Potsdam

Für Herrn K. ist Dr. Knud Gastmeiers Wartezimmer so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Im achten Jahr nun fährt der hagere Endvierziger mehrmals in der Woche aus Wittenberg 75 Kilometer mit dem Taxi nach Potsdam, um sich Spritzen gegen seine Nervenschmerzen setzen zu lassen. Doch jetzt sollen sich die Ärzte in seiner sachsen-anhaltischen Heimat um ihn kümmern, auch wenn diese sich bislang im Umgang mit Drogen und Spritzen in den Mund überfordert zeigten.

Wie K. geht es vielen der rund 250 Schmerzpatienten, die Dr. Gastmeier pro Quartal behandelt. Denn der Anästhesist gab gerade seine Zulassung zur speziellen Schmerztherapie zurück, mit der er seit fast zwanzig Jahren auch zahlreiche Palliativpatienten im letzten Teil ihres Lebens begleitet hatte.

Ein radikaler Schritt, ausgelöst durch eine Regressforderung der AOK Sachsen-Anhalt. 76 000 Euro soll Gastmeier dafür zahlen, dass er seinen Krebspatienten K. in den Jahren 2000 und 2001 mit einem wirksamen, doch teuren Medikament behandelt und damit womöglich sein Leben gerettet hat. Seit Jahren, sagt der Arzt, habe er unter katastrophalen Bedingungen gearbeitet, doch nun gehe es an seine Existenz. Und da ist Schluss.

Alltag in der deutschen Palliativmedizin - oder nur ein Fall von Willkür einer außer Rand und Band geratenen Ortskrankenkasse? Die heftig geführte Debatte um den Fall Theresa Schiavo in den USA und die deutsche Dependenz des Schweizer Vereins Dignitas in Hannover haben die Fragen der Behandlung sterbenskranker Patienten auf der gesundheitspolitischen Agenda weit nach oben befördert. Auch das Land Brandenburg ließ Anfang 2005 eigens ein Gutachten zum Stand der Palliativversorgung in der Mark anfertigen. Ergebnis: Es gibt noch einiges zu tun. Noch immer ist eine umfassende Versorgung unheilbar kranker Menschen nicht gewährleistet. Das gilt vor allem für die entlegenen Regionen Brandenburgs, fernab der Metropole Berlin, die ohnehin unter akutem Ärztemangel leiden. Und hier wie in allen anderen Gebieten Deutschlands fehlt es vor allem an Möglichkeiten, ein würdiges Sterben zu Hause und unter minimalen Schmerzen zu ermöglichen.

Der Patient konnte nicht essen - ein Cannabis-Präparat half

Für Einzelkämpfer wie Gastmeier ist die Palliativmedizin kaum mehr als ein Ehrenamt. Denn teure schmerztherapeutische Leistungen werden nicht außerhalb des normalen Regelsatzes vergütet. Im vergangenen Jahr wurden die ohnehin niedrigen Sätze noch einmal um bis zu ein Drittel gekürzt. Und immer wieder gibt es Fälle, in denen sich Palliativmedizin nicht nur nicht rechnet, sondern den behandelnden Arzt sogar Geld kostet. Im Falle Gastmeier nun vielleicht sogar die Existenz.