Auch Bücher haben ihre Geschichte. Nachdem die Dresdner Bank 1997 ihr 125-jähriges Jubiläum verstreichen ließ, ohne ihre Rolle im "Dritten Reich" aufzuarbeiten, konnte sie dem öffentlichen Druck nicht mehr ausweichen. Die transatlantische Diskussion um die ungesühnte Verantwortung deutscher Unternehmen für die Plünderung jüdischer Vermögen tat ein Übriges. So entschied der Vorstand der Bank, angesehene und unabhängige Historiker mit der Erstellung einer wissenschaftlichen Studie über die Dresdner Bank während der Naziherrschaft zu beauftragen. Der Vorstand der Dresdner Bank Ende 1937 im Sitzungssaal der Berliner Zentrale BILD

Um es vorwegzunehmen: Das Ergebnis der verspäteten Vergangenheitsbewältigung kann sich sehen lassen. Der Dresdner Zeithistoriker Klaus-Dietmar Henke und die Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr, Harald Wixforth und Dieter Ziegler haben eine vierbändige Studie erstellt, die in vielerlei Hinsicht gewichtig ist. Die Autoren standen nie in der Versuchung, eine spektakuläre These zu präsentieren, die bei näherem Hinsehen wie eine Seifenblase zerplatzt. In den staubbedeckten Regalen des Archivs der Dresdner Bank förderten sie längst vergessene Aktenberge zutage, die ihnen eine ungeahnt tiefe Rekonstruktion des unternehmerischen Handelns während des "Dritten Reiches" ermöglichten.

Lange war das Bild von der Dresdner Bank während der Nazizeit von einem Bericht geprägt, den die amerikanische Militärregierung (OMGUS) 1946 bei ihrer Suche nach Kriegsverbrechern in den Vorstandsetagen der Großbanken erstellte. Ihr Schluss, dass die Dresdner Bank "eine übermäßige Konzentration wirtschaftlicher Macht darstellte", beruhte auf der Voreingenommenheit der amerikanischen Finanzoffiziere und ihrer Unkenntnis des deutschen Bankensystems, das sich vom amerikanischen Bankwesen klar unterschied. Entgegen ihrer Vermutung hatte das deutsche Universalbankensystem mit seinen landesweit operierenden Großbanken gerade nicht zu einer Konzentration wirtschaftlicher Macht geführt, wie sie aus anderen Motiven auch von marxistischen Ökonomen kritisiert wurde.

Lange Zeit verfielen deutsche Historiker dem Irrtum, den OMGUS-Report als gesicherte Wahrheit und nicht als ein zeitgebundenes, durch subjektive Wahrnehmungen und Irrtümer beeinflusstes Dokument zu interpretieren. Zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtergreifung war die Dresdner Bank keine Macht, sondern ein Institut, das sich in jederlei Hinsicht in einer schwachen Stellung befand. Das Institut hatte die verheerende Bankenkrise des Jahres 1931 nur dank der Eigenkapitalhilfen des Reiches und der Reichsbank überleben können. Mehr als 90 Prozent ihres Kapitals befanden sich in den Händen des Staates, von dem sie in verschiedener Hinsicht abhängig war.

Der Beginn der nationalsozialistischen Rassenpolitik traf die Dresdner Bank sofort. Das Bankhaus, das 1872 von jüdischen Bankiers gegründet wurde und immer eine beträchtliche Zahl jüdischer Vorstandsmitglieder und Direktoren gezählt hatte, galt nun als öffentliches Unternehmen. Es unterlag somit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", mit dem jüdische Beamte aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen wurden.

Viele der jüdischen Angestellten und Direktoren hatten während des Ersten Weltkriegs an der Front gekämpft und waren durch die Ausnahmebestimmungen des Gesetzes vor einer zwingenden Entlassung geschützt. In einer charakteristischen Mischung aus opportunistischem Geschäftskalkül und Nachgiebigkeit gegenüber politischem Druck entschloss sich das Management der Dresdner Bank, dennoch auch einen Teil seiner geschützten jüdischen Mitarbeiter zu entlassen. Die gezielte Entlassung jüdischer Mitarbeiter erlaubte es dem Management nämlich, den Personalüberhang ohne Konflikte mit den Aktivisten der NS-Betriebszellenorganisation (NSBO) zu beseitigen. Das politische Interesse an einem Modus Vivendi mit den NS-Aktivisten im eigenen Haus deckte sich mit dem unternehmerischen Opportunismus, eine günstige Gelegenheit zur Verkleinerung der Belegschaft zu nutzen. Unter den Großbanken war die Dresdner Bank jedoch keine besonders unrühmliche Ausnahme: 1933 entließ die Deutsche Bank ihre drei jüdischen Vorstandsmitglieder, ohne dass dies die Reichsregierung oder der mächtige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht gefordert hätten.

Existenzvernichtung – umgesetzt in scheinbar normalen Geschäften

Die nun vorliegende Studie beschreibt detailliert die zunehmende Diskriminierung der jüdischen Mitarbeiter und die Benachteiligungen der jüdischen Bankkunden. In der Behandlung der jüdischen Mitarbeiter und Pensionäre und im Verhalten gegenüber den jüdischen Kunden spiegelte sich der gesamtgesellschaftliche Prozess der Rassenpolitik, den der Historiker Hans Mommsen einmal als "kumulative Radikalisierung" charakterisierte. So diente der Erlass der Nürnberger Rassengesetze im September 1935 der Dresdner Bank als Legitimation, um die verbliebenen jüdischen Angestellten bis 1937 zu entlassen und ihnen einen Teil ihrer verbrieften Abfindungen und Pensionsansprüche willkürlich vorzuenthalten. An einigen hoch qualifizierten und kaum ersetzbaren jüdischen Direktoren hielt das Bankhaus aus den gleichen opportunistischen Erwägungen jedoch so lange fest, wie es aufgrund der rassenpolitischen Rahmenbedingungen möglich war.

Seit 1937 spielte der durch Boykottaktionen und Diskriminierungen erzwungene Verkauf von jüdischen Unternehmen eine immer größere Rolle im Alltagsgeschäft der Bank. Der Verkauf eines Unternehmens – im heutigen Sprachgebrauch gehört er in die Abteilung mergers and acquisitions – war vor dem Hintergrund der antijüdischen Enteignungs- und Vertreibungspolitik des Regimes keine normale geschäftliche Transaktion, sondern ein Akt von enormen rassenpolitischen Implikationen.