Die Botschafter des Gottesstaates zeigten sich ob des "taktlosen Aktes" zutiefst verstört. Diese "geschmacklosen Zeichnungen" würden die "Moral der Völker" untergraben und "Abscheu und Empörung" im iranischen Volk auslösen. Die verantwortlichen Journalisten sollten sich gefälligst "schriftlich entschuldigen".

Nein, der Protest galt nicht den Karikaturen, mit denen Irans Staatszeitung Kayhan dieser Tage Gaskammern in Auschwitz leugnet und Juden als Kindermörder zeigt. Den Zorn der Mullahs erregte eine Zeichnung im Berliner Tagesspiegel (er gehört wie die ZEIT zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, und dessen Mitherausgeber ist ZEIT- Chefredakteur Giovanni di Lorenzo). Der Karikaturist Klaus Stuttmann hatte Bundeswehrsoldaten neben die iranische Elf gestellt und darüber "Warum bei der WM unbedingt die Bundeswehr zum Einsatz kommen soll" gekritzelt. Die Pointe: Die unrasierten Kicker trugen Sprengstoffgürtel um den Bauch. "Ich wollte zeigen, wie absurd die Idee ist, die Bundeswehr bei der WM einzusetzen, und nicht, dass Iraner Terroristen sind", sagt Stuttmann. Seine Zeichnung war allerdings auch im Tagesspiegel umstritten.

Jetzt ist Stuttmann aus Angst um sein Leben untergetaucht. Der Tagesspiegel hatte in den letzten Tagen Hunderte empörte E-Mails enthalten. In drei Mails, die der ZEIT vorliegen – die Stuttmann aus Sicherheitsgründen aber nicht im Wortlaut veröffentlicht sehen will –, wird der Zeichner mit dem Tode bedroht. Religiöse Parolen enthalten die Mails nicht. Eines Todesdrohung stammt mutmaßlich von einem Fünfzehnjährigen.

Stuttmann sagt nun: "Ich werde mir dreimal überlegen, ob irgendjemand mit religiösem Hintergrund eine Zeichung uminterpretieren könnte." Im Tagesspiegel heißt es, die iranischen Reaktionen könnten nur mit "mangelnder Vertrautheit mit der innenpolitischen Debatte in Deutschland" erklärt werden. Und der Publizist Henrik M. Broder schreibt auf Spiegel Online : "Wie schon im Fall der zwölf Mohammed-Karikaturen … war es eine Empörung aus zweiter Hand, vom Hörensagen."

Das mag für die Proteste der iranischen Regierung stimmen. Doch ein Blick in jenes Internet-Forum iranischer Fans , von dem laut Tagesspiegel die Empörung ausgegangen war, zeigt ein vielschichtigeres Bild. Der Beginn des Proteststurmes war weder religiös motiviert, noch stellte er eine "Empörung aus zweiter Hand" dar. Eine kleine Gruppe von weltweit im Exil lebenden Iranern ist deshalb so gekränkt, weil sie glauben, dass Stuttmann mit seiner Zeichnung die letzten im Westen respektierten Iraner – die Nationalmannschaft – mit arabischen Islamisten und dem verhassten Regime gleichsetzt. Das geknechtete Volk müsse sich nun für die Mullahs in Geiselhaft nehmen lassen. Und zwar durch Spott auf Fußballspieler, die auch für deutsche Klubs Tore schießen.

Die globale, iranische Fußballgemeinde ( ihre Website ist in den USA angesiedelt ) war auch über die deutsche innenpolitische Debatte gut informiert. "Hier ist eine Karikatur aus dem Tagesspiegel", lautet der erste Eintrag in der Newsgroup. Auch der Hintergrund der Zeichnung wird erklärt: "Deutschland diskutiert, 2000 Soldaten bei der WM abzustellen. Manche sind dafür, manche dagegen. Die Soldaten sollen Essen verteilen und mit Awacs aufklären. Und nun bringen sie diese Karikatur. Was sagen wir dazu?" Eine scharfe, aber zunächst harmlose Debatte beginnt. "Hahahahahaha, lässt euch nicht provozieren! Mal sehen, wer es in der WM weiter schafft!", schreibt einer. "Der Cartoonist ist ein F*ckin Gay", schimpft ein Anonymus. Und ein anderer stellt "the idiots mail" ins Forum. "Lasst uns auch eine Karikatur des deutschen Teams als Nazis machen", schlägt "Shir Farhad" vor. "Vergiss es", schreibt einer, "es ist doch unsere Regierung, die uns einen schlechten Namen macht." Und "Prince" meint: "Es ist wirklich schmutzig, das Regime über unsere Fußballer anzugreifen. Das Team vertritt doch das Volk!" Es sei "besonders beleidigend" auf diese Art die Iraner anzugreifen, die von einem "verrückten Regime in Geiselhaft genommen werden".