Dossier

Wir sind Pionierinnen, so Gott will

Frauen in Saudi-Arabien ist es verboten, Auto zu fahren – nun ist die Erste eine Pilotin geworden. Andere leiten Firmen und Universitäten. In ihrem mühsamen Kampf um Freiheiten suchen sie einen islamischen Weg zur Emanzipation

Die Sandsäcke draußen, die bewaffnete Wache und die versenkbare Straßensperre, das ist alles nicht der Rede wert; nur die übliche Angst vor Anschlägen. Das Erstaunliche ist hier drinnen: eine Redaktion, in der Männer und Frauen niemals zusammentreffen. Voilà, dies ist Saudi-Arabien.

Al-Rijadh ist die größte Tageszeitung des Landes. Drüben im Hauptgebäude arbeiten etwa 300 Männer, hier im Nebentrakt 12 Frauen, unterstützt von 10 Korrespondentinnen in anderen Städten. Überladene Schreibtische, überquellende Pinnwände, alles wie in jeder beliebigen Redaktion der Welt – nur verkehren diese Journalistinnen mit den Männern drüben ausschließlich per Telefon, E-Mail oder Fax. Einen Grund zur Klage sehen sie darin nicht, im Gegenteil. »Wir nutzen die Technik zu unserem Vorteil«, sagt Bareah al-Subeedy. Sie schreibt über Wirtschaft und Politk, seit 13 Jahren schon, eine Frau von unaufgeregtem Selbstbewusstsein.

Nirgendwo sonst auf der Erde ist die Geschlechtertrennung so strikt wie in Saudi-Arabien. Eine westliche Besucherin wird in der Hauptstadt Riad vom ersten Moment an von einem seltsamen Gefühl befallen: nicht vorgesehen zu sein.

Nicht in der schönen Lobby des Hotels, nicht in den schicken Cafés um die Ecke, nicht auf der Straße und nicht im milden Licht von Riads Wintersonne. Alles Öffentliche, Offene, Luftige ist männlich – lauter männliche Orte, rot-weiß markiert. Rot-weiß gescheckt sind die arabischen Tücher der Männer. Ihre Signalfarben. Die öffentliche Farbe der Frau ist schwarz.

Den Journalistinnen von al-Rijadh ist die Eifersucht, es den Männern gleichtun zu wollen, fremd. Und sie verspüren wenig Lust, über Geschlechtertrennung zu diskutieren, das seien doch Äußerlichkeiten, ihnen geht es um ihre Arbeit, um Qualität, um Anerkennung. »Früher wollten die Männer in den Ministerien nicht einmal am Telefon mit mir reden. Vieles hat sich verändert«, sagt Bareah. »Es wird heute akzeptiert, dass eine Journalistin auch draußen recherchieren muss.« Eine Kollegin, die für eine Reportage fünf Tage in abgelegenen Wüstengebieten verbrachte, wurde von ihrem Bruder begleitet. Gibt es nicht für alles eine Lösung? Im Zimmer der Autorin hängt die Reportage hinter Glas, sie wurde mit einem saudischen Journalistenpreis ausgezeichnet, alle stehen stolz davor, und irgendwie begreift man in diesem Moment, dass es Wichtigeres gibt als die Frage, warum sich eine gestandene Mutter von vier Kindern von ihrem Bruder begleiten lassen musste.

Die Protagonistinnen dieser Geschichte sind pragmatische Heldinnen. Sie erkämpfen sich Freiräume, wo unsereins gar keinen Raum sieht. Sie erwarten Respekt, nicht Mitleid. Und sie entziehen sich westlichen Stereotypen von Emanzipation. Anders als viele saudische Frauen verschleiert Bareah, die Wirtschaftsredakteurin, ihr Gesicht nicht, »niemand kann mich dazu zwingen«.

Aber wenn sie hinter ihrem Schreibtisch fotografiert werden soll, dann hängt sie sich plötzlich mehrere Lagen schwarzen Stoff übers Gesicht. Für ein Massenpublikum ausgestellt zu werden, für eine Masse unbekannter Männer, das erscheint ihr wie ein Angriff auf ihre Intimsphäre. Als Bareah vor 13 Jahren mit den ersten Artikeln begann, war ihr Vater entsetzt: Du verdirbst den Ruf der Familie! Er lief zum Schwiegersohn: Halte du sie zurück! Schließlich verlangte er: Schreib wenigstens nicht unter unserem Familiennamen! Also zeichnete sie nur mit Erst- und Zweitnamen: Bareah Ibrahim. Später, als sie anerkannt war, besann sich der Vater.

»Möchtest du nicht vielleicht unter unserem Familiennamen schreiben?«, bat er.

»Warum sollte ich?«, entgegnete sie. »Nun kennt man mich so.«

Draußen wartet ihr Wagen, am Steuer ihr sudanesischer Fahrer – denn eine Frau darf in Saudi-Arabien nicht Auto fahren. Dabei ist Riad eine Autostadt, ein amerikanisch anmutendes Stadtgebilde mit vier Millionen Einwohnern und schnurgeraden, überbreiten Straßen, die bis zum Horizont über ein brettflaches Wüstenplateau kriechen. Das Fahrverbot produziert einen der vielen bizarren Widersprüche im saudischen Sittenkosmos: Die Frau verbringt jeden Tag Stunden mit einem fremden Mann am Steuer. Die meisten Fahrer sind Ausländer, Gastarbeiter; aus Sicht eines saudischen Mannes zählen sie nicht ganz, verwandeln sich für die Dauer der Arbeitszeit in moderne Eunuchen.

Das Frauenfahrverbot ist plakativ, demütigender ist anderes: So alt eine saudische Frau auch werden mag, sie wird vor dem Gesetz nie voll mündig. Will sie allein außer Landes reisen, muss sie am Flughafen auf einer gelben Karte das schriftliche Einverständnis eines männlichen Verwandten vorzeigen, in der Regel Vater oder Ehemann. Gegen den Willen dieses so genannten Vormunds kann sie kein Haus mieten, keinen Personalausweis beantragen, keine Operation vornehmen lassen, nicht allein in einem Hotel übernachten. Und trotzdem gibt es Frauen, die eine Universität leiten oder einen Betrieb. Oder fliegen lernen, obwohl sie nicht fahren dürfen.

Anruf aus Mekka. Am Telefon ist Saudi-Arabiens erste Pilotin. »Inschallah«, sagt sie, so Gott will, »bin ich eine Pionierin.« Und ehe ihre Stimme einen Punkt hinter diese Hoffnung setzt, sagt Hanadi Zakarja Hindi noch einmal: »Inschallah.« Die fromme 27-Jährige hat ihre Ausbildung in Jordanien absolviert, finanziert vom mächtigsten Unternehmer Saudi-Arabiens, dem reformerisch gesinnten Prinzen Walid bin Talal.

Wenn die Pilotin in Zukunft über die Landesgrenze fliegt, wird sie dafür die schriftliche Erlaubnis des Vaters brauchen – sie reist ja allein. Hanadi übersieht das einfach: »Ich liebe das Fliegen, und andere Frauen werden mir folgen, inschallah.«

Selbstbewusst, gebildet und hartnäckig – das ist die andere, wenig bekannte Seite der saudischen Frauen. Etwa 400000, rund zehn Prozent der erwachsenen Frauen, sind trotz aller Hindernisse berufstätig, vor allem in Schulen, Krankenhäusern, in der Verwaltung. Dort fällt die Trennung der Geschlechter leichter – und die Trennung schafft wiederum Jobs: Mädchen brauchen Lehrerinnen, Patientinnen brauchen Ärztinnen; es gibt Bankschalter, Internet-Cafés, Fotostudios für »Ladies only«, in Riad sogar eine ganze Etage in einem Einkaufszentrum.

Dem saudischen Königshaus dient die Geschlechtertrennung zur Stabilisierung seiner Herrschaft – seht her, so islamisch-fromm regieren wir! Das muss betont werden angesichts der Anfeindungen durch eine islamistische Opposition, die Dekadenz und Sittenverfall anprangert. Auf der anderen Seite möchte die Regierung die Berufstätigkeit von Frauen durchaus ausdehnen, will sie das Reservoir der Gutgebildeten nutzen für die »Saudisierung« des Arbeitsmarkts: Von den 23 Millionen Einwohnern des Königreichs ist jeder Dritte Ausländer, bei den Beschäftigen sind es sogar fast zwei Drittel. Liberale Reformer wollen wiederum mehr Teilhabe von Frauen als Schritt zu mehr Demokratie; den Ultrareligiösen geht hingegen jetzt schon alles viel zu weit.

So zerren alle Seiten an den Frauen. Mit ihrer Rolle verknüpft sich die Frage nach dem künftigen Gesicht dieser zugleich verunsicherten und stoischen Gesellschaft. Saudi-Arabien ist ein junger Staat, gegründet 1932, also kaum 74 Jahre alt. Die arabische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts ging an der Halbinsel vorbei, etwa jene berühmte Geste einer ägyptischen Frauenrechtlerin, die sich auf dem Kairoer Bahnhof 1922 demonstrativ den Schleier vom Kopf riss.

Als die Modernisierung mit den amerikanischen Ölfirmen verspätet nach Zentralarabien vordrang, beschränkte sie sich aufs Materielle, Technische – in widersprüchlicher Koexistenz mit einem Islam der strengen Observanz: Das saudische Königshaus hatte sich seit dem 18. Jahrhundert aus machtstrategischen Gründen mit dem Wahhabismus verbunden, einer puristischen Reformbewegung. Aber Tradition erklärt beileibe nicht alles. Erst durch Wohlstand, Verstädterung und verwestlichte Konsumgewohnheiten entstanden jene goldenen Käfige, in denen die Töchter, Ehefrauen und Mütter der Mittel- und Oberschicht aufbewahrt werden konnten – verwöhnt und behütet, kontrolliert und bewacht.

Die spiegelglatten Marmorgänge von Riads Shopping-Malls sind ihr Auslaufgehege: eine klimatisierte Halböffentlichkeit, wo schwarz verschleierte Gestalten vor der Kulisse einer globalisierten Markenwelt eine völlig inhaltsleer wirkende saudische Identität verkörpern. Islam? Zaynab, die Tochter des Propheten, durfte auf einem Kamel von Mekka nach Medina reiten. 14 Jahrhunderte später sitzen die Urenkelinnen in so genannten family sections der Fast-Food-Ketten, von der Außenwelt durch Stellwände und Milchglasscheiben getrennt, und selbst das ist ihnen streng genommen nur an der Seite des männlichen Vormunds gestattet.

Aber was wissen wir? Der Blick hinter die Stellwände, hinter die abweisende Fassade saudischen Frauenlebens beginnt mit dem Kauf einer Abaja, der schwarzen Verhüllung. In der Boutique stellen sich ungeahnte Fragen: Schmetterlings-Stil, China-Stil, Oman-Stil? Die Abaja ist zu einem Modeartikel geworden, bestickt und mit Pailletten besetzt, kann sie bis zu 1500 Euro kosten. Die vielen Varianten, die jetzt selbst im strikten Riad getragen werden können, gelten als Zeichen wachsender Freiheit – ein saudischer Frühling. Die Sittenwächter von der Religionspolizei, die besonders über das Verhalten und die Kleidung von Frauen wachen, halten sich zurück; auch die Presse hat mehr Spielraum.

Saudische Frauen sagen: Nicht die Abaja als solche, sondern wie sie getragen werde, sei entscheidend – nämlich »auf dem Kopf« oder »auf den Schultern«. Das sind politische Chiffren. Auf dem Kopf getragen, ist die Abaja ein Umhang, der die Frau zu einem körperlosen schwarzen Kegel macht; so verlangen es die Ultrareligiösen. Auf den Schultern getragen, gleicht die Tracht einem schwarzen Mantel, so kann sie durchaus elegant sein.

Morgens am Tor 3 zum Frauen-Campus der König-Saud-Universität: Die Dozentinnen verschleiern sich für die wenigen Meter von ihren Wagen bis zum Eingang. Drinnen ist die Atmosphäre wie ausgewechselt. Der Campus ist Abaja-freie Zone wie überall, wo Frauen unter sich sind – und plötzlich sieht man den weiblichen Teil einer jungen Nation entspannt flanieren. Bildung ist das Billet in eine freiere Zukunft, das haben die Mädchen längst begriffen. Zugelassen an fünf von acht Universitäten, stellen sie dort bereits eine knappe Mehrheit. 1970 gab es, wenn die staatlichen Angaben stimmen, gerade 313 Studentinnen, jetzt sind es 49000, plus etwa 100000 an Frauen-Colleges. 60 Prozent aller saudischen Professoren sind weiblich. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 12 Prozent.

Gelegentlich lauschen die Studentinnen auch männlichen Professoren: Sie sehen sie auf einem Bildschirm, Fragen werden per Telefon zum Männer-Campus übermittelt.

Als Hind al-Chuthaila 1971 zum Studium in die USA ging, erhob sich ihr Stamm in Aufruhr; die elegante, sanfte Professorin wurde später erste weibliche Dekanin der König-Saud-Universität. Zu ihren vielen Tätigkeiten gehört heute, das Bildungsniveau in den Golfstaaten zu evaluieren, aber wenn sie ein Flugticket buchen will, fragt der Mann im Reisebüro, wo ihr Gatte sei. Die Professorin erzählt es mit Humor. Saudische Frauen lassen sich gegenüber Fremden selten anmerken, worunter sie leiden.

Gegen die ersten Mädchenschulen Zentralarabiens griffen Männer zu den Waffen; das ist erst 40 Jahre her. Um den Widerstand zu besänftigen, stellte der König die Mädchenbildung unter die Aufsicht der Geistlichen, ein für Saudi-Arabien typischer Kompromiss. Das Arrangement zerbrach erst im März 2002, als 15 Mädchen starben, weil sie ohne Abaja nicht aus ihrer brennenden Schule fliehen durften. Das war in Mekka, der heiligen Stadt.

Viele im Land waren schockiert. Jetzt unterstehen die Mädchenschulen dem Staat, aber die Geistlichen haben weiterhin die alleinige Macht, zu definieren, was Frauen dürfen. Beispiel Fahrverbot: Aus dem Islam ist es nicht abzuleiten, aber jeder Versuch, es aufzuheben, ist fruchtlos ohne den Segen der Religionsgelehrten.

»Der Prophet hat gesagt: Lehret eure Kinder reiten und schwimmen. Damit waren auch die Mädchen gemeint.« Suhaila Zain al-Abidin doziert mit erhobenem Zeigefinger über ihrem Teeglas. »Jede Art des Transports ist für Frauen erlaubt.« Die Verfasserin von 90 Büchern und Broschüren über den Islam verbindet den äußerlichen Habitus der frommen Muslimin – ungeschminkt und mütterlich – mit einer unschlagbaren Kenntnis aller frauenrelevanten Textstellen.

Suhaila wurde als Tochter eines Religionsgelehrten in Medina geboren, irgendwann in den vierziger Jahren, das wurde damals nicht so genau notiert. Sie lernte bis zur Universitätsreife nur zu Hause; es gab noch keine Schule für sie.

»Alle unsere Probleme resultieren aus unserer Kultur, unserer Tradition«, sagt sie. »Aber die Männer manipulieren, sie erklären die Sitten zum Bestandteil der Religion. Und die Regierung will weder mit den Geistlichen noch mit den Islamisten einen Konflikt riskieren.«

Viele Frauen können einen Wagen steuern; sie haben heimlich in der Wüste geübt. Dörflerinnen dürfen stillschweigend sogar fahren, weil sie Ziegen und Gemüse zum Markt bringen müssen. Warum also fügen sich Millionen Städterinnen dem absurden Verbot? Am 6. November 1991 setzten sich 47 Frauen in Riad hinters Lenkrad und fuhren im Konvoi durch die Stadt. Die erste Frauenaktion der saudischen Geschichte – und bis heute die letzte. Die Veteraninnen treffen sich an jedem Jahrestag; keine von ihnen konnte mehr Karriere im Regierungsdienst machen, erzählt die Pädagogin Fauziah Albakr.

Sie hatte zeitweise Arbeitsverbot an der Universität, auch Reiseverbot. »Wir sind abgestempelt als die Exfahrerinnen.« Besonders abschreckend habe die Veröffentlichung ihrer Namen gewirkt, die Bloßstellung, die Skandalisierung. »Unsere ganze Erziehung zielt darauf, sich an Normen zu halten, den Familiennamen nicht zu gefährden. Keine Frau will etwas als Erste tun.«

Oft sind es sogar Frauen, die am vehementesten jene Traditionen verteidigen, die sie fesseln. Einer Petition für die Aufhebung des Fahrverbots folgt sogleich eine dagegen, ebenfalls von Frauen. Verschleierte rügen Bargesichtige im Vorübergehen mit dem Satz: »Möge Gott dir deine Sünden vergeben.« 40 Prozent der Privatvermögen gehören Frauen; sie hätten Macht, wenn sie einheitlich handelten. Sie tun es nicht. So setzen alle Vorkämpferinnen für Frauenrechte nun Hoffnung in den neuen König Abdallah. Er traf sich gleich nach der Thronbesteigung mit Akademikerinnen, später mit Schriftstellerinnen und Journalistinnen. »Der König ist fortschrittlicher als das Volk«, glaubt die Professorin Hind al-Chuthaila.

Wie schwarze Stoffpakete sitzen verschleierte alte Frauen auf den Wartebänken am Eingang eines Krankenhauses. Die King Abdulaziz Medical City ist ein weitläufiger Komplex mit 5000 Beschäftigten im Osten Riads. Die betagten Patientinnen kommen aus den Dörfern, ihr Dialekt ist schwer verständlich. Vor der Kulisse ihrer Unbeholfenheit fällt auf, welch eine andere Welt die jungen Expertinnen im Krankenhaus verkörpern. Sie heißen Patientenbetreuerinnen und helfen den Alten, die moderne Medizin zu verstehen. Sie haben Sozialarbeit, Psychologie oder Health Administration studiert, sie schultern die Doppelbelastung berufstätiger Mütter und finanzieren mit einem Teil ihres Gehalts ein Hausmädchen.

Die Tür zum Büro der Patientenbetreuerinnen steht offen, damit die Hemmschwelle für Ratsuchende niedrig ist. Hinter der offenen Tür steht indes ein Sichtschutz: Damit vorbeigehende Männer nicht in das Büro der Frauen blicken können. Zur Mittagszeit hat ein Kollege Essen in einem Restaurant besorgt; er stellt die Tüten vor dem Sichtschutz ab, von dem freundlichen Helfer sieht man nur einen rot-weißen Tuchzipfel. Kurz darauf kommt jemand, der ein Telefon reparieren soll: Er klopft, ruft vor dem Sichtschutz laut sein Begehr, erst dann darf er eintreten.

Eine geschlechtergetrennte Arbeitswelt, wo sich die Geschlechter dennoch begegnen, ist eine schwierige Angelegenheit. Uns mögen ihre Regeln absurd erscheinen, doch es gibt Momente, da man Respekt empfindet vor der Disziplin und der Hingabe, mit der Männer und Frauen diese Regeln einhalten. Später wird eine Studentin auf die Frage, welche Qualitäten ihr künftiger Ehemann haben solle, antworten: »Ich möchte einen Mann, der anklopft. Das meine ich wörtlich.« Anklopfen bedeutet: die Sphäre der Frauen zu respektieren, nicht zudringlich zu sein.

»Bitte anklopfen!« steht auf dem Zettel, den Ghada, eine Assistentin, an ihre Bürotür im Krankenhaus geklebt hat. Ihre Chefin ist eine Frau, die Direktorin des Sozialdienstes, und die Abteilung ist gemischt. Oh, das ist kompliziert! Denn zwischen dem Zimmer von Ghada und dem Büro ihrer Chefin liegt ein »Männerflur«, er misst nur drei Meter, aber jedes Mal, wenn die zierliche Assistentin hinübersprintet auf ihren weichen Plateausohlen, schlägt sie für die drei Meter Flur ihren schwarzen Gesichtsschleier hinunter. Zurück im eigenen Zimmer, fliegt der Schleier, zack, wieder hoch, er ist hinderlich, wenn sie flink etwas in den Aktenmappen sucht. Bevor sie wieder zurückflitzt, kann man gerade noch fragen, wie oft sie den Schleier am Tag hoch- und runterklappt. Sie strahlt und ruft: »Eine Million Mal!« Zack, Tuch runter, ist sie wieder auf dem Flur. Welche Energie manche Frauen aufbringen, um ihre Berufstätigkeit mit ihren Vorstellungen von Sitte und Anstand zu vereinbaren!

Samiha al-Haydar, die Direktorin des Sozialdienstes, empfängt mit einer spitzen Bemerkung: »Dass ich eine gemischte Abteilung leite, ist sicher für Sie aus Deutschland besonders wichtig.«

Die ewige Unterschätzung der saudischen Frauen! »Wir haben noch kein Modell für unsere Emanzipation«, sagt sie, »aber wir haben eine Identität, und das westliche Modell passt nicht zu uns.« Umstandslos kommt sie dann zu ihrem wichtigsten Thema: häusliche Gewalt. Immer wieder landen in der Ambulanz des Krankenhauses schwer misshandelte Frauen. Acht Jahre rang Samiha mit den Behörden, dann konnte sie den ersten saudischen Kriseninterventionsdienst einrichten. »Das ist mein Beitrag zur Modernisierung des Landes.« Oft, sagt sie, schämten sich die Frauen, Hilfe zu suchen. »Weil es den Familiennamen beflecken würde. Sie haben Angst, dass später niemand ihre Kinder heiraten will.«

Gerade ist eine Lehrerin eingeliefert worden, ihr Mann hat ihr zwei Finger abgehackt, Schlimmeres verhütete das Eingreifen des Sohnes. Die Lehrerin war die Haupternährerin der Familie; wie anderswo sind in Saudi-Arabien Umbrüche in der Rollenverteilung eine Ursache für Gewalt. Die soziale Realität deckt sich oft nicht mehr mit der offiziellen saudisch-islamischen Definition: Danach soll der Mann für den ganzen Lebensunterhalt der Familie aufkommen; die Frau darf berufstätig sein, sofern sie ihre Mutterpflichten nicht vernachlässigt – dann kann sie ihr Einkommen für sich allein behalten. Aber viele junge Männer bleiben heute lange ledig, weil sie keine Arbeit haben, und manche Eltern drängen dann den widerstrebenden Sohn in die Ehe mit einer der 50000 Lehrerinnen.

Zum prominentesten Opfer männlicher Gewalt wurde eine Fernsehmoderatorin. Sie tat etwas bis dahin Undenkbares. Aus dem Krankenhaus ließ sie das Foto ihres Gesichts veröffentlichen, es war durch Knochenbrüche völlig entstellt. Ihr Mann hatte sie halbtot geschlagen. Bevor sie das Bewusstsein verlor, befahl er ihr, das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen: ein Sterberitus.

»Es gibt aufseiten der saudischen Männer eine massenhafte Fehlinterpretation des Korans«, sagt der Psychologe Turki al-Otayan. Er lehrt an der nationalen Polizeiakademie und hat Pilotstudien zu häuslicher Gewalt betrieben. »Ich weiß, das ist ein ungewöhnliches Thema für einen Mann. Aber ich sorge mich um meine Gesellschaft.« Die Saudis, sagt Turki, müssten endlich begreifen, »dass sie nicht einzigartig sind. Wir haben ähnliche Probleme wie alle anderen Leute auf der Welt.« 40 Prozent der saudischen Ehen werden nach spätestens drei Jahren geschieden.

Auf den Bildern der jungen Malerin Hanan al-Faisal sind die Silhouetten der Frauen zerbrochen; in dunklen Öltönen das Vergangene, die Zukunft ist weiß, unbekannt, noch leer. Ein Bild malte sie morgens um sieben, vorher hatte sie sich im Schutz der Dunkelheit ans Steuer ihres Autos gesetzt und ihre beiden Töchter gestohlen, zurückgestohlen aus dem Haus des geschiedenen Ehemanns. Dann malte sie. Ihre Bilder handelten von Entscheidungen, sagt sie, »und von der Furcht, die uns abhält, sie zu treffen«. Die männlichen Silhouetten sind schwarz, isoliert, wie eingesperrt.

Teilhaben, ohne sichtbar zu sein – das ist die Rolle der Frauen beim »Nationalen Dialog«. Ein Demokratieversuch, das einzige Forum, wo sich alle Strömungen im Königreich die Meinung sagen, von liberalen Reformern bis zu religiösen Fanatikern. Beim ersten Dialog vor drei Jahren war noch keine Frau dabei, dann durften zehn mitreden, nun sitzen 35 Männer und 35 Frauen – nein, eben nicht zusammen. Sie sitzen, wir kennen es schon aus der Zeitungsredaktion und aus der Universität, getrennt. In zwei Sälen.

Im Frauensaal erblicken wir die Männer auf einem großen Bildschirm. Sie sehen uns nicht, bei uns ist keine Kamera installiert, nur Mikrofone. Wenn die Männer auf ihren Bildschirm schauen, sehen sie sich nur selbst – irgendwie symbolisch. Ob sie realisieren, dass sie dennoch nicht allein sind?

Es ist eine Vorbereitungskonferenz; der Vorsitzende eröffnet sie, bismillah, im Namen Gottes. Er begrüßt auch die Frauen, die er nicht sieht. Die zeigen Dekolleté und freie Schultern, wir sind ja unter uns. Durch den Saal geht eine Kellnerin mit einem Riesentablett Schokotäfelchen. Auf dem Bildschirm sehen wir den Rücken einer männlichen Bedienung. Ob es im Männersaal auch Schokotäfelchen gibt, sehen wir nicht.

Nun werden Referate gehalten, abwechselnd von Frauen und Männern. Spricht eine Frau, zeigt der Bildschirm in ihren Papieren kramende Männer, dazu hört man die weibliche Stimme. Auch abends im Fernsehen wird diese Bild-Ton-Schere klaffen. Die meisten Teilnehmerinnen empfinden ihre Unsichtbarkeit nicht als Missachtung. »Wir wollen nicht extrem sein, auch nicht in der äußeren Form«, sagt eine von ihnen. »Wir müssen die ganze Gesellschaft mitnehmen.«

Beim Nationalen Dialog 2004 saß Wafa Raschid plötzlich diesem bärtigen Ultrareligiösen gegenüber. Er war nur auf dem Bildschirm, aber er schien direkt zu ihr zu sprechen, Auge in Auge, er schüttete seinen Hass aus auf Frauen wie sie, westlich gebildet, die Saudi-Arabien zerstörten mit ihrem Zynismus und dafür vom Westen bezahlt würden. Wafa Raschid, 34, mit einem Pariser Diplom in internationaler Politik, war zufällig die nächste Rednerin. Die Männer sahen sie nicht, sie hörten nur ihre Stimme, kloßig von Tränen und Wut. Noch nie, sagte Wafa, sei sie so beleidigt worden. Dann sprach sie über die Panzer, die vor dem Tagungshotel standen – Saudi-Arabien befand sich im Ausnahmezustand, ein Amerikaner war entführt worden, später wurde er geköpft; Männer wie dieser Bärtige, sagte Wafa, der sie so beleidigt hatte, würden diesen Terrorismus züchten.

Alle schrieben über sie; zum ersten Mal hatte eine Frau auf offener Bühne einem Islamisten Contra gegeben. »Der Mann hatte einen Doktortitel«, erinnert sich Wafa, »und er war für die Ausbildung von Lehrern zuständig. Von Lehrern!« Wir sitzen in ihrem lichten Büro bei den Vereinten Nationen in Riad; hier wird »gemischt« gearbeitet, eine Insel der Freizügigkeit. Männer durchqueren das Büro, und Wafa, in einer halbärmeligen Bluse, zuckt nicht mit der Wimper. Die junge Frau, die ihr ein Papier hereinreicht, ist eine königliche Prinzessin, genauso unverschleiert. Manches tut sich stillschweigend im Königreich. Wafa ist dezidiert demokratisch: »Wir brauchen eine konstitutionelle Monarchie. Und wenn die Islamisten die erste Wahl gewinnen, dann müssen wir durch diese Phase eben durch.«

Beim Abschied erzählt sie: Eben wollte sie auf der Bank ein Sparkonto für ihren dreijährigen Sohn eröffnen; sie durfte nicht. Obwohl sie ihr eigenes Geld einzahlen wollte. Eine Frau darf ohne Zustimmung des Ehemannes nicht im Namen des Kindes handeln. »Zum Glück ist mein Sohn noch zu klein, um zu merken, wie wenig Wertschätzung seine Mutter genießt.«

Generation Bluetooth. Wenn junge Leute ein Mobiltelefon kaufen, fragen sie zuerst: »Hat es Bluetooth?« Dieser technische Standard ermöglicht die Identifizierung anderer Handys in der Nähe, also einen unkontrollierten Flirt. Das geht so: Der junge Mann hampelt draußen herum, gestikuliert durch die Scheibe des wartenden Autos, sie solle ihr Bluetooth aktivieren, damit er ihr seine Telefonnummer schicken kann. Die verschleierte Schöne haucht: »Ich bin nicht so eine!« Aber dass er draußen weiterhampelt, gefällt ihr doch sehr: »Vielleicht hat er sich in mich verliebt.«

Flirten über Bluetooth, Konferenzen in zwei Sälen – mit Hilfe der Technik wird Geschlechtertrennung zugleich aufrechterhalten und unterlaufen. Ein Übergangsstadium? In der Zukunft werde es viel mehr Mischung geben, prophezeit eine saudische Arbeitsexpertin. »Aber die Frauen müssen sich dann besonders verantwortlich verhalten. Sie müssen sorgsam auf ihren Ruf achten, oder sie schaden allen.« Der Geschlechtertrennung liegt eine anthropologische Annahme zugrunde, welche die meisten Frauen zu teilen scheinen: ein stark sexualisiertes Menschenbild. Darin verkörpert das Weib die ständige Versuchung, und der Mann ist nicht Herr seiner Triebe.

Aura ist ein schwer zu übersetzender arabischer Begriff, er bedeutet Scham, Blöße oder Geschlechtsteil, meint jedenfalls »das zu Verbergende« an einer Frau, und je mehr von der Frau aura ist, desto radikaler – vereinfacht gesagt – der Islam. Danach lassen sich die ultrareligiösen Oppositionellen sortieren, die dem saudischen Königshaus Druck machen. Radikale Islamisten wollen gar keine Frauen in der Öffentlichkeit; sie schrieen auf, als sich König Abdallah mit Frauen filmen ließ. Selbst eine weibliche Stimme in Radio oder Fernsehen ist ihnen ein Graus.

Gemäßigten Islamisten geht es indes wie Achmed, einem Religionspolizisten von der freundlicheren Sorte: Er möchte mehr Demokratie im Land, aber auch zurück zu mehr Geschlechtertrennung; dass beides nicht zusammengeht, ahnt er selbst. So macht er sich Regeln, an denen er sich festhält auf schwankendem Grund: Frauen sollen nur im Fernsehen arbeiten, wenn Männer dafür nicht zur Verfügung stünden; es müsse »nötig« sein, sagt er.

Als die Besucherin während des Gesprächs die Bürotür schließen will, weil auf dem Flur lautstark geputzt wird, breitet sich im Gesicht des Religionspolizisten heftiges Unbehagen aus. Allein mit einer Frau?! Man sieht, wie es in ihm arbeitet, plötzlich hellt sich seine Miene auf, er hat eine Lösung gefunden: »Wenn es für Ihre Arbeit nötig ist, bitte!« Vielleicht kann nur Sachzwang von sexuellen Schuldgefühlen entlasten.

Besuch bei einer Familie. Eine ummauerte Villa. Der Herr des Hauses hat die Reporterin im Auto hergebracht, nun klopft er an den Fraueneingang und zieht sich sofort zurück, ohne einen Blick hinein zu werfen, denn es sind auch Besucherinnen aus der Nachbarschaft anwesend, und drinnen ist Abaja-freie Zone. Ein riesiges Frauenwohnzimmer; nach arabischer Sitte ziehen sich die Sitzgelegenheiten an den Wänden entlang, in der Mitte ein Großfernseher. Aus der Küche, die bis zur Marke des Tomatenketchups amerikanisch anmutet, strömen in dichter Folge die Beweise arabischer Gastfreundschaft auf die Besucherin ein: Tee, Kaffee, süße Säfte, kandierte Datteln, Obstsalate, schwere Torten.

Die jungen Frauen in der Runde sind modisch gekleidet und sehr religiös, sie haben in Saudi-Arabien studiert, nicht im Westen. Sie möchten wählen dürfen und Auto fahren, doch die strikte Geschlechtertrennung soll bleiben; sie sei ein religiöses Prinzip und besser für die Frauen. Mehr Demokratie? Ja, aber bloß nicht weniger Islam. Man sehe doch in der Türkei, wohin Verwestlichung führe: zum Verbot des Kopftuchs!

»Ich spüre den Druck aus dem Westen, dass die saudischen Frauen alle Berufe ausüben sollen«, sagt die 26-jährige Lehrerin Seham. »Aber auch wenn wir uns nicht frei fühlen: Die Veränderung darf niemals von außen kommen.«

Seham strahlt einen Trotz aus, der sich gegen den Westen ebenso richtet wie gegen die eigene Kultur. In der lärmigen family section eines Fast-Food-Restaurants erzählt sie anderntags, bis über die Augen verschleiert, ihre persönliche Geschichte. Es sei, sagt sie, eine Geschichte aus dem Herzen Saudi-Arabiens.

Den Mann, den sie liebte, durfte sie nicht heiraten; er war sechs Monate jünger, und der Mann hat der Ältere zu sein. Auf Geheiß des Vaters verlobte sie sich mit einem anderen, sie konnte ihn nicht ausstehen, nach zwei Jahren war Schluss. Nun drängte der Vater sie in die Ehe mit einem frommen Dattelverkäufer.

»Er hält die Landung auf dem Mond für eine Lüge der Amerikaner«, sagt Seham tonlos. »Und er will, dass ich die Abaja auf dem Kopf trage.« Als er ihr eine Liste gab mit allem, was sie binnen fünf Tagen zu unterlassen habe, verlangte sie die Scheidung. Nun lebt sie wieder im Elternhaus. »Ich bin so wütend«, sagt Seham. »Ich bin 26 Jahre und kann keine einzige Entscheidung über mein Leben treffen. Ich verstehe sehr gut, dass es Terroristen gibt.«

Ausflug in die Wüste. Ein Bruder von Seham sitzt am Steuer, er hat keine Lust dazu, aber irgendein Mann muss uns ja fahren, eine große Familienkutsche mit Klimaanlage und Allradantrieb voller Frauen und Kinder. Ziel ist ein Picknick-Gebiet nordöstlich von Riad. Sehams Mutter ist besorgt, den richtigen Fleck zu wählen; in Saudi-Arabien ist alles kompliziert. Es darf kein Platz sein, wo ringsum nur Männer picknicken, es muss ein Flecken mit Frauen und Kindern sein, selbst die Wüste hat family sections. Denn sonst, meint die Mutter, drohe Gefahr. Eine der Töchter könne vergewaltigt werden, »und niemand hilft uns«. Auf einem sicheren Platz wird ein Teppich entrollt, und wir essen Bonbons, Donuts und Chips, umgeben von den Plastiktüten des Supermarkts.

»Gib mir den Wagenschüssel«, ruft Seham ihrem Bruder zu. Der Höhepunkt des Ausflugs! Sie sitzt lässig zurückgelehnt am Steuer, der Schleier ist hinuntergerutscht, ihre kurze Haare zeigen blonde Strähnchen, sie dreht die Musik hoch, eine selbst gebrannte CD, zu sinnlich, um legal zu sein, und dann rollen wir über die bucklige, rötliche Erde, auch die Sonne ist rot, gleich wird sie untergehen – ein paar Kilometer Freiheitsromantik. Dann rasch zurück zur Mutter, sie wartet schon auf dem Teppich zwischen den Plastiktüten.

Nach zehn Tagen in Riad: Atemnot. Bewegungshunger. Kein Sportplatz für Frauen im Freien. Nur eine schnurgerade Pflasterstrecke zum Marschieren mit Abaja, im Volksmund »Straße der schwangeren Frauen« genannt. Nicht weit davon entfernt kreischen nachts die Reifen der männlichen joy riders. Haben auch sie Atemnot? Aus dem Fenster des Hotelzimmers fällt der Blick auf einen Swimmingpool: nur für Männer.

Abreise ans Rote Meer, an die Westküste, nach Jeddah. Im Flugzeug Stewardessen!

Der saudische Mann mag es, wenn ihm eine hübsche Frau lächelnd einen Mangosaft serviert, aber die eigene Tochter oder Schwester soll sich dafür nicht hergeben, folglich kommen die Stewardessen aus Jordanien, dem Libanon, von den Philippinen. Auf dem Nebensitz küsst eine alte Beduinin durch ihren Gesichtsschleier hindurch das Mekka-Foto im Airline-Magazin. Was für ein Land!

Saudi-Arabien ist nicht homogen, war es nie. Groß sind die kulturellen Unterschiede zwischen den Regionen – den Küsten und jenem lange isolierten Inneren der Halbinsel, wo Riad liegt. In Jeddahs Hafen kamen über Jahrhunderte die Mekka-Pilgerer an; eine tropisch-feuchte Stadt der Händler, geprägt vom internationalen Austausch, lange bevor der Staat Saudi-Arabien gegründet wurde.

Durch die Straßen weht eine andere Atmosphäre: Frauen zu Fuß, kaum Gesichtsschleier, gelegentlich sogar unbedeckte Haare und gewagte Abajas. Auf dem Rücken eines besonders auffälligen Modells steht in pinkfarbener Glitzerschrift: »My boyfriend is back & I’m going to be in trouble!«

3000 Betriebe sind in Jeddah auf Frauen eingetragen – die Geschäftsfrauen der Stadt sind bekannt für ihr Selbstbewusstsein. Und heute ist ein historischer Tag. Zum ersten Mal stehen in Saudi-Arabien Frauen zur Wahl. Was sie bei den letztjährigen Kommunalwahlen noch nicht durften, proben sie nun bei der Wahl zum Vorstand der Handelskammer. Diesem anzugehören bedeutet Titel und Einfluss. In einem Land, wo es weder Arbeitgeberverbände noch Gewerkschaften gibt, ist die Handelskammer die mächtige Vertretung der Business-Welt; sie residiert in Jeddah hinter der glitzernden Glasfassade eines lichten, elfstöckigen Atriumbaus.

Vor dem Seiteneingang stehen die obligatorischen Stellwände gegen männliche Blicke. Drinnen aufgeregtes Stimmengewirr, die Luft ist schwer von Parfüm, über allen Stuhllehnen hängen Abajas. 17 Kandidatinnen sitzen aufgereiht hinter Tischchen mit Wahlkampfmaterial, Helferinnen mit Baseballkappen stürzen sich auf jede eintretende Wählerin. Gewählt wird nach Geschlechtern getrennt, aber die Frauen brauchen später auch Stimmen von Männern; die stellen zehnmal mehr Mitglieder in der Kammer.

Die Lust am Aufbruch ist unterlegt von der Angst zu scheitern. Zum Gruppenfoto hüllen sich alle Kandidatinnen sorgsam in Abajas und Schleier, »Halt, noch nicht!«, manche nesteln noch an ihren Tüchern. Nichts darf passieren, bloß keine Zwischenfälle provozieren! Zwei reaktionäre Scheichs im fernen Riad haben die Frauenwahl für haram, für religiös verboten, erklärt.

»Dies ist ein Test«, sagt die Unternehmerin Madawi al-Hassoun. »Sind die Frauen so weit? Ist die Gesellschaft so weit? Wenn alles gelingt, können wir die nächsten Schritte wagen.« Madawi handelt mit Möbeln, Antiquitäten, besitzt Schönheitssalons. Sie war früher die erste Bankmanagerin des Landes, nun ist sie hier die erste Kandidatin. Eine wohlhabende Karrierefrau, große Limousine, zwei Dienstmädchen, teure Abaja. Und doch ist sie aufgeregt wie ein junges Mädchen über das Wagnis dieser Wahl. »Mein Bild war auf den ersten Seiten der Zeitungen. Ich war so stolz! Eine saudische Frau auf der ersten Seite!«

Jede der Kandidatinnen in diesem parfümschwangeren Saal hat eine Geschichte zu erzählen, Geschichten von Diskriminierungen, Rückschlägen und Neuanfängen, und immer bedurften ihre Erfolge eines toleranten Vaters oder Gatten im Hintergrund.

»Eine Frau kann in Saudi-Arabien viel erreichen«, sagt eine Bauunternehmerin. »Aber es ist hart, sehr hart. Es ist, als ob du versuchst, deinen Namen mit bloßen Fingern in Stein zu schreiben.«

Draußen beginnt abends der Wahlgang der Männer. Sie haben ein großes Zelt aufgebaut, es ist voller rot-weißer Silhouetten vor weißen Tischdecken, jemand hält einen Vortrag, und alle sitzen da in der ruhigen Würde derer, die immer schon den öffentlichen Raum beherrschten. Ein paar Tage später werden die Frauen wissen: Zwei ihrer Kandidatinnen haben es in den Vorstand geschafft. »Ein Meilenstein!«, jubelt die Zeitung Arab News. Doch eine Party findet nicht statt.

»Wir sind froh, wenn alles ohne Zwischenfälle vorüber ist«, hatte Madawi al-Hassoun gesagt. »Wir feiern leise, in unseren Herzen.«

So gleich »wie die Zähne eines Kamms« seien die Menschen, hat der Prophet gesagt. Die Gesellschaft im Königreich ähnelt eher einer steilen Treppe, auf deren Stufen acht Millionen ausländische Gastarbeiter stehen, weiter oben Araber, weiter unten Asiaten, ganz unten die indische Klofrau. Und im Verborgenen eine Million asiatische Hausmädchen.

Auf dem Pflaster von Jeddahs Altstadt sitzen Händlerinnen und Bettlerinnen aus Somalia, Burkina Faso, Äthiopien, sogar aus dem fernen Dagestan. Welch ein Kontrast zum saudischen Ideal der umsorgten und moralisch behüteten Frau: die Migrantin, unbehütet, unbehaust. Viele Ausländerinnen seien Prostituierte – sagen saudische Männer. Wie anders blicken sie auf die eigenen Frauen! Auch dort gibt es jene, die arm sind. Um sieben Uhr morgens fahren bei Jamjoom Medical Industries kleine weiße Werksbusse mit geschwärzten Scheiben vor. Frauenbusse, nicht einsehbar.

Verschleierte steigen aus, hinter ihnen schließt sich sofort ein massives Eisentor. Drinnen tauschen die jungen Frauen die schwarze Abaja gegen einen weiten weißen Overall, darüber ein knöchellanger Kittel, damit nicht einmal die vage Körperkontur in ihren Overalls zu sehen ist. Ihren Gesichtsschleier behalten die Frauen an, darüber streifen sie einen weißen Kopf- und Mundschutz. Derart doppellagig verpackt, Scham wie Hygiene wahrend, arbeiten sie die nächsten acht Stunden im Akkord, stecken lila Schläuche für Infusionen zusammen, 5000 am Tag.

Saudische Frauen in einer Fabrik, das ist neu, ein soziales Experiment. Die Eltern wurden zur Inspektion eingeladen; sie sahen beruhigt, wie züchtig bedeckt die Töchter sind. Deren Arbeit verrichteten vorher männliche Gastarbeiter, sie waren billiger, doch die Frauen sind schneller und fingerfertiger, außerdem belohnt der Staat Firmen, die Einheimische beschäftigen.

Mohammed Kamal Jamjoom, der Fabrikbesitzer, könnte also zufrieden sein, doch er wirkt zerrissen. Schockiert erzählt er, dass sich auf eine erste winzige Stellenanzeige gleich 150 Bewerberinnen meldeten. »Ich habe nicht geahnt, wie viele saudische Frauen verzweifelt Arbeit suchen.« Seine eigenen Töchter, fährt er unvermittelt fort, schöben Heirat und Mutterschaft auf. »Mir tun die Männer leid, deren Frauen keine Zeit mehr für sie haben. Das Hausmädchen kocht, niemand ist da, du fühlst dich wie ein Gast in deinem eigenen Haus! Alles gerät außer Kontrolle. Wir verändern uns von einer familienbezogenen Gesellschaft zu…«

Er stockt, ihm fehlen die Worte, dann reißt er die Arme hoch und ruft »Wumm!«, eine Explosion imitierend.

Seltsam: Saudi-Arabien, das uns so statisch erscheint, verändert sich für seine Bewohner so rasch, dass manchen schwindelt.

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Leser-Kommentare

  1. Jede und Jeder kann sich nur selbst befreien, das gilt für den Einzelnen als auch für die Menge. In seinem Buch über Moses hat Freud gesagt dass die Evolution als Einzelner sehr gut verglichen werden kann als wenn es ein ganzes Volk sei.
    Es ist falsch zu missionieren, richtiger ist es an einer eigenen hervorragende Zivilisation zu arbeiten.
    Ob diese Unsere eigentlich so wunderbar ist sei dahingestellt, aber wir sind durch unseren freien Willen dahingekommen und haben durch unseren freien Willen erkannt dass es eine reine Verschwendung sei 53% Intelligenzkapital (die Frauen) als männlische Sklaven zu missbrauchen.
    Durch die infekte religiös gestaltete Gesellschaft schadat der Mann sich nur selbst weil er wie ein Salzstatue erstarrt. Das aber steht schon als Strafe Gottes in der Bibel: Nach Sodom und Gomorrha erstarrte die Frau Lots zur Salzsäule nur weil Sie nicht nach vorne schauen wollte!

  2. Auf Allah alleine koennen die Frauen in Saudi-Arabien nicht vertrauen in ihrem Kampf um persoenliche Freiheiten,denn sind ihnen ja nicht von Allah sondern von seinem Bodenpersonal und den Maennern,die sich um ihre Macht ueber die Frauen sorgen, genommen worden.

    • 20.02.2006 um 18:08 Uhr
    • TPau

    Stimmt zwar in gewisser Hinsicht, kann man aber auch noch ein bisschen anders sehen.

    Unter Feministinnen gibt es auch die Auffassung, dass der monotheistische Gott ("natürlich" als männlich aufgefasstt, also "Er", wenn das auch manchmal bestritten wird) eine Erfindung des Patriarchats zur Unterdrückung der Frauen sei. Dies scheint mir eine durchaus nachvollziehbare Interpretation zu sein. Als es noch Göttinnen-Religionen gab, sahen die Frauen ihr Geschlecht noch im Göttlich-Mächtigen repräsentiert, das gab ihnen vermutlich ein gewisses Selbstbewusstsein. Außerdem erfüllten die Göttinnen-Religionen auch eine Schutzfunktion für die Frauen. Der Männergott der Monotheisten jedoch hat der Frau von Anfang an einen minderwertigen Status aufgezwungen. Sagten jedenfalls die Priester und Gelehrten, die - natürlich - auch Männer waren und großenteils heute noch sind. Sagten auch die Apostel, Kirchenväter und andere Propheten, vor allem Mohammed. Die alle waren - natürlich - auch Männer. Ein verdächtiges Bisschen viel männliche Repräsentanz für meinen Geschmack. Dass das so lange niemandem aufgefallen zu sein scheint, dürfte daran liegen, dass alle diese Herabsetzungen des Weiblichen durch die patriarchal-monotheistischen Religionen bzw. ihre - natürlich - männlichen Vertreter immer alles als absolut sakrosankt erklärt haben. Kritik = ewige Verdammnis. Vor allem für die sowieso immer an allem schuldige Frau.

    Also mal ehrlich: SO einen Mist konnte und kann man halbwegs intelligenten Frauen doch nur per (angeblichem) Befehl von "oben" aufs Auge drücken, denn andernfalls hätte das doch keine mitgemacht. Guter Schachzug, Jungs! Aber mittlerweile fangen die Mädels überall auf der Welt ganz langsam an, euch zu durchschauen, auch wenn sie es noch lange nicht überall so offen sagen können.

    Nebenbei bemerkt: In Kulturen, in denen es diese Männerdominanz mit dem anscheinend unvermeidlichen Männlichkeitswahn nicht gibt, gibt es weniger Aggression. Wäre doch mal eine interessante Alternative für Pazifisten. Schafft endlich das Patriarchat ab!

  3. 4. @TPau

    Aus ihren Kommentaren koennte man schliessen dass Sie Maenner nicht besonders sympathisch finden...soviel Wut und Worte um diese armseeligen Knilche zu beschreiben die,um ihr eignes Selbstbewusstsein aufzumoebeln keine anderen Ausweg sehen als Frauen und Maedchen zu ignorieren,unterdruecken und wenn alle Stricke reissen,misshandeln und toeten.Diese Neandertaler koennen einem leid tun.Ich habe aber eine Frage zu dieser Sache: Auch Maenner waren kleine Buben,die von Muettern erzogen wurden,warum sind diese Muetter nicht in der Lage ihren Soehnen mehr Respekt vor allem Weiblichen bei zu bringen?

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  • Von Charlotte Wiedemann
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
  • Kommentare 4
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  • Schlagworte Religion | | | | | | Bildung | | | | Gesellschaft
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