Alljährlich verschenkt die Stadt Wien 100000 (in Worten: hunderttausend) Exemplare eines populären Romans an die Bevölkerung und feiert ihre kulturpolitische Großtat mit dem entsprechenden Spektakel. In diesem, dem vierten Jahr der Gratisbuchaktion wird das erste Werk des amerikanischen Bestsellerschreibers John Irving Laßt die Bären los! auf die Wiener losgelassen. Wer wollte sich von der intellektuellen Wucht dieser Initiative – garniert mit gut zwei Dutzend Logos von Sponsoren – nicht überwältigen lassen?

Die Idee, eine Lkw-Ladung Gedrucktes im Volk zu verschleudern, kann nur von einer Werbeagentur stammen – was sie ja auch tatsächlich tut. Prinzip Warenprobe, auch Muster ohne Wert genannt. Dieser Marketingtechnik liegt die Vermutung zugrunde, dass ein gewisser Prozentsatz der Beschenkten zu weiterem Konsum verleitet werden kann, da er an einem neuen Produkt Geschmack gefunden hat. Es handelt sich dabei um keine sonderlich elegante Vermarktungsstrategie, die sich aber bei Kosmetika, Süßigkeiten oder Publikumszeitschriften als einigermaßen wirkungsvoll herausgestellt hat.

Warum, so die Logik der Werbebranche, sollte also eine Trick, der beispielsweise einem klebrigen Zuckerl geholfen hat, in aller Munde zu kommen, nicht auch bei Literatur funktionieren. Lasst 100000 Bücher auf die Leute los, und es werden sich alsbald, sagen wir, 10000 neue Leser finden.

Irrtum. Bücher sind, entgegen der Annahme der Bestsellerlistenverehrer, kein beliebiges Konsumgut. Und es ist ein Missverständnis, das von einer gehörigen Portion Literaturfeindlichkeit erzählt, zu meinen, es würde der Literatur eine neue Klientel gewonnen, indem man tonnenweise Schnupperlektüre verteilt – noch dazu, wenn die Verführungskraft dieser Schmöker eher bescheiden ist.

Im Zweifelsfall wird dadurch den Büchern sogar ein Bärendienst erwiesen. Denn sie werden ihrer Würde beraubt, indem man sie zu einer Warenprobe degradiert. Zugegebenermaßen ein altmodischer und dem schnittigen Vermarktungsteam der Gratisbuchaktion völlig uneinsichtiger Gedanke, in Büchern ideelle Wesen sehen zu wollen, die Anrecht auf Respekt und Achtung verdienen. Und es nicht verdient haben, dass sie mit Hilfe einer Alles-muss-raus-Methode irgendwie unter die Leute gebracht werden. Muss man noch hinzufügen, dass ein Buch von seinem Leser nicht verlangt, es zu besitzen, sondern ihm mit Verständnis und Verstehenwollen zu begegnen? Aber einem geschenkten Gaul…

Dass es die Stadt Wien eigentlich besser weiß, beweist die moderne städtische Hauptbücherei, die an einem kritischen urbanen Ort errichtet wurde – eine tatsächliche kulturpolitische Großtat. Hell, offen, komfortabel und spottbillig dient sie Lesern wie Nichtlesern, die bloß neugierig hereingeschneit sind, als lebendige Begegnungsstätte. Man flaniert, man blättert, man liest, man leiht. Wetten, dass in dieser Oase der Bücher mehr Menschen zum Lesen verführt werden?Joachim Riedl