Rolf Dreißigacker ist hin- und hergerissen. Soll er weiterhin die Mülltonnen leeren, oder soll er streiken? Eigentlich hält er den Streik für richtig. "Ich würde spinnen, wenn ich das nicht gut finden würde", sagt er. Aber der Müllmann ist in einer merkwürdigen Situation: Für ihn gilt zwar der Tarif des öffentlichen Dienstes, angestellt ist er jedoch bei einem privaten Unternehmen. Er arbeitet für die Firma Alba, die in Braunschweig die städtische Müllabfuhr übernommen hat – und auch deren Mitarbeiter. Jetzt muss der 48-Jährige deutlich härter arbeiten. Nur sein Lohn blieb unverändert. Das regelt ein Überleitungsvertrag.

Dreißigacker hängt irgendwie zwischen der alten Welt des öffentlichen Dienstes und der neuen Welt des privaten Wettbewerbs. Damit verkörpert der Müllmann einen Wandel, der längst den ganzen öffentlichen Dienst erfasst hat. Wo immer es geht, werden kommunale Bereiche privatisiert, umgekrempelt und auf Effizienz getrimmt – ein beschleunigter Wandel, der in der schlagzeilenträchtigen Aufregung um Streiks und längere Arbeitszeiten völlig untergeht. Die viel zitierten 18 Minuten, so lange sollen Angestellte und Arbeiter im Staatsdienst künftig ohne Bezahlung zusätzlich arbeiten, sind für viele nur das letzte Glied einer Kette tiefgreifender Veränderungen.

Im Tarifkonflikt selbst scheint alles noch beim Alten zu sein, mit klaren Fronten. Auf der einen Seite stehen Städte, Kommunen und Länder, die allerorten kostenlose Mehrarbeit durchsetzen wollen. Zwar erklärte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger jetzt, zum Ausgleich sei er "zu einer maßvollen Gehaltsanpassung bereit". Die allermeisten Länderchefs und die kommunalen Arbeitgeber lehnen das jedoch strikt ab. Ihr Argument: Die Kassen der öffentlichen Hand seien leer, da müssten auch die Arbeitnehmer einen Beitrag zur Sanierung leisten. Außerdem arbeiteten die Staatsdiener im Osten sowieso schon 40 Stunden und Beamte sogar bis zu 42.

Auf der Gegenseite steht die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die zu einem flächendeckenden Streik wie in alten ÖTV-Zeiten aufruft. Mehr als 26.000 Krankenschwestern, Müllwerker und Verwaltungsangestellte legten nach Gewerkschaftsangaben Anfang der Woche ihre Arbeit nieder. Es soll der größte Arbeitskampf im öffentlichen Dienst seit 14 Jahren werden. Denn die Gewerkschafter fürchten, dass durch die Mehrarbeit bundesweit 250.000 Stellen wegfallen. Noch mehr Arbeitsplätze. Seit 1991 sind im öffentlichen Dienst schon weit über zwei Millionen Jobs gestrichen worden; heute arbeiten dort nur noch vier Millionen Menschen, gemessen an allen Erwerbstätigen, weniger als in vielen anderen EU-Ländern. Ver.di kündigt einen harten Kampf an. Zur Not könne man wochenlang streiken, versichert Gewerkschaftschef Frank Bsirske.

Ausgetragen wird der Konflikt – wie jeder Streik im öffentlichen Dienst – auf dem Rücken der Bürger. Je länger er dauert, desto mehr wird er Groll gegen die Streikenden hervorrufen. Und das nicht zuletzt, weil die Bediensteten der öffentlichen Hand immer noch als privilegiert gelten. "Der öffentliche Dienst", erklärte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber Anfang der Woche im Spiegel , "bietet etwas, was vielen Menschen ein hohes Gut ist, nämlich Berechenbarkeit, einen sicheren Arbeitsplatz. Das ist sicher auch zu berücksichtigen."

Wirklich?

Noch immer vermuten viele im Staatsdienst so etwas wie die heile Welt für Arbeitnehmer. Mit der alltäglichen Realität von Müllwerkern, Krankenschwestern und Erzieherinnen hat das wenig zu tun. Denn längst stehen sie im Wettbewerb zu privaten Firmen. Wo der öffentliche Dienst nicht reibungslos funktioniert, werden heute ganze Bereiche privatisiert oder vollständig umgekrempelt. "Früher hat man diese Frage ideologisch betrachtet, heute sieht man das ganz pragmatisch", sagt Hermann Hill, Professor an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaft Speyer.