Demokratie Die Frau, die den Staat abschafft
Warum bloß wird Angela Merkel von allen bewundert? Sie ersetzt doch nur politisches Handeln durch Stil und vollendet damit die Kapitulation der Demokratie vor den Interessen der Wirtschaft
Noch sind keine hundert Tage seit der Vereidigung Angela Merkels vergangen, die traditionelle »Schonfrist« ist noch nicht vorbei, und schon wird die Kanzlerin nicht mehr geschont. Sondern – bewundert.
Was hat sich geändert? Nichts. Nur die Stimmung. Offenbar kennen auch Gesellschaften dieses Phänomen: die endogene Euphorie, ohne dass sich objektiv und real etwas verbessert hätte.
Zur Erinnerung: Bevor Angela Merkel Kanzlerin wurde, gab es einen Wahlkampf, in dem Wohl und Wehe des Landes von einer klaren politischen Richtungsentscheidung abhängig gemacht wurden. Sollte tatsächlich die Mehrheit der Wähler das rot-grüne Projekt für gescheitert ansehen, dann könne sie diese Regierung jetzt abwählen und sich für Schwarz-Gelb, also für einen anderen Weg entscheiden. Oder aber diese Regierung noch einmal und wirklich bestätigen. Es gab also den Anschein einer Alternative. Die Dramatik einer Alternative. Einen High-Noon – mit Platzpatronen. Die Hälfte der Wähler wollte die einen nicht, die andere Hälfte wollte die anderen nicht, weshalb alle bekamen, was keiner wollte: die Große Koalition. Sinniger hätten sich die List des ideellen Gesamtsubjekts »Wählerwille« und zugleich der leere Formalismus einer von Wirtschaftsinteressen entmachteten Demokratie nicht zeigen können.
Wenn Wirtschaftsinteressen regieren, ist unerheblich, wer welches politische Amt bekleidet. Dann gilt nur noch die Frage, welchen politischen Repräsentanten es besser gelingt, die materiellen Ansprüche der Wirtschaft in ideelle politische Ansprüche zu übersetzen und politische Zustimmung zur realen Verabschiedung der Politik zu organisieren.
CDU und SPD glauben zu regieren. Doch sie sind nur im Amt
Daher ist die Große Koalition nun eben nicht die »pragmatische Lösung«, als die sie verkauft wird, sondern die bloße Synergie von zwei verschiedenen Populismuskonzepten der Politikdarstellung. Christdemokratischer Populismus spiegelt vor, dass politische Willfährigkeit gegenüber dem Neoliberalismus für die Opfer erträglicher wird, wenn er zugleich die Ressentiments der Opfer bedient, ihre Ängste und Aggressionen »verständnisvoll« aufschaukelt und auf andere ablenkt, zum Beispiel auf »die Türken«. Sozialdemokratischer Populismus hingegen gibt vor, dass seine Komplizenschaft bei der Zerstörung des Sozialstaats eine Möglichkeit zu dessen Rettung sei. Dies ergibt eine große gemeinsame Schnittmenge, die tatsächlich die Vorstellungen von realem Pragmatismus beider Lager befriedigt: Beide glauben zu regieren. Aber sie sind nur im Amt.
- Datum 16.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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Es ist rührend mitzulesen, wie der Intellektuelle nach dem starken Staat ruft ( der den Intellektuellen später als Pinscher belächeln wird). Feindbild, wo bist du?!
ein merkwuerdiger kommentar. typisch menasse.
woher, warum, was solls - fragen ueber fragen.
Wenn ein Land einen starken Staat hat dann wird es am lautesten von der Presse beklagt und bekritelt.
Wir sind in der Tat schon Zeuge der Abschaffung des Staates. Angela Merkel ist dabei lediglich eine Station in einer langen Reihe von willfährigen "Staatsmännern" (und -frauen), die an die neoliberale Mär von der Heilswirkung der Entstaatlichung glauben. In den letzten Jahrzehnten ist es leider gelungen, diese Mär nicht nur in den typischen Interessengruppen zu verbreiten, sondern - was schlimmer ist - in den sogenannten geistigen Eliten. Abgesehen vom extrem linken Spektrum traut sich heute kein Wissenschaftler mehr, die neoliberale Heilslehre (einschließlich der Unausweichlichkeit der Globalisierung) ernsthaft in Frage zu stellen. Da muss man sich dann nicht wundern, wenn Politiker auf nationaler oder lokaler Ebene langfristige Interessen der Gemeinschaft nicht nur aufgeben, sondern in der Regel gar nicht mehr erkennen. "Weniger Staat" bedeutet de facto die Anerkennung des Recht des Stärkeren, den freiwilligen Verzicht auf die regulierende Einflussnahme der Gemeinschaft auf die gesellschaftlichen Prozesse.
Eine der immer noch mächtigsten Wirtschaftsnationen dieser Welt hätte ganz sicher die Möglichkeit, sich Tendenzen entgegenzustellen, die ihren eigenen Interessen langfristig schaden. Voraussetzung dafür ist die ehrliche und offene Diskussion über diese Interessen - und nicht die bewusste Selbstverleugnung zugunsten von europäischen, transatlantischen oder sonstigen globalen Interessen, die oft nur vermeintlich auch die eigenen sind.
Da sich die Wirtschaft in ihrem Wirtstier, dem demokratischen Staat, fast schon parasitär verhalten darf, könnte der vielbefürchtete Staatsbankrott doch noch sein Gutes haben. Denn was dem Marktradikalen sine Uhl wäre dem wie ein Übermensch aus dem Nichts auf die Bühne des Abendlands strebenden Markt-Intellektuellen sine Nachtigall.
Dieser Prototyp der neuen europäischen Geistesgeschichte, derzeit noch als "urbaner Penner" mit Laptop überwiegend in Berlin, der bankrotten Bundeshauptstadt, unterwegs, wird den Pastoren des Liberalismus und den Neuen Bürgerlichen schon bald Rätsel aufgeben. Indem er, wie gerade beim Karikaturenstreit, zwar zunächst noch mit uns kaputtlacht, was ihn kaputtmacht, doch dann mit seriösem Willen zur Macht, über die medialen Märchen der aktuellen Eliten und die Widersprüche der Experten aufklärt, wird er wie einst Jesus von Nazareth die Menschen mitnehmen und von bornierten Besserwissern, die der Kostenkontrolle und der Anrechnung von Verdiensten gegenüber einer chancenlosen Mehrheit das Wort reden, befreien.
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