Das Gesicht des österreichischen Islams hat strahlend blaue Augen und eine blasse Haut, die Sonne wahrscheinlich nicht sehr gut verträgt. Es wird von hellblondem Haar umrahmt. Allerdings bleiben die Engelslocken unsichtbar. Sie sind stets unter Stoff versteckt.

Dieser Stoff ist nicht jene modebewusste Kopfbekleidung, welche die schicken Mädchen in Teheran tragen – lässige zehn Zentimeter über der Stirn, die kühn geschminkten Augen und eine kecke Haarlocke betonend. Es ist auch nicht das schwarze Baumwolltuch einer anatolischen Bäuerin. Sondern Seide in Pastelltönen, gebügelt, züchtig festgezurrt unterm Kinn nach arabischer Façon. Eine Tracht, die Carla Amina Baghajati die Aura einer katholischen Nonne verleiht – züchtig, redlich, pflichtbewusst.

"Ach, die Kopftuchdebatte", seufzt die zierliche 40-jährige Frau. "Wollen wir die jetzt wirklich auch noch abhandeln?" Nein. Es gibt Dringenderes zu tun im Büro der Islamischen Glaubensgemeinschaft, einer Dreizimmer-Altbauwohnung im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Hier laufen in diesen Tagen wegen des Karikaturenstreits die Telefone heiß. Und Baghajati, Mediensprecherin und Mutter von vier Kindern, soll in einem Kulturkampf Flagge zeigen – mit Worten, die dem Zorn der Minderheit gerecht werden, ohne der Mehrheitsgesellschaft Angst zu machen.

"Dialog", "Respekt", "Verantwortung" und "Religionsfreiheit" sagt Baghajati also, immer wieder, im Fernsehen, im Radio und überall, wo sie gefragt wird. Daran ist vordergründig kaum etwas verkehrt. Denn gegen Dialog und Respekt hat wohl niemand etwas einzuwenden – und dass Religionsfreiheit im Fall der Auseinandersetzung um die Mohammed-Karikaturen gar nicht zur Debatte steht, fällt in der Hitze der Wortgefechte kaum noch auf. Dennoch erwischt Frau Baghajati ihre Zuhörer immer wieder auf dem falschen Fuß. Irgendetwas verstört an ihrer öffentlichen Rolle. Ist es bloß das druckreife Hochdeutsch, das dem gelernten Österreicher die bundesdeutsche Abstammung verrät? Oder ist es das Selbstbewusstsein, das mit dem Klischee der unterdrückten und zur Sprachlosigkeit verschleierten Muslimin so gar nicht zusammenpasst? Überhaupt – wie kommen orientalische Männer auf die Idee, eine junge Frau westlicher Herkunft in ihrem Namen sprechen zu lassen? Verbirgt sich dahinter gar ein raffinierter Plan, mit dem die liberale Gesellschaft eingelullt und in die Irre geführt werden soll, damit eine zweite, unausgesprochene und radikale Parallel-Agenda unentdeckt bleibt?

Vielleicht ist die Antwort ganz einfach, und es ist schlicht das Konvertitentum, das Misstrauen erregt. Carla Baghajati wurde in den Islam und sein Regelwerk nicht hineingeboren; sie hat ihn ganz bewusst als Lebensform gewählt. Sie kommt aus Mainz, entstammt einem gottesgläubigen Elternhaus, die Mutter katholisch, der Vater evangelisch. "Schon als Schulmädchen hat mich der Prophet Mohammed fasziniert", erzählt sie. Als die Affäre um Salman Rushdie losbrach, ging sie in eine Buchhandlung, um die angeblich gotteslästerlichen Satanischen Verse zu kaufen. Sie verließ den Laden mit einer Ausgabe des Korans wieder und anschließend war Rushdie vergessen.

"Im Koran hatte ich nicht das Gefühl, etwas Neues zu lesen", erinnert sie sich, "es entsprach allem, was ich immer schon gedacht und gespürt hatte." Sie fühlte, bekehrt zu sein. Nun stellte sich ihr lediglich die praktische Frage, wo sie beten lernen könnte. Real existierenden Muslimen war Carla bis dahin kaum begegnet, und aus dem Fernsehen kannte sie allenfalls folkloristische Details: Man habe die Schuhe auszuziehen und sich auf den Boden zu werfen. Der Koran half ihr mit konkreten Anweisungen auch nicht weiter. Eine verständnisvolle Familie aus der Türkei nahm die junge Frau schließlich unter ihre Fittiche und führte sie in die religiösen Alltagsrituale ein.