So hohl waren die Phrasen seit langem nicht, so säuselnd die Ankündigungen, so schmetternd die Forderungen. Hie Schönfärberei in Quietschrosa, dort düsteres Den-Teufel-an-die-Wand-Schreiben. Konkrete Reformen werden hingegen auf die lange Bank geschoben. Klar, die Wahlkampfgeneratoren sind vor der Zeit angeworfen worden, und es kreischen die Wortmaschinen auf Hochtouren. Es herrscht ein beschämender Ton. Am vergangenen Montag beispielsweise waren die gewohnten Partei-Megaphone auf volle Lautstärke gedreht in einer Parlamentsdebatte über Arbeitslosigkeit, in der so ziemlich über alles hergezogen, bloß kaum zum Debattenthema gesprochen wurde. Das wird so weitergehen. Vor kurzem versprachen Regierung und Opposition einen kurzen Wahlkampf. Er wird jedoch von quälend langer Dauer sein, vermutlich bis in die zweite Novemberhälfte, bis die Wähler, dann längst halb taub, endlich ihre Stimme abgeben dürfen. Bis dahin ist das Land gelähmt, denn nichts geschieht mehr ohne Kalkül. Zu viel steht für alle Beteiligten auf dem Spiel. Für Kanzler und Oppositionsführer ihr Verbleib in der Politik, für den kleinen Koalitionspartner sein politisches Überleben, für die Grünen wieder einmal die größte Chance in ihrer Parteigeschichte. Seit Wochen schon wird das Votum zu einer existenziellen Entscheidung hochgejazzt, geistern Fata-Morgana-Regierungen durch die Vorstellungskraft. Nichts anderes scheint mehr die politische Fantasie zu beschäftigen. Bloß: Wer? Nie: Was? Dies neun Monate vor dem entscheidenden Sonntag. Das Ergebnis heißt Agonie.