Man könnte es den steinernen Krokodilen nicht verübeln, schlügen sie bei den ersten Liedern staunend mit den Schwänzen: Mitten in New York, im altägyptischen Dendur-Tempel des Metropolitan Museum, steht ein junger mexikanischer Tenor und singt Schumann. Zum ersten Mal in seiner Karriere, in der er sich bisher ganz auf Oper und Belcanto konzentriert hat. Er träumt mit Heine von "Perlentränentröpfchen" und vom "wunderschönen Monat Mai", beschwört zwölf Riesen und den heil’gen Rhein, huldigt der "Kleinen, der Feinen, der Reinen, der Einen", mit Hingabe, trotz Noten vor der Nase. Rolando Villazón singt mit einem Timbre aus Chilischoten, Ziegenmilch und Tannenhonig: sämig, feurig, bittersüß. Seine voix mixte ist wie gemacht für die Nachtfarben der Dichterliebe und ihre flatternden Ausreißer ins Grelle, Gestanzte, Gramverzerrte. Und er gibt Schumann mit einer musikalischen Vorstellungskraft, einer Lust am Nur-Hier und Nur-Jetzt, der man sich leichten Sinnes anvertraut. Die Akustik unter der riesigen Glasfassade des Raums allerdings ist miserabel, der Pianist wurstelt sich mehr schlecht als recht durch die Klaviernachspiele, von hinten, und das Publikum muss lernen, dass es nicht nach jedem Lied klatschen darf.

Nach einem lukullischen Event mit Rolando Villazón, dem "Tenorissimo des 21. Jahrhunderts", dem "3 in 1"-Kronprinzen der Ära Pavarotti-Domingo-Carreras, klingt dies alles nicht. Für die Villazón-Fans gleicht es einem Krötenschlucken. Deutsche Kunstlied-Kröten, deren Verzehr, ganz wie im Märchen, hier vor den Eintritt ins Belcanto-Paradies gesetzt ist, vor die sentimentalen Weltumarmungsgesten nämlich, die im zweiten Teil des Abends folgen. Obradors, Tosti, Massenet, Rossini, ja selbst Liszts Tre Sonetti di Petrarca – nach knapp 90 Minuten wird Villazón buchstäblich auf Schultern durch den Saal getragen, den ganzen Arm voller feuerroter Lilien, Standing Ovations. Das Leben als Triumph. Der Tenor als Torrero. Villazón könnte es sich leicht machen.

Und das tut er auch immer wieder, seit seine Karriere 1999 raketengleich zündete. Beim Nockerln-Backen mit Anna Netrebko im Salzburger Festspielrausch, bei Gottschalk auf der Wetten, dass…? -Couch. Als Jugendlicher, das erzählt der 33-Jährige gern, habe er eine ausgeprägte Gandhi-Phase gehabt: wallende Gewänder, Brille, kahl geschorener Kopf. Und eine Huckleberry-Finn-Phase. Und eine als Don Quijote. Ein Mensch, ganz offenbar, der liest. Ein Lebenshungriger. Einer, der sich als Priester ebenso versucht hat wie als Clown oder als Schauspieler. Heute ist Rolando Villazón – und das mag ihn selbst am meisten erschrecken – genau der Tenor, der er immer werden wollte ("Ich habe schon früh sehr groß geträumt!"). Die Konkurrenz von Alvarez bis Calleja, von Vargas über Florez bis Cura schlägt er mit künstlerischer Intelligenz aus dem Feld, mit Spiellaune, Leidenschaft, belcantistischer Eloquenz – und gewiss auch mit seinem Latin-Lover-Image und der Erotik seiner Augenbrauen.

Ob es nicht Angst mache, sich derart bruchlos in die Zeit zu fügen und die Anforderungen des Marktes so prompt zu erfüllen? "Ich bin auch ein Produkt, das weiß ich sehr wohl", sagt er. "Sich in diesem Geschäft zu behaupten ist ein steter Kampf. Habe ich in dem Kampf Fehler gemacht? Ja. Werde ich weitere Fehler machen? Ja. Bedaure ich sie? Nein. Wenn ich kein Risiko eingehe, lebe ich nicht."

Er ist nicht der sonnige Buffone, für den ihn die Welt hält

Sein Berliner Don José stellte seinerzeit ein solches Risiko dar, stimmlich gesehen, auch der erste Don Carlos – und alles ging gut. Ein ziemlicher Flop hingegen, so gesteht er selbst, war kurz vor Weihnachten ein Abend als Herzog in einer (ansonsten umjubelten) Rigoletto- Serie an der Met. Ausgerechnet diese Aufführung wurde weltweit im Radio gesendet – die traditionelle Radio-Übertragung, wer traut sich so etwas schon abzusagen?

Heute, sagt Villazón, habe er gelernt, dass es ein Fehler war, die Vorstellung gesungen und sie dem nicht gesunden Körper abgetrotzt zu haben. Und doch wirkt er seltsam verhetzt am Nachmittag nach seinem Auftritt bei den Great Voices of Dendur, blass unter den Locken, abgespannt, als koste ihn alles Kraft: die eigenen Worte, das eigene Image, der Nachhall einzelner Lieder, das Lachen, der pladdernde Regen draußen am Broadway, die Aussicht auf das nächste große Nein, das ihm sein sängerisches Seelenheil abverlangen wird. Und vielleicht auch die Vorstellung, als siamesischer Zwilling von Anna Netrebko ein schrankenloses öffentliches Interesse erregt zu haben. Optisch mögen die beiden ein Operntraumpaar sein; von der musikalischen Potenz her trennen sie Welten. Er ist der rastlos Gründelnde, Ausdruckswütige, auf dessen gerade erschienene CD mit Arien von Offenbach und Flotow alsbald – man höre und staune! – eine reine Monteverdi-Produktion folgen wird. Er ist stets auf der Flucht vor dem nächsten lauernden Klischee und alles andere als der ewig sonnige Buffone, für den die Welt ihn hält. Und Anna Netrebko? Ist die Inkarnation so vieler Klischees. Ein Glücksfall für den Markt.