In seinem Abenteuerklassiker Die verlorene Welt nahm der englische Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle seine Leser mit auf eine fantastische Jagd nach den letzten überlebenden Riesenechsen des Erdmittelalters. Der Bestsellerautor (Sherlock Holmes) war durch Berichte von Forschern angeregt worden, die im Urwald Südamerikas auf abgelegenen Tafelbergen eine exotische Fauna und Flora entdeckt hatten. BILD

Wer glaubt, heute gäbe es solche weißen Flecken auf der Landkarte nicht mehr, den belehren die jüngsten Entdeckungen eines Zoologenteams um Bruce Beehler und Stephen Richards im Nordwesten Neuguineas eines Besseren. Kaum sind die Forscher aus den bisher unzugänglichen Foja-Bergen zurückgekehrt, verkündet großer Medienwirbel – von der New York Times bis Spiegel Online – die Nachricht vom verborgenen Paradies im Dschungel: Zwanzig bislang unbekannte Froscharten, vier neue Schmetterlinge sowie eine Anzahl neuer Pflanzenarten, darunter Palmen und Rhododendren, glauben die Wissenschaftler bei ihrer vierwöchigen Tour entdeckt zu haben. Ein bisher nur aus dem Ostteil der Insel bekanntes Baumkänguru (Dendrolagus pulcherrimus) konnten sie dort ebenso nachweisen wie den bislang als verschollen geltenden Berlepschen Strahlenparadiesvogel (Parotia berlepschi). Bruce Beehler hofft sogar, einen möglicherweise bisher unbeschriebenen Honigfresser gefunden zu haben. Das wäre – eine kleine Sensation – die erste neu entdeckte Vogelart Neuguineas seit mehr als 60 Jahren.

Während große tropische Inseln wie Borneo und Madagaskar mit ihrer inzwischen stark bedrohten Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten seit langem das Interesse von Biologen geweckt und gefunden haben, blieb Neuguinea weitgehend eine vergessene Welt der Biodiversität. Bis heute harren weite Teile der Insel ihrer gründlichen Durchforschung.

Dass Neuguinea eine wahre Wiege des Lebens ist, weiß kaum jemand besser als Rainer Günther vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität in Berlin. Seit 1995 haben den Amphibienkundler mehrere Expeditionen in die Wälder des indonesischen Teils der Insel geführt. Seine bisherige Ausbeute: vierzig neu beschriebene Arten von Waldfröschen. Den jüngsten Neuzugang – und zugleich den Star seiner Sammlung an Neuguinea-Fröschen – hat Günther jetzt im Journal of Zoology (Vol. 268, S. 153–170) wissenschaftlich beschrieben und auf den Namen Callulops pullifer getauft. Der Frosch zeigt ein höchst eigenartiges Fortpflanzungsverhalten: Während die anderen Frösche Neuguineas nach Amphibienmanier ihre Eier in kleine Tümpel und Wasserlachen legen, entdeckte Rainer Günther im Bergregenwald der Wandammen-Halbinsel, dass bei Callulops pullifer die Männchen die vom Weibchen am Erdboden abgesetzten Eier nach der Begattung nicht nur bewachen. Sie nehmen danach die schlüpfenden Jungfrösche huckepack und tragen sie für einige Tage auf dem Rücken mit sich herum, bis deren Überlebenschancen groß genug sind, um sich allein durchzuschlagen. Etwa 320 Froscharten sind von Neuguinea bisher bekannt, 60 davon wurden in den vergangenen fünf Jahren neu entdeckt.

Einige Regionen Indochinas sind wahre Schatzkammern der Biologie

Für Biosystematiker ist Neuguinea indes nicht der einzige hot spot der Biodiversität. Auch einige Regionen Indochinas sind bis heute wahre Schatzkammern der Biologie. Abgelegene Gebiete im jahrzehntelang von Kriegen und Bürgerkriegen zerrütteten Kambodscha und Vietnam bergen noch zahlreiche Überraschungen. Erst in den 1990er Jahren hatten Forscher im Grenzgebiet von Laos und Vietnam mit dem immerhin rund 1,5 Meter großen Vu-Quang-Wildrind (Pseudoryx nghetinhensis) ein unbekanntes Dschungeltier aufgespürt. Kurz darauf wurde aus derselben Gegend der Riesenmuntjakhirsch (Megamuntiacus vuquangensis) beschrieben. Unlängst meldeten Forscher aus Myanmar eine weitere Muntjakhirsch-Art. In den Cardamom-Bergen Kambodschas entdeckten Wissenschaftler neben neuen Pflanzen und fünfzehn bisher für das Land unbekannten Vogelarten mit Crocodylus siamensis eine bereits für ausgestorben gehaltene Krokodilart wieder.

Derartige Berichte über Neuzugänge im Arteninventar mehren sich aus vielen Regionen der Erde. Nachdem die Entdeckungen und Beschreibungen von Wirbeltieren um die Mitte des vorigen Jahrhunderts stetig abgenommen hatten, glaubten die Taxonomen selbst, ihr Job wäre weitgehend getan. Doch die wissenschaftliche Eroberung bisher unzugänglicher Regionen der Welt zeigt, dass selbst große Tierarten noch immer auf ihre Entdeckung warten, wie das Beispiel der im Dezember 2005 auf Borneo in eine Fotofalle gegangenen Schleichkatze zeigt.