Es hätte der Moment für eine große Geste sein können, als in Teheran, Beirut und anderswo EU-Botschaften brannten. Im Namen Europas zu sprechen, sich schützend vor die Errungenschaften der westlichen Zivilisation zu werfen und allen Zweiflern kühn den Weg zu weisen – das hätte schon was hergemacht für die Autobiografie eines Staatenlenkers.

Doch Wolfgang Schüssel ließ die Gelegenheit aus, duckte sich, und kaum jemand in Österreich war ihm deswegen gram. Der Sturm würde vorüberziehen, weiß man hier aus Erfahrung. Und dann wird belohnt, wer den Kopf nicht allzu weit aus dem Fenster gesteckt hat.

So hat das zumindest bisher fast immer funktioniert im Umgang mit dem Morgenland – mit selbstverliebten Potentaten und religiösen Eiferern, mit hitzköpfigen Revolutionären und Terroristen. Irgendeinen sympathischen Zug konnte die österreichische Politik noch an fast jedem entdecken, und sowohl dem sozialen Frieden als auch der Auftragslage österreichischer Unternehmen gereichte das am Ende meist zum Vorteil.

Die Verbrüderung scheitert nicht immer so demonstrativ wie im Dezember 1975, als Innenminister Otto Rösch dem Terroristen Ilich Ramirez Sanchez, "Carlos" genannt, in Wien-Schwechat zum Abschied die Hand schüttelte. Carlos hatte das Opec-Gebäude (damals noch am Karl-Lueger-Ring) überfallen, Ölminister als Geiseln genommen und drei Menschen erschießen lassen, ehe die österreichische Bundesregierung ihm einen AUA-Jet zur Flucht nach Algier zur Verfügung stellte. Als 14 Jahre später, im dritten Wiener Gemeindebezirk, drei Führer der iranisch-kurdischen Opposition erschossen wurden, ließ man deren Mörder zwar ebenfalls entkommen – legte jedoch mehr Diskretion an den Tag. Sie wurden unbehelligt in die Obhut der iranischen Botschaft entlassen und später heimlich zum Flughafen eskortiert.

Der Wirtschaft tat so viel Rücksichtnahme sicher gut. So wie Österreich den Schah einst mit Eisenbahnwaggons versorgte, liefert die Ottakringer Brauerei den Mullahs heute alkoholfreies Bier und Steyr-Mannlicher 782 Scharfschützengewehre – zu einem Zeitpunkt, als die USA längst Handelssanktionen verhängt hatten. Inhaltliche Prinzipien, etwa eine grundsätzliche Aversion gegen die kurdischen Sache, können daraus freilich keineswegs abgeleitet werden. Im Gegenteil: Die türkisch-kurdische PKK genoss in Österreich weitreichende Freiheiten (und verschonte als Gegenleistung das Land). Ebenso freundlich verhielt man sich gegenüber den irakischen Kurden – viele Vertreter der ersten Kurdenregierung im autonomen Nordirak waren gar österreichische Staatsbürger.