Expertenstreit Steuern senken. Aber wie?
Die Regierung will die Abgaben für Unternehmen reduzieren. Doch die Experten widersprechen sich
Nüchterner konnte die Übergabe des Konzepts für »eines der wichtigsten Reformprojekte« (Bundesfinanzminister Peer Steinbrück) der Großen Koalition nicht ausfallen. Keine Pressekonferenz, keine Fotografen, sondern eine simple E-Mail. Auf diese Weise ließ der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung den Beamten im Finanz- und im Wirtschaftsministerium seinen Vorschlag zur Reform der Unternehmensteuern zukommen, den noch die rot-grüne Regierung angefordert hatte.
Damit liegen jetzt gleich zwei Entwürfe hochkarätiger Expertengremien vor, das macht Steinbrücks Geschäft nicht einfacher. Die Stiftung Marktwirtschaft hatte schon vor zwei Wochen ein eigenes Modell für einen umfassenden Umbau des Steuersystems vorgestellt, ausgearbeitet von über 70 Wissenschaftlern, Verwaltungsfachleuten und Politikern unterschiedlicher Couleur. Beide Konzepte haben zwar eine deutliche Steuerentlastung für Unternehmen zum Ziel, unterscheiden sich jedoch in wichtigen Punkten.
Dem Staat würde ein Verlust von 16 Milliarden Euro entstehen
Zwar ist die Reform der Unternehmensteuern erst für das Jahr 2008 geplant, der Konflikt ist jedoch schon jetzt absehbar. Die Bundesregierung will einerseits die Unterstützung von Arbeitslosen und die Bezüge von Beamten weiter streichen; sie wird die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent erhöhen und damit Millionen von einkommensschwachen Verbrauchern empfindlich treffen. Andererseits sollen die Unternehmen weiter entlastet werden. Um nicht den Eindruck einer sozialen Schieflage zu erwecken, verkündete Finanzminister Steinbrück bereits Anfang Januar, er werde bei der Reform der Unternehmensteuern auf die »Aufkommensneutralität« achten. Soll heißen: Die nominalen Steuersätze werden für die Unternehmen zwar deutlich gesenkt, aber die Steuerausfälle muss die Wirtschaft an anderer Stelle in voller Höhe ausgleichen, etwa indem Steuerschlupflöcher gestopft werden.
In beiden Expertenmodellen sind allerdings bei einem künftigen Steuersatz von 30 Prozent Einnahmeverluste für den Staat von 16 Milliarden Euro veranschlagt, wobei die Stiftung Marktwirtschaft immerhin eine Gegenfinanzierung von sechs Milliarden aus dem Unternehmensbereich vorsieht. Wolfgang Wiegard, der Steuerexperte unter den fünf Wirtschaftsweisen, hält eine Nettoentlastung der Wirtschaft für unausweichlich: »Eine Reform, die den Standort attraktiver macht, ist nicht zum Nulltarif zu haben.«
Gerade wegen der mangelnden Attraktivität Deutschlands im internationalen Steuerwettbewerb sind sich Experten seit langem einig, dass die Unternehmensbesteuerung gründlich reformiert werden muss. Die hohe nominale Steuerbelastung von etwa 39 Prozent, so hoch wie nirgendwo sonst in Europa, schreckt Ausländer ab und treibt deutsche Unternehmen mit Gewinnen und Investitionen ins Ausland. Das System ist zugleich ausgesprochen ineffizient: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, zahlt die Wirtschaft trotz hoher Sätze in Deutschland weitaus weniger Steuern als anderswo in Europa.
»Für deutsche und ausländische Investoren muss es sich wieder lohnen, Einkommen in Deutschland zu erwirtschaften und zu versteuern«, begründet der Wirtschaftsweise Wiegard sein Reformkonzept mit niedrigeren Steuersätzen. »Je mehr investiert wird, desto höher sind die Arbeitsproduktivität und damit die Reallöhne der Beschäftigten.«
Die Stiftung Marktwirtschaft moniert, dass das gegenwärtige deutsche Ertragssteuerrecht unter einer »Komplexität« leide, die nicht für Gerechtigkeit sorge, sondern »Steuerlasten gleichheitswidrig verteilt und wirtschaftliche Entscheidungen verzerrt«.
- Datum 16.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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Es ist unglaublich mit welcher unbeschreiblichen Dreistigleit uns immer weiter die Geschichte von der Entlastung der Witschaft von Steuer, Löhnen, unkündbaren Arbeitnehmern zugunsten von zu schaffenden Arbeitsplätzen verkauft wird. Allein über 60 Mrd. Steuerentlastung, leere öffentliche Kassen, ungesicherte Arbeitplätze von über 30% der 20 - 35-jährigen usw hat uns die Geschichte mittlerweile schon geskostet, ohne jeglichen Effekt. Moment doch! Die Zahl der E i n k o m m e n s m i l l i o n ä r e ist um annähernd 5 0 % (!) gestiegen - von den Vermögensmillionären ganz zu schweigen! Ich fühle mich mittlerweile fatal erinnert an die Geschichte von Hans im Glück, der sich von allen möglichen Schlitzohren am Wegesrand seinen wohlverdienten Lohn - natürlich stets nur zu seinem Vorteil - immer weiter abschwatzen ließ, bis er schließlich nur noch mit leeren Händen da stand und die anderen sich die Hände reiben konnten! Es wird höchste Zeit, dass Hans schlau wird und den Schlitzohren Paroli bietet. V E R D I h a l t e d u r c h!!!
Deutschland muss weiterhin wie alle anderen Länder auf dem Globus um die Gunst aller internationalen Unternehmen buhlen.
Dabei ist eine Ausgestaltung des Unternehmenssteuersystems,dass in den Profit der Unternehmen nicht stärker eingreift als im internationalen Durchschnitt ein wichtiges Element.
Verkannt wird hingegen die Notwendigkeit neuen Unternehmen mit wirklich innovativen Techniken eine Heimstatt zu bieten und die Förderung der mittelständischen und Kleinunternehmerstrukturen voran zu treiben. Diese haben mit Eigeninitiative den Stellenabbau der Konzerne etwas gedämpft.
Weiterhin ist die Frage, ob auf Dauer die Abhängigkeit der Politik von Arbeitsplätzekonzentratoren wie Großunternehmen überhaupt sinnvoll ist.
Kleinere aber vielfältigere Strukturen könnten helfen, der Politik die Macht über die Unternehmen zurück zu geben, die heute real bei den internationalen Konzernen liegt.
Geht man diesen Weg nicht, könnten nur weltweite supranationale politische Institutionen die Versklavung der Menschheit durch vollkommen illegitime und absurde Unternehmensinteressen aufhalten.
Davon ist aber angesichts reaktionärer Vorstellungen in der Weltpolitik mit dem weiterhin vorhandenen Streben nach Hegemonialpositionen nicht zu rechnen.
Weitere Steuersenkungen für Unternehmen sind ausgeschlossen. Das Steuerkonzept der Wirtschaftsweisen würde aber zu Steuerausfällen von rund 22 Milliarden Euro führen. Auf Basis dieses und eines anderen ähnlichen Modells will Peer Steinbrück sein weiteres Vorgehen planen. Die Bundesregierung will auf Basis der beiden Modelle eine Reform erarbeiten und bis 2008 in Kraft setzen.
Deutschland und viele andere europäische Industriestaaten haben nichts mehr zum Verschenken. Die öffentlichen Kassen sind bereits so ausgeplündert, dass eine weitere Senkungsorgie nicht mehr von den Bürgern finanziert werden kann und auch nicht mehr finanziert wird, denn die Wut wächst.
Manche Firmen ziehen wegen zu hoher Steuern aus Deutschland weg. Obwohl, viele Konzerne können durch Tricks bereits jetzt ihre Steuern auf Null runterrechnen.
Die reale durchschnittliche Besteuerung von Unternehmensgewinnen liegt u.a. durch Abschreibung und Verlustverrechnung - bereits jetzt unter 20 Prozent. Damit ist Deutschland ein Niedrigsteuerland.
Die EU unterstützt mit ihren Strukturfonds wirtschaftlich benachteiligte Regionen, unter anderem über die begünstigte Ansiedlung von Firmen. Die osteuropäischen Länder profitierten von diesen Fonds. U.a. durch die Zahlungen der Bundesrepublik Deutschland (also mit unseren Steuergeldern) an die EU können diese Staaten dann auch noch ihre niedrigen Steuersätze aufrechterhalten, um mit diesem Steuerdumping den Druck auf die in Deutschland verbliebenen Firmen noch zu erhöhen.
Die Unternehmen schauen ständig nach den Ländern mit den geringsten Unternehmenssteuern. Dies zwingt die einzelnen EU-Länder zu einem harten Standortwettbewerb, der besonders über großzügige Steuererleichterungen aber auch mittels Gratis-Bauland und Subventionen ausgetragen wird.
Der europäische Binnenmarkt hat besonders negative Auswirkungen bei der noch nicht harmonisierten Besteuerung von Kapitaleinkommen und der Unternehmensbesteuerung.
In diesem besonders wichtigen Bereich gibt es noch keine gemeinsame Linie. So hatte der tschechische Präsident Václav Klaus Versuche einer Steuerharmonisierung in der EU als "eine der verrücktesten Ideen" bezeichnet, "die bisher jemand in Europa hatte". Die Unternehmensbesteuerung in der Tschechischen Republik betrug 2005 nur 26%.
Österreich holte die Tschechische Republik aber 2005 mit einer Senkung der Unternehmensbesteuerung von 34% auf 25% ein. Die Unternehmen wären auch mit 29% zufrieden gewesen. Der österrische Finanzminister Karl-Heinz Grasser kam aber aus irgend einem Grund - auf die verrückte Idee, den Unternehmen das Geld einfach hinterher zu schmeißen.
Durch eine Unternehmensteuerreform muss das Pferd nun nicht wieder von hinten aufgezäumt werden.
D.h. es darf nicht versucht werden, die Unternehmensbesteuerung nur auf nationaler Ebene festzulegen, sondern die Unternehmensbesteuerung muss auch analog der Dienstleistungsrichtlinie - durch eine EU-Unternehmensbesteuerungs-Richtlinie geregelt werden.
Europaweit tätigen Unternehmen ist es nur schwer vermittelbar, sich bei Tätigkeiten innerhalb der EU mit 25 verschiedenen Steuergesetzgebungen auseinander zusetzen, wenn dies auch einfacher geht.
Was bei den Dienstleistungen geht, muss bei den Unternehmenssteuern erst recht gehen.
Die Alternative zur ruinösen Steuerkonkurrenz und Steuerdumping in der EU ist somit die Verstärkung der internationalen Zusammenarbeit.
Deutschland muss sich nun entscheiden, will es weiter in Richtung einer asozialen Marktwirtschaft gehen oder löst es das Problem gemeinsam mit den anderen europäischen Partnern durch eine EU-Unternehmensbesteuerung Richtlinie.
1992 empfahl die hochrangige Ruding Kommission unter dem Vorsitz des ehemaligen niederländischen Finanzministers Onno Ruding einen einheitlichen Mindeststeuersatz für die Großunternehmen von 30%. Der Vorschlag wurde aber u.a. durch das Vereinigte Königreich bald zu den Akten gelegt.
Peer Steinbrück sollte jetzt zusammen mit den Franzosen diesen Vorschlag wieder aus der Schublade holen und abstauben, denn auf Basis dieses Vorschlags sollte er sein weiteres Vorgehen planen. Dadurch könnte er nicht nur die für eine nationale Unternehmenssteuerreform veranschlagten 22 Milliarden Euro einsparen, sondern mittelfristig sogar zusätzlich bis zu 20 Milliarden Euro reinholen.
Für die Unternehmensbesteuerung muss nur ein Mindeststeuersatz festgesetzt werden. In dieser Richtlinie muss die EU Mindeststeuern festsetzen. Z.B. 30% in den nächsten 5 Jahren und 35% in den nächsten 10 Jahren. Staaten die diesen Mindeststeuersatz unterschreiten werden, wie es schon Hans Eichel gefordert hatte, die EU-Strukturmittel gekürzt. Statt für eine Reform Milliarden Euro zu verplempern könnte Steinbrück mit ein paar Milliarden Euro Deutschland zahlt freiwillig 10 Jahre höhere Beiträge in die EU-Kasse vielleicht schneller zu einer Einigung gelangen. Das wäre gut angelegtes Geld.
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