Migration Das Wir-Gefühl

Die Unterscheidung von Mehrheit und Minderheit ist anachronistisch. Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Leitbild.

Die aktuelle Integrationsdebatte rund um Mohammed-Karikaturen, Einbürgerungstests und Zwangsehen vernebelt die Sicht auf die zentralen Fragen: Wie kann Deutschland als modernes Einwanderungsland zukunftstauglich gestaltet werden? Wie kann Integration gelingen? Und wer ist schuld am vorherrschenden Bild, dass Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft scheinbar nicht zueinander finden?

Aber stimmt es überhaupt, dass sich Einwanderer, zumal muslimische, immer weiter von den Werten Deutschlands entfernen? Oder ist es nicht eher so, dass sich immer mehr integrieren wollen, ihnen aber Chancen der gesellschaftlichen Teilhabe vorenthalten werden – im schulischen Bereich, bei der Ausbildungsplatzvergabe, in der Arbeitswelt. Wo gibt es dort Gesetze und Vorschriften, die Chancengleichheit wirklich fördern?

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Eine Gesellschaft werde durch eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition, durch eine gemeinsame Religion und eine einheitliche Sprache zusammengehalten. So lautet die noch immer vorherrschende konservative Vorstellung von der deutschen Gesellschaft, die sich durch ihre abendländisch-christlichen Wurzeln auszeichne und an die man sich anpassen müsse. Viele Migranten in Deutschland, zumal wenn sie muslimischen Glaubens sind, können in einer solchen ethnisch homogenen Gemeinschaft naturgemäß keinen Platz haben. Folgt man der Logik dieser Konstruktion, so können die muslimischen Migranten zum Beispiel gar nicht anders, als in einer »Parallelgesellschaft« zu leben. Denn allein die Tatsache, dass sie eine andere Muttersprache sprechen, stigmatisiert sie schon als andersartig, nicht dazugehörig.

Einer Diskursstrategie, in der diese Vorstellungen vorherrschen, kommen Kronzeuginnen, die über Zwangsheiraten, Ehrenmorde und andere Formen der Unterdrückung berichten, gerade recht. Scheinen sie doch die Vorstellung, dass Muslime nun einmal nicht in die deutsche Gesellschaft passen, zu bestätigen.

Verwerflich dabei ist nicht die kritische Diskussion einzelner migrationsspezifischer negativer Erscheinungen, sondern deren Instrumentalisierung für bestimmte politische Zwecke. Es erscheint eben für eine Politik der kulturellen Hierarchisierung, der Exklusion der Andersartigkeit, hilfreich, den integrationspolitischen Diskurs schlaglichtartig auf Phänomene zu werfen, statt die Einwanderungsgesellschaft als solche begreifen zu wollen.

Muslimtest, Pausendeutsch und nun wieder Zwangsheirat und Ehrenmorde – wir haben es also tatsächlich mit einer Neuauflage der Leitkultur-Debatte zu tun. Die aber können wir uns nicht leisten. In Deutschland leben über 7 Millionen Ausländer. Der Islam ist mit 3,2 Millionen Gläubigen längst die drittgrößte Religion in Deutschland. Noch wichtiger für die Zukunft unserer Gesellschaft ist aber eine andere Zahl: Schon jetzt haben 40 Prozent aller Schüler in Westdeutschland einen Migrationshintergrund. Die Prognose, dass wir es in 20 Jahren mit einer Fifty-fifty-Gesellschaft zu tun haben werden, die zu gleichen Teilen aus Menschen ohne und eben mit Migrationshintergrund besteht, ist nicht aus der Luft gegriffen. Anders gesagt: Die Minderheiten von heute sind die Deutschen von morgen. Wer daran sägt, sägt an der eigenen Zukunft.

Das Bild von einer deutschen Mehrheit und einer Minderheit von Migranten, wobei sich Letztere gefälligst anzupassen haben, ist daher schlicht anachronistisch. Genauso anachronistisch wie die Vorstellung von der Vater-Mutter-Kind-Durchschnittsfamilie.

»Politik hat auch immer und überall mit der Aufhellung und Zerstreuung von Vorurteilen zu tun«, sagt Hannah Arendt. Wenn das stimmt, so stehen Politik und Gesellschaft heute vor einer doppelten Herausforderung: wir müssen uns von überholten Gesellschaftsbildern verabschieden und gleichzeitig ein neues gesellschaftliches Leitbild entwickeln.

Dafür müssen wir die Scheuklappen abnehmen und die anachronistische Konstruktion Mehrheit – Minderheit überwinden. Wir müssen auch verstehen, dass wir eben nicht in Parallelgesellschaften leben, sondern dass uns mehr eint als trennt. Zum Beispiel durchlaufen alle Kinder mit Migrationshintergrund die Sozialisationsinstanzen unseres Landes. Sie gehen in Kindergärten, besuchen Schulen und treiben Sport im Verein: Hier internalisieren sie – genauso wie deutsche Kinder – die Werte unserer Gesellschaft.

Für ein neues gesellschaftliches Leitbild brauchen wir valide, wissenschaftliche Ergebnisse. Es ist wenig hilfreich, wenn wir darüber streiten, wie partikuläre, differenzierte Forschungserkenntnisse gegen skandalisierbare, singuläre Phänomene ausgespielt werden können.

Denn das Problem ist ein ganz anderes: Es gibt zu wenig Migrationsforschung in Deutschland. Wir täten gut daran, mehr in sie zu investieren. Denn nur dann begreifen wir die Prozesshaftigkeit unserer Einwanderungsgesellschaft.

Und genau das ist die Aufgabe von Politik, Wissenschaft und kritischer Öffentlichkeit. Wir müssen endlich ein reales Bild von der Lebenssituation muslimischer und nichtmuslimischer Migranten vermitteln. So müssen wir zum Beispiel erkennen, dass es für viele türkische Mädchen und Frauen in Deutschland tatsächlich einen Spagat darstellt, zwischen Tradition und Moderne zu leben. Das gilt aber auch für viele Mädchen christlichen Glaubens, die in modernen urbanen Zentren in Deutschland leben und deren Eltern oft aus armen, unterentwickelten, ruralen Verhältnissen in Italien, Kroatien oder Griechenland stammen. Das gilt auch für viele homosexuelle Männer und Frauen mit Migrationshintergrund. Stellen wir diese jungen Menschen nicht vor die Wahl, sondern helfen wir ihnen, beides – Tradition und Moderne – miteinander zu verbinden.

Wenn wir diese Dekonstruktion einmal geschafft haben, wenn also Migranten in der Öffentlichkeit nicht mehr nur eindimensional und stereotyp dargestellt werden, sondern das Leben von Zugewanderten endlich in all seinen – vor allem auch unspektakulären – Facetten wahrgenommen wird, werden wir in der Lage sein, ein neues, taugliches gesellschaftliches Leitbild zu entwerfen, von einer Gesellschaft, die ethnisch heterogen und religiös pluralistisch ist und deren kollektive Identität keine völkischen Grundlagen mehr hat. Im Mittelpunkt dieser Neukonstruktion würde als Leitbild ein Verfassungspatriotismus stehen, wie ihn auch Habermas fordert.

Das wäre dann auch endlich eine Identität, die ein neues Wir-Gefühl, ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt und in dem die gemeinsame Staatsbürgerschaft als Bindeglied alle vereint. Eine gemeinsame Staatsbürgerschaft, die Vielfalt verträgt und sie nicht ausschließt. Ein solches Leitbild ist ein Gebot der Vernunft und würde viele Zugewanderte von ihrem Minderwertigkeitskomplex befreien.

Ein Land und ein Kontinent, in dem das republikanische Credo gilt, in dem alle seine Bewohner sich angenommen, gleichwertig und heimisch fühlen können und in dessen öffentlichem Leben der Dreiklang Menschenrechte, Demokratie und Vielfalt als Leitmotiv erklingen – das ist eine Vision, die uns alle eint und die zukunftstauglich ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn viele Immigranten als ungelernte arbeiten annahmen und Schichtarbeit machen mussten dann stammt das doch von der Tatsache dass diese Leute in der Tat 'ungelernte Arbeiter 'waren,die Sprache nicht beherrschten und es keine andere Arbeit fuer sie gab.Trotzdem sollte man mal ueberlegen ob ihre Situation in der Heimat besser gewesen waere-was ich bezweifle.Denn sonst waeren die Leute nicht nach D.gekommen.Offenbar zogen sie es vor in Deutschland zu arbeiten anstatt in der Heimat keine Arbeit zu haben.

  2. aber das aendert nichts an der Tatsache dass die staatlichen Kassen ziemlich pleite sind und 'the lack of money is the root of evil'.Natuerlich waere es wunderbar wenn man mit vollen Haenden in den Etat greifen koennte damit alle und alles getan wuerde um die deutsche Gesellschaft mitsamt den Immigranten so zu unterhalten dass weniger Probleme aufkaemen aber im Anbetracht der nicht vorhandenen Gelder wird ueberall geschnitten und gekappt.Wenn es darum geht ob die Buerger zu essen haben oder dass man Sprachunterricht finanziert dann bin ich ziemlich sicher dass die Mehrheit sich fuer Brot aussprechen wird.Der gute Lincoln hat sicher recht aber wie ich in USA pausenlos erfahre hat man sich seine Worte auch nicht zu Herzen genommen.

    • iceman
    • 17.02.2006 um 7:11 Uhr

    Dieses Interview war Sprechblasen-Entleerung vom Feinsten, ein sanftes rhetorisches Plätschern im Nebel des Grauens, verbunden mit der gemütlich ventilierten Fartifikation verschwiemelten Gutmenschen-Geschwafels.

    Altbekannte Sozpäd-Satzbausteine - so abgestanden wie ein im Sommerurlaub vor´m Fensterbrett vergessenes Glas Fanta Light mit Schimmelbildung - wurden von Akgün mit dem vorwurfsvollen Dackelblick des ach so mißhandelten Migranten vorgetragen.

    Dieses Interview ist die ultimative Quintessenz, das destillierte Konzentrat, die universelle Implosion aller jemals leichtfertig geäußerten links-ideologischen Wortschwall-Redundanzen.
    Wenn man Lal(l)e Akgün liest hat man das Gefühl, man versinkt in einem glibberigen grünen Urschleim.
    Die Worte Akgüns dringen einem in alle Öffnungen des Körpers, ein Erstickungsanfall droht, der Vernichtungsschmerz lähmt, der rationale Mensch verliert sich im Strudel des argumentativ nicht mehr Widerlegbaren, nicht mehr Anfechtbaren, weil ... nicht SEIENDEN.

    Dieses Interview ist wie der Tod, wie das ewige schwarze NICHTS, die endgültige Auflösung des konstruktiven Geistes in Konfrontation mit dem zeit- und schwerelosen Raum unendlicher Substanzlosigkeit und Seichtigkeit.

    Handelt es sich hier etwa um eine neue Geheimwaffe der Iraner, um eine innovative Abart psychologischer Kriegsführung (Demoralisierung des Denkers durch Entzug jeder erfassbaren vernunftbasierten Diskussionsgrundlage)?

    War etwa die ganze Atombomben-Diskussion bloß ein Ablenkungsmanöver Ahmadi-Nedjads, um ungestört die Kampfbataillone der geklonten Lale Roths und Claudia Akgüns dieser Erde in Frontstellung zu bringen?

    Brain-Crash.

    Weh mir, das Ende naht!
    Der Eismann ist schon schneeblind geworden, alles verschwimmt, ich sehe nichts mehr, bin degeneriert zu einem auto-funktionierenden sabbernden Etwas, vergleichbar einer lebenslänglichen Leiche in jordanischer Einzelhaft in weißgetünchter Zelle.
    Panta rhei - alles fliesst. Ich löse mich auf.

    Siddiqui und ilabernet (doch!) und ginseng und DeGuoMuSiLin und Claudilale, ihr Weltverschwörer des Gutmenschentums, das habt ihr nun davon:

    Der Eismann ist tot!

    Dahingeschmolzen ist er, nur seine Pappnase schimmert noch feucht, dort unten, traurig verloren auf grauem deutschem Asphalt.
    Wenn ihr sie seht, dann denkt an icemans letzte mahnenden Worte:

    "Erst wenn der Chinese euch das letzte Patent geklaut hat, ihr den letzten Eismann getaut habt, ihr die letzte Voltaire-Ausgabe und das letzte dänische Kochbuch verbrannt habt, werdet ihr merken, dass man Kopftücher nicht essen kann".

    @ginseng: Probier´s auch mal auf o.a. Niveau. Am besten ebenfalls mit der gezeigten Selbstironie (falls das genetisch bei dir drin ist).
    Im übrigen wäre ich froh, wenn ich wie kb26919 mehrere skandinavische Sprachen, Holländisch, Deutsch und Englisch sprechen würde. Also etwas mehr Respekt bitte (falls das, gegenüber Frauen, genetisch bei dir drin ist).

  3. Ich weiss nicht ob man die Integrations-Geschichte loesen kann...es kommt eben auf das Material dass man integrieren will an...LOL

  4. 100 % ja zum GG.
    100 % gesetztestreue.

    und deutschlernen in der familie - eine richtige zweisprachigkeit.

    wo ist das problem?

    wenn familien ihre 6 -jaehrigen als 'fremdsprachler'in der grundschule "abgeben"?

  5. svaert bra Tusen takk, Thank you & danke.

  6. Würde sich Lale Acgün vehement für ihre Geschlechtsgenossinnen und ihre Rechte einsetzen, dann hätte sie soviel zu tun, dass sie keine Zeit hätte, uns über Minderheiten und Mehrheiten zu belehren.
    Wäre die immigrierte Minderheit wirklich frei, dann könnte sie sich nicht zur 50Prozentgesellschaft entwickeln. Nur mit einer Frauenrolle von vorvorgestern wird das so werden.
    Aber vielleicht will Lale Acgün das ja auch so? Dann wäre ihre Rede aber reichlich doppelzüngig!!!!!!!!!!!!!!

  7. Neulich habe ich diese Frau auf der Deutschen Welle waehrend eines Interviews gehoert und da sagte sie noch ganz andere Sachen...aber ich denke sie aendert ihre Meinung immer je nach der Zeitung die sie befragt.

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