Die »Flaminia« im Hafen von Singapur. Bis vor kurzem war sie das größte deutsche Containerschiff

Alberto Navarro ist der Jüngste an Bord. Er arbeitet im Maschinenraum, tief unter der Wasserlinie

40 Meter breit ist der Frachter – zu breit für den Panamakanal

Die aussicht aus den Kabinen erinnert stets an den Job

sich Wie zu Hause fühlen – mit Schlappen, Fußmatte und Wodka

an deck stapeln sich container, als habe ein Riese mit Lego gespielt

Am Kartentisch zeichnet Kapitän Sven Sörnsen die Kurse für den nächsten Tag ein

Der Globalisierung auf der Spur: In acht Etappen reisen ZEIT-Reporter um die Erde und schildern, wie der weltweite Wettlauf das Leben durcheinander bringt. In dieser Woche geht es von Indien nach China

Dann kommt der Morgen, und wir erreichen den Highway. Es ist sechs Uhr, 28 Grad warm, am Himmel zerfallen tropische Gewitter. Auf der Brücke leuchten die Monitore, Radargrün fällt in den Raum und macht blasse Gesichter. In der Nacht sind erst die Malediven links vom Bildschirm gerutscht, Stunden später Sri Lanka. Nun ist da nur noch Wasser, auf dem Monitor und vor den Fenstern. Still, grau, endlos. Romantiker würden sagen, dies sei der Indische Ozean.

»Na ja«, hatte Sörnsen gestern beim Bier in der Schiffsbar erwidert, »für uns ist das der Highway.« Dann hatte er sein heiseres Lachen gelacht, zerkratzt von hunderttausend Zigaretten.

5° 36’ NORD / 81° 52’ OST

Wir sind unterwegs auf der Seidenstraße der Moderne. Es gibt hier keine Wegweiser und keine Meilensteine, es gibt nur eine Richtung: 86 Grad. Auf dem Kompass ist das Osten. Jedes Schiff, das von Europa nach Ostasien fährt, nimmt diesen Weg. 1600 Kilometer durch den Indischen Ozean, immer geradeaus.

In der Nacht hat die Flaminia sich eingereiht, von Norden, aus Indien kommend. Vor zwei Tagen hat Kapitän Sörnsen das Schiff aus dem engen Hafen von Mumbai gesteuert, diesen vibrierenden schwarzen Riesen mit Platz für 6700 Container, gebaut von der Daewoo-Werft in Korea. Keine Schönheit, eher eine Zweckmäßigkeit. Dreihundert Meter lang und vierzig Meter breit – zu breit für den Panamakanal. Wer da staunt, kriegt von Sörnsen zu hören: »Die Karibik ist was für Touristen.« Geschäfte werden in der anderen Himmelsrichtung gemacht. Seit fünf Jahren fährt Sörnsen die östliche Welthälfte ab, Hamburg, Bremerhaven, Port Said, Sues, Dschidda, Mumbai, Singapur, Chiwan, Xiamen, Xingang, Ningbo, Xiamen, Chiwan, Hongkong, Singapur, Dschidda, Sues, Beirut, Antwerpen, Hamburg, immer wieder. Liniendienst nach Fahrplan, eine Endlosschleife durch chinesische Häfen, die in Deutschland niemand kennt und die in Deutschland doch alles verändert haben.

Sörnsen folgt der Spur der billigen Waren.

Jetzt, an diesem Morgen, an diesem Tag im Februar, sind sechs Millionen Container auf den Weltmeeren unterwegs. Auf Schiffen, die gerade den Hafen von Rotterdam verlassen, den Sueskanal passieren, in eines der zahllosen Containerterminals um Hongkong einlaufen, den Pazifik in Richtung Los Angeles durchqueren. Auf der Flaminia tropft Blut und Salzlake aufs Deck, aus Containern voller Tierhäute. Die Felle sollen zum Gerben nach China. Und die Flaminia ist nicht allein im Ozean. Auf dem Radar ist eine Reihe gelber Punkte zu erkennen, wie Maden kriechen sie nach Osten. Das sind die anderen. Kollegen, Konkurrenten auf dem Highway.

5° 41’ NORD / 83° 14’ OST

22 Mann sind an Bord. Sechs Deutsche, sechzehn Filipinos. Die Deutschen bleiben mindestens drei Monate auf dem Schiff, die Filipinos ein halbes Jahr oder länger. Zwei Welten, zwei Kulturen, eine Crew-Liste mit schönen Namen. Sven Asmus Sörnsen, Peter Petersen, Matthias Appelstiel. Claudio Molina, Edgardo Pepito, Marcelino Mataberde. Nautiker, Mechaniker, Elektriker, Ingenieure, Matrosen, Maschinisten, ein Koch. Kein Arzt, keine Frau.

Im Schiff liegen Videos aus. Werner Beinhart , 91/2 Wochen, James Bond, viele Western, ein paar Tatorte. Der Rest sind Pornos, in denen Frauen mit traurigen Augen Männern die Hosen aufknöpfen.