Die Sandsäcke draußen, die bewaffnete Wache und die versenkbare Straßensperre, das ist alles nicht der Rede wert; nur die übliche Angst vor Anschlägen. Das Erstaunliche ist hier drinnen: eine Redaktion, in der Männer und Frauen niemals zusammentreffen. Voilà, dies ist Saudi-Arabien. BILD

Al-Rijadh ist die größte Tageszeitung des Landes. Drüben im Hauptgebäude arbeiten etwa 300 Männer, hier im Nebentrakt 12 Frauen, unterstützt von 10 Korrespondentinnen in anderen Städten. Überladene Schreibtische, überquellende Pinnwände, alles wie in jeder beliebigen Redaktion der Welt – nur verkehren diese Journalistinnen mit den Männern drüben ausschließlich per Telefon, E-Mail oder Fax. Einen Grund zur Klage sehen sie darin nicht, im Gegenteil. "Wir nutzen die Technik zu unserem Vorteil", sagt Bareah al-Subeedy. Sie schreibt über Wirtschaft und Politk, seit 13 Jahren schon, eine Frau von unaufgeregtem Selbstbewusstsein.

Nirgendwo sonst auf der Erde ist die Geschlechtertrennung so strikt wie in Saudi-Arabien. Eine westliche Besucherin wird in der Hauptstadt Riad vom ersten Moment an von einem seltsamen Gefühl befallen: nicht vorgesehen zu sein.

Nicht in der schönen Lobby des Hotels, nicht in den schicken Cafés um die Ecke, nicht auf der Straße und nicht im milden Licht von Riads Wintersonne. Alles Öffentliche, Offene, Luftige ist männlich – lauter männliche Orte, rot-weiß markiert. Rot-weiß gescheckt sind die arabischen Tücher der Männer. Ihre Signalfarben. Die öffentliche Farbe der Frau ist schwarz.

Den Journalistinnen von al-Rijadh ist die Eifersucht, es den Männern gleichtun zu wollen, fremd. Und sie verspüren wenig Lust, über Geschlechtertrennung zu diskutieren, das seien doch Äußerlichkeiten, ihnen geht es um ihre Arbeit, um Qualität, um Anerkennung. "Früher wollten die Männer in den Ministerien nicht einmal am Telefon mit mir reden. Vieles hat sich verändert", sagt Bareah. "Es wird heute akzeptiert, dass eine Journalistin auch draußen recherchieren muss." Eine Kollegin, die für eine Reportage fünf Tage in abgelegenen Wüstengebieten verbrachte, wurde von ihrem Bruder begleitet. Gibt es nicht für alles eine Lösung? Im Zimmer der Autorin hängt die Reportage hinter Glas, sie wurde mit einem saudischen Journalistenpreis ausgezeichnet, alle stehen stolz davor, und irgendwie begreift man in diesem Moment, dass es Wichtigeres gibt als die Frage, warum sich eine gestandene Mutter von vier Kindern von ihrem Bruder begleiten lassen musste.

Die Protagonistinnen dieser Geschichte sind pragmatische Heldinnen. Sie erkämpfen sich Freiräume, wo unsereins gar keinen Raum sieht. Sie erwarten Respekt, nicht Mitleid. Und sie entziehen sich westlichen Stereotypen von Emanzipation. Anders als viele saudische Frauen verschleiert Bareah, die Wirtschaftsredakteurin, ihr Gesicht nicht, "niemand kann mich dazu zwingen".

Aber wenn sie hinter ihrem Schreibtisch fotografiert werden soll, dann hängt sie sich plötzlich mehrere Lagen schwarzen Stoff übers Gesicht. Für ein Massenpublikum ausgestellt zu werden, für eine Masse unbekannter Männer, das erscheint ihr wie ein Angriff auf ihre Intimsphäre. Als Bareah vor 13 Jahren mit den ersten Artikeln begann, war ihr Vater entsetzt: Du verdirbst den Ruf der Familie! Er lief zum Schwiegersohn: Halte du sie zurück! Schließlich verlangte er: Schreib wenigstens nicht unter unserem Familiennamen! Also zeichnete sie nur mit Erst- und Zweitnamen: Bareah Ibrahim. Später, als sie anerkannt war, besann sich der Vater.

"Möchtest du nicht vielleicht unter unserem Familiennamen schreiben?", bat er.

"Warum sollte ich?", entgegnete sie. "Nun kennt man mich so."

Draußen wartet ihr Wagen, am Steuer ihr sudanesischer Fahrer – denn eine Frau darf in Saudi-Arabien nicht Auto fahren. Dabei ist Riad eine Autostadt, ein amerikanisch anmutendes Stadtgebilde mit vier Millionen Einwohnern und schnurgeraden, überbreiten Straßen, die bis zum Horizont über ein brettflaches Wüstenplateau kriechen. Das Fahrverbot produziert einen der vielen bizarren Widersprüche im saudischen Sittenkosmos: Die Frau verbringt jeden Tag Stunden mit einem fremden Mann am Steuer. Die meisten Fahrer sind Ausländer, Gastarbeiter; aus Sicht eines saudischen Mannes zählen sie nicht ganz, verwandeln sich für die Dauer der Arbeitszeit in moderne Eunuchen.

Das Frauenfahrverbot ist plakativ, demütigender ist anderes: So alt eine saudische Frau auch werden mag, sie wird vor dem Gesetz nie voll mündig. Will sie allein außer Landes reisen, muss sie am Flughafen auf einer gelben Karte das schriftliche Einverständnis eines männlichen Verwandten vorzeigen, in der Regel Vater oder Ehemann. Gegen den Willen dieses so genannten Vormunds kann sie kein Haus mieten, keinen Personalausweis beantragen, keine Operation vornehmen lassen, nicht allein in einem Hotel übernachten. Und trotzdem gibt es Frauen, die eine Universität leiten oder einen Betrieb. Oder fliegen lernen, obwohl sie nicht fahren dürfen.

Anruf aus Mekka. Am Telefon ist Saudi-Arabiens erste Pilotin. "Inschallah", sagt sie, so Gott will, "bin ich eine Pionierin." Und ehe ihre Stimme einen Punkt hinter diese Hoffnung setzt, sagt Hanadi Zakarja Hindi noch einmal: "Inschallah." Die fromme 27-Jährige hat ihre Ausbildung in Jordanien absolviert, finanziert vom mächtigsten Unternehmer Saudi-Arabiens, dem reformerisch gesinnten Prinzen Walid bin Talal.

Wenn die Pilotin in Zukunft über die Landesgrenze fliegt, wird sie dafür die schriftliche Erlaubnis des Vaters brauchen – sie reist ja allein. Hanadi übersieht das einfach: "Ich liebe das Fliegen, und andere Frauen werden mir folgen, inschallah."

Selbstbewusst, gebildet und hartnäckig – das ist die andere, wenig bekannte Seite der saudischen Frauen. Etwa 400000, rund zehn Prozent der erwachsenen Frauen, sind trotz aller Hindernisse berufstätig, vor allem in Schulen, Krankenhäusern, in der Verwaltung. Dort fällt die Trennung der Geschlechter leichter – und die Trennung schafft wiederum Jobs: Mädchen brauchen Lehrerinnen, Patientinnen brauchen Ärztinnen; es gibt Bankschalter, Internet-Cafés, Fotostudios für "Ladies only", in Riad sogar eine ganze Etage in einem Einkaufszentrum.

Dem saudischen Königshaus dient die Geschlechtertrennung zur Stabilisierung seiner Herrschaft – seht her, so islamisch-fromm regieren wir! Das muss betont werden angesichts der Anfeindungen durch eine islamistische Opposition, die Dekadenz und Sittenverfall anprangert. Auf der anderen Seite möchte die Regierung die Berufstätigkeit von Frauen durchaus ausdehnen, will sie das Reservoir der Gutgebildeten nutzen für die "Saudisierung" des Arbeitsmarkts: Von den 23 Millionen Einwohnern des Königreichs ist jeder Dritte Ausländer, bei den Beschäftigen sind es sogar fast zwei Drittel. Liberale Reformer wollen wiederum mehr Teilhabe von Frauen als Schritt zu mehr Demokratie; den Ultrareligiösen geht hingegen jetzt schon alles viel zu weit.

So zerren alle Seiten an den Frauen. Mit ihrer Rolle verknüpft sich die Frage nach dem künftigen Gesicht dieser zugleich verunsicherten und stoischen Gesellschaft. Saudi-Arabien ist ein junger Staat, gegründet 1932, also kaum 74 Jahre alt. Die arabische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts ging an der Halbinsel vorbei, etwa jene berühmte Geste einer ägyptischen Frauenrechtlerin, die sich auf dem Kairoer Bahnhof 1922 demonstrativ den Schleier vom Kopf riss.