebenen Doppelporträts, der barocken Theatralik der Melancholie von Domenico Feti, dem wagnerianischen Pathos von Böcklins Toteninsel und der existenzialistisch gelebten Melancholie von Edvard Munch immer wieder von einer Absonderlichkeit zum nächsten Abgrund. In der Mitte das eigene Kapital: Caspar David Friedrichs Mönch am Meer und die Abtei im Eichwald füllen eine breite Wand. Das eindrucksvollste zeitgenössische Exponat ist Der dicke Mann (2000) des australischen Künstlers Ron Mueck. Ein nackter, glatzköpfiger Fettkloß hockt am Boden in der Ecke eines leeren Zimmers, die Haltung von Kopf, Arm und Knie à la Dürer, der Blick in sich selbst verloren. Von der Melancholie zur Depression, so weit haben wir’s gebracht.

Robert Burton, der ein halbes Leben lang am Christ Church College in Oxford Mathematik, Theologie, Astrologie, Medizin und klassische Literatur unterrichtete und im Jahr 1621 sein Werk Die Anatomie der Melancholie veröffentlichte, beschreibt auf einigen hundert Seiten, lustvoll leidend, die Gründe und Symptome der Melancholie und die Kuren und Kräuter, die Linderung bringen sollen. Und möchte doch ebenso wenig auf sie verzichten wie seine Landsleute, für die Burton lange eine Lieblingslektüre war und die sich mit dem Begriff des Spleens ihre eigene, insulare Form der privilegierten Trauer erhalten haben. Bis zur Romantik ist die Melancholie ein im kosmischen Zusammenhang verortetes Thema. Die Menschen auf C. D. Friedrichs Bildern wenden uns den Rücken zu, um sich desto ausschließlicher im Blick auf das Meer oder in die Landschaft verlieren zu können, den Betrachter hineinzuziehen in diese Erfahrung. Wenn im 20. Jahrhundert die Melancholie zur Depression wird, zur Krankheit, die Sigmund Freud auf der Couch und die Pharmaindustrie mit Pillen zu kurieren sucht, dann schwindet über der Entsorgung der schwarzen Galle auch ein Reich der Imagination, ein Magnetfeld der Kunst. Dieser Tatbestand wird in der Ausstellung natürlich nicht zugegeben, aber durch den oft arbiträren Sammlerfleiß, dessen Ergebnisse in den letzten Räumen zu besichtigen sind, bestätigt: Nicht jeder, der sich in der Haltung von Dürers Dame abkupfert, ist ein Genie. Oder ein Wahnsinniger.

Wer diese reiche und animierende Ausstellung gesehen hat, dem kann die Lektüre des Katalogs zur Erfahrung der besonderen Art werden. Der voluminöse und umfassend bebilderte Band enthält Essays, die zum größten Teil ärgerlich und langweilig sind. Mit Ausnahme von Jean Clair selbst halten sich die französischen Autoren, die einander schon im Vorwort endlos auf die Schulter klopfen, mit ihren Exegesen vor allem innerhalb der Landesgrenzen der grande nation auf. So kommt im Aufsatz über die Landschaft der Romantik der Name Caspar David Friedrich nicht vor, und im Einleitungsessay, ein gepudertes Gesäusel von Yves Bonnefoy, werden Keats und Shakespeare mit grotesk törichten Aperçus versehen. Darauf ein Antidepressivum. Fakultativ eine Prise Besozar, gerührt, frei nach Burton, in einen Sud aus Enzian, Lavendel, Kamille, Myrrhe, Raute, Zitronengras, Kümmel, Brennessel, Ingwer, Anis, Muskat, Kardamon, Wacholder, Alpenveilchen…

"Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst", Neue Nationalgalerie Berlin bis zum 7. Mai; Katalog Verlag Hatje Cantz, 45,– €