oper Die ChilischoteSeite 2/2

Vor der Fußball-WM singt er »O sole mio« in Berlin

»Ich bin, was ich singe, und ich singe, was ich bin«, sagt Villazón von sich selbst. Das mag, wer will, als Bekenntnis nehmen – oder als Drohung. In jedem Fall dürfte es sich rasch entscheiden, ob von der Haltung her auf Dauer wirklich beides geht: Schumann und Tosti, das Schürfen im eigenen Seelengrund wie demnächst auch, pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft, O sole mio in der Berliner Waldbühne mit Domingo und Netrebko. Auf solchen Populismus angesprochen, reagiert Villazón inzwischen mit gewiefter Dialektik. Als Künstler müsse man sich »opfern«, könne man sich nicht selbst begrenzen. »Ich liebe die Menschen. Ich liebe es zu singen. Und ich liebe Überraschungen.« Wer wollte da ernsthaft widersprechen. Vorauseilend und ganz im Sinne magischer Träume plant Villazón eine Karriere von stabilen drei Jahrzehnten: mittelfristig meint diese Mozarts Idomeneo, langfristig sogar Wagners Lohengrin und Parsifal. Er hat gerade, nahezu unbemerkt, in Nizza als Werther debütiert. Daneben lernt er Russisch, im März erwartet ihn am Königlichen Opernhaus Covent Garden sein erster Lenski.

Die Dichterliebe scheint diesem rasanten Treiben zu trotzen. Und auch wieder nicht. Dass Villazón aus Noten singt, ist gewiss kein gutes Zeichen, weder gestalterisch noch symptomatisch. Denn wer die Zeit nicht aufbringt, sich so krude Texte wie den des vorletzten Liedes verlässlich einzuverleiben (Aus alten Märchen), dem reißt, mit Blättern oder Gucken beschäftigt, zwischen den Liedern gern der dramaturgische Faden, der ist sich der Tragweite des Zyklischen noch kaum bewusst. Einerseits. Andererseits legt der Mexikaner – in bestem Deutsch! – viele kluge Köder aus: Hier eine kleine Oktavierung (»Wenn ich in deine Augen seh’«), da ein halbes Tempo (»Ich will meine Seele tauchen«), dort die ganze Emphase, ja Hitze seines kernigen, biegsamen Tenors (»Ich grolle nicht«) – schon hört und will man mehr, schon unterstellt man, Villazón präsentiere in New York zwar die Utopie seiner lyrischen Möglichkeiten, nicht aber diese selbst. Bis zu den beiden letzten Versen des allerletzten Liedes mag das stimmen. Jene aber – »Ich senkt’ auch meine Liebe / Und meinen Schmerz hinein« – verändern alles. Größte, schönste Innigkeit. Flunkernde Farben. Viel Liebe im Schmerz, viel Liebe zum Schmerz. Alles, was das Künstlerleben und die Dichterliebe braucht. Schumann unterm Brennglas. 2007 wird er Schumanns op.48 mit Daniel Barenboim am Klavier in Berlin singen. Viel Zeit für ein großes Versprechen.

 
Leser-Kommentare
  1. Gute Frau das darf in der Zeit nicht passieren:
    Mascagni ist purer Verismo und kein Belkanto
    Holländer eine Baritonrolle
    Nur herumsitzen und Nicknames kreiren ist zu wenig

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