Was ist uns eigentlich noch heilig? Im scheinbar weltumspannenden Streit um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten muss sich jeder energisch für die Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen, erst recht jede Gewaltandrohung und -anwendung verurteilen. Trotzdem hat sich mancher im Stillen gefragt: Gingen diese Karikaturen nicht auch ein wenig zu weit? Würden wir etwa islamistisch motivierte Zerrbilder jüdischer Religiosität einfach als legitime Meinungsäußerung tolerieren und von Juden verlangen, dass sie dies halt als Preis der Freiheit hinnehmen müssen? Oder würden wir nicht wenigstens routinemäßig an die antisemitischen Karikaturen im Stürmer, der SS-Zeitschrift unseligen Gedenkens, erinnern? Musste das sein?, so fragten insgeheim auch manche, die Salman Rushdie seinerzeit öffentlich und entschieden gegen die islamische Todes-Fahtwa in Schutz nahmen und doch Skrupel hatten, wie weit man gehen dürfe, wenn Menschen anderen Glaubens sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen.

Was nun den eigenen Glauben (oder was hierzulande vom Christentum noch übrig geblieben ist) angeht, so hat sich weithin eine blasse Gleichgültigkeit breit gemacht, die man schon gar nicht mehr aktivierte Toleranz nennen kann. Mit der religiösen Militanz hat auch der militante Atheismus, mit dem kirchlichen Machtverlust hat auch der kämpferische Antiklerikalismus in den vergangenen drei Jahrzehnten fürs Erste an Schärfe verloren: Wo etwas nicht mehr richtig als Last empfunden wird, gibt es auch weniger zu lästern. Was in den fünfziger Jahren noch eine Anzeige wegen Gotteslästerung ausgelöst hätte, taugt inzwischen nicht einmal mehr als Provokation - und was heute noch provozieren soll, muss schon so grob überziehen, dass es in einer Groteske endet, die sich selbst verurteilt. Trotzdem musste jener selbst ernannte Aktionskünstler, der am 19. Juli 1996 ein Pärchen dazu anstiftete, nackt auf den Hochaltar des Kölner Domes zu steigen und sich dort in Kopulationspose zu zeigen, am Ende 1200 Mark Geldstrafe zahlen. Nur wenn man ihm die theoretisch möglichen drei Jahre Gefängnis aufgebrummt hätte, wäre der Mann ganz groß herausgekommen.

Bibelszenen mit unbekleideten Darstellern? Ein hübscher Kalender

Aber die bis zur Vergleichgültigung fortgeschrittene religiöse Toleranz hat die Frage Was ist uns eigentlich noch heilig? nicht gänzlich verstummen lassen. Die Bezeichnung der christlichen Kirchen als Verbrecherorganisationen führte 1986 zu einem Strafurteil, obwohl man in der Kirchengeschichte mindestens für die Vergangenheit den einen oder anderen Anhaltspunkt für diese Meinung finden könnte - desgleichen die Darstellung des Kruzifixes als Mausefalle (1988) oder die Darstellung eines ans Kreuz genagelten Schweines (1998).

Aktuell bewegt sich der Streit um das Heilige zwischen den Extremen des Harmlosen und des Niederträchtigen. In der Vorweihnachtszeit 2005 machte eine evangelische Jugendgruppe im Fränkischen kurzfristig Furore: Sie hatte biblische Szenen mit unbekleideten Darstellern im Kirchenraum nachgestellt, fotografiert und zu einem offenbar ganz hübschen Kalender zusammengestellt.

Was will man dagegen schon unternehmen, wenn Tizian, Michelangelo und Cranach Ähnliches bereits früher getan haben, nur eben mit Farbe und Pinsel statt mit der Kamera? Am 23. Februar hingegen soll in Lüdinghausen die erste mündliche Verhandlung gegen einen Mann stattfinden, der einige Blätter Klopapier mit islamfeindlichen Parolen gestempelt und zum Zwecke der Provokation eine Verkaufsaktion angekündigt hatte - für ihn sei die Toilette der einzige Ort, an den die islamische Ideologie gehöre. Außer auf die Meinungsfreiheit beruft sich der Mann auch noch auf seine Kunstfreiheit. Der Kunstvorbehalt musste schon früher für vieles herhalten, was nicht ganz stubenrein war, aber eben doch irgendwie straffrei bleiben sollte - was dann schon einmal dazu führen konnte, dass Gutachter in den pornografischen Memoiren der Josephine Mutzenbacher deshalb ein Stück echter Kunst erkannten, weil der Text auf ausgesprochen raffinierte Weise banal gehalten worden war. Man wird sehen, ob in Lüdinghausen ein Gutachter zur Bewertung des islamfeindlichen Toilettenpapiers bestellt wird.

Mit all diesen Fällen hätten wir es nicht zu tun, wenn es nicht ein zumindest leises kulturelles Unbehagen gegenüber der völligen Entgrenzung des Erlaubten, der absoluten Permissivität gäbe. Die permissive society, so sagte es der britische Politiker Roy Jenkins in einem berühmten Diktum schon 1969, sei stets eine irreführende Bezeichnung unserer Liberalität gewesen, und es sei dahin gekommen, dass daraus ein Schimpfwort wurde: Ein besserer Begriff ist die >zivilisierte Gesellschaft<, also eine Gesellschaft, die auf der Überzeugung beruht, dass unterschiedliche Individuen unterschiedliche Entscheidungen über ihre Verhaltensmuster treffen wollen - und dass sie dies in einem Rahmen von Toleranz und gegenseitigem Verständnis tun können, solange sie nicht in die Freiheit anderer eingreifen. Eine zivilisierte Gesellschaft, das ist freilich keine Gesellschaft ohne, sondern eine mit besonders subtilen Regeln. Nicht die Abwesenheit, sondern die Klugheit von Regeln bestimmt die Liberalität einer Gesellschaft.