NationalsozialistenDer Mann, der bei der ZEIT Ernst Krüger war

Sechs Jahre lang, von 1950 bis 1956, schrieb er für unsere Zeitung unter falschem Namen. Erst jetzt wurde seine wahre Identität entdeckt: Hinter »Ernst Krüger« verbarg sich der Diplomat und SS-General Erwin Ettel von Bajohr

Im August 1954 kam es in der Redaktion der im Hamburger Pressehaus am Speersort zum Eklat. Schon seit längerem hatte die Politik-Redakteurin Marion Gräfin Dönhoff mit Unbehagen verfolgt, wie das Wochenblatt unter Chefredakteur Richard Tüngel immer weiter ins rechte Fahrwasser abgedriftet war. Nachdem dieser Ende Juli einen Artikel des NS-Staatsrechtlers Carl Schmitt ins Blatt gehievt hatte, war für Dönhoff die rote Linie überschritten: »Wer den Geist des Nationalsozialismus gepredigt hat oder die Sprachregelung der Presse gelenkt hat, soll für alle Zeiten von der Mitarbeit an einer politischen Zeitung wie der unseren ausgeschlossen werden.«

Als Tüngel diese Vorhaltungen mit einem süffisanten »Na und…?« quittierte, räumte Marion Dönhoff ihren Schreibtisch und kam für einige Monate bei der Londoner Sonntagszeitung Observer unter. Im November 1954 schrieb sie dem Verleger Gerd Bucerius einen Brief, in dem sie noch einmal ihrer Enttäuschung über die Entwicklung der ZEIT Luft machte: »Die überzeugenden und amüsanten Schreiber Friedlaender und Jacobi haben wir eingebüßt, und geblieben sind ausgerechnet Ernst Krüger und drei magenkranke, krätzebefallene, immer giftiger werdende alte Männer.«

Vor allem ihrem Kollegen Ernst Krüger, der seit 1950 in der ZEIT über internationale Politik schrieb, war die Gräfin in herzlicher Abneigung verbunden. Ihre Antipathie wäre vermutlich noch heftiger ausgefallen, hätte sie gewusst, wer »Ernst Krüger« wirklich war.

Dahinter verbarg sich der ehemalige SS-Brigadeführer (Generalmajor) Erwin Ettel, der es während des »Dritten Reichs« bis zum Deutschen Gesandten in Iran gebracht hatte. Als gläubiger Nationalsozialist war er unmittelbar an Planungen beteiligt, die auf die »Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina« und damit auf die Ausdehnung des Holocaust auf den Nahen Osten zielten. Jetzt schrieb er für die ZEIT Artikel – über Israel und die arabische Welt…

Der journalistische »Seiteneinsteiger«, 1895 in Köln geboren, hatte schon zu Beginn der Nazizeit ein wechselhaftes Berufsleben hinter sich. Er entstammte einer konservativ-kaisertreuen Pfarrersfamilie. Nach dem Besuch des Realgymnasiums trat er 1913 als Seekadett in die Kaiserliche Marine ein, in der er während des Ersten Weltkriegs diente. 1920 wechselte der Oberleutnant zur See in das Kaufmannsleben und übernahm 1925 die Leitung der Luftfrachtabteilung bei der Junkers Luftverkehrs AG. Anschließend ging Ettel nach Ankara und Teheran, wo er die jeweiligen Auslandszentralen der Junkers AG leitete, 1930 dann zur Deutsch-Kolumbianischen Luftverkehrsgesellschaft Scadta nach Barranquilla in Kolumbien.

Trotz dieser reichen internationalen Erfahrung blieb Ettel zeitlebens seinem rechts-nationalistischen Herkunftsmilieu treu. So gehörte er zu den Lesern der Monatszeitschrift Deutschlands Erneuerung,die sich für die »Förderung unserer Rasse auf jedem Gebiet« einsetzte. Am 1. März 1932 trat er in Kolumbien der NSDAP bei und wurde nach der NS-Machtübernahme 1933 schließlich zum Landesgruppenleiter der dortigen NSDAP-Auslandsorganisation (AO) ernannt. 1935 nach Deutschland zurückgekehrt, erweckte er die Aufmerksamkeit des Gauleiters der AO, Ernst Wilhelm Bohle, der seinen Schützling 1936 in den höheren Dienst des Auswärtigen Amtes hievte. Hier fungierte Ettel zunächst als Legationssekretär in Rom und avancierte parallel zum Landesgruppenleiter der NSDAP-AO in Italien.

Gleich in seiner ersten Ansprache forderte Ettel den »Glauben an den Führer und die nationalsozialistische Weltanschauung«. Er geißelte den »Versailler Schmachfrieden« und die »bittersten Jahre […] deutscher Erniedrigung«, beschwor »den Glauben an die geschichtliche Mission Deutschlands« und pries die neue Zeit: »Es war in der Tat das Wunder des Glaubens, das Deutschland gerettet hat.«

Als »Gläubiger« durchlief Ettel eine dreijährige Blitzkarriere vom Legationssekretär zum Gesandten 1. Klasse. Solche Schnellbeförderungen waren ausschließlich Parteifunktionären vorbehalten, deren Gesinnungstreue außer Zweifel stand. Auch der Reichsführer SS Heinrich Himmler interessierte sich für den agilen Ettel und nahm ihn Ende 1937 in die SS auf, wo er von Januar 1941 an den Rang eines Brigadeführers bekleidete.

Ende 1939 erreichte die Karriere Ettels einen vorläufigen Höhepunkt: Er stieg zum Gesandten in Iran auf, in einem Land also, das er während seiner Zeit bei der Junkers AG intensiv kennen gelernt hatte.

Die Entsendung Ettels fiel mit einer Neuausrichtung der deutschen Nahostpolitik zusammen. Im Bündnis mit arabischen Nationalisten einen Dschihad »made in Germany« auszurufen (wie im Ersten Weltkrieg) und den Versuch zu unternehmen, das britische Empire an seinen Flanken aus den Angeln zu heben – das war eine strategische Option, die Ettel und andere Nationalsozialisten in besonderer Weise beschäftigte, auch nach der Besetzung Irans durch britische und sowjetische Truppen im August 1941, die Ettels Mission ein vorläufiges Ende bereitete.

Im Sommer 1942 beauftragte ihn Außenminister Joachim von Ribbentrop mit der Betreuung des Muftis von Jerusalem, Amin al-Husaini, der als Repräsentant des arabischen Nationalismus bereits im November 1941 von Hitler persönlich empfangen worden war. Im Juni 1942 konferierte der Mufti mit Ettel in Berlin. Der Gast, schrieb Ettel in seinem Bericht, »ging auf den Kampf der Araber gegen die Juden ein, wobei er Parallelen des Kampfes des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Juden zog. Deutschland sei das einzige Land der Welt, das sich nicht darauf beschränke, den Kampf gegen die Juden im eigenen Land zu führen, sondern das kompromißlos dem Weltjudentum den Kampf angesagt habe. In diesem Kampf Deutschlands gegen das Weltjudentum fühlen sich die Araber mit Deutschland auf das engste verbunden.« Noch deutlicher wurde der Mufti in einer Rede vor dem Islamischen Zentral-Institut in Berlin, als er in Anwesenheit Ettels ausführte, Deutschland habe »die Juden genau erkannt und sich entschlossen, für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden, die ihr Unheil in der Welt beilegen wird«.

Ettel bewunderte eine solche Vernichtungsrhetorik vorbehaltlos. In einem Schreiben an Ribbentrop bezeichnete er den Mufti als »alten Kämpfer«, der in »seinem Kampf gegen Engländer und Juden ein fanatischer Idealist« sei. Ettel verglich ihn »mit den nationalsozialistischen Kämpfern aus der Zeit vor der Machtübernahme«, die »als fanatische Idealisten dem Führer in seinem Kampf gegen die feindliche Umwelt folgten«.

Glücklicherweise blieb den Juden Palästinas das Schicksal ihrer europäischen Glaubensgenossen erspart. Die Niederlagen der Wehrmacht bei El-Alamein und Stalingrad retteten ihnen 1942/43 das Leben und beendeten die imperialen Träume der Achsenmächte im Nahen Osten wie die Ambitionen der arabischen Nationalisten.

Für Ettel, der sich erhofft hatte, als Gouverneur in den arabischen Raum zurückkehren zu können, leitete die Kriegswende den ultimativen Karriereknick ein. Anstatt als Repräsentant des Deutschen Reiches in Arabien zu herrschen, musste er sich mit dem Schriftverkehr zwischen dem Auswärtigen Amt und der NSDAP-AO beschäftigen.

Unzufrieden mit dieser Tätigkeit, drängte es ihn an die Front. Gauleiter Bohle von der NSDAP-AO bescheinigte ihm in einem vertraulichen Schreiben an Himmler eine »wirklich fanatisch nationalsozialistische Einstellung« und hob hervor, dass Ettel »schwer darunter leidet, in dieser gewaltigen Zeit keine große und verantwortungsvolle Aufgabe zu haben«.

Ende Dezember 1943 gab Ribbentrop Ettels Drängen nach Freistellung für den Wehrdienst nach. Sofort ließ Ettel sich von der Wehrmacht zur Waffen-SS überschreiben. Dort freilich kam er keineswegs an die Front, sondern fungierte als Ausbilder und Kompanieführer im sicheren Hinterland. Sein »heroischer« Einsatz endete im Frühjahr 1945 in den norddeutschen Panzertruppen-Schieß-Schulen Putlos und Bergen.

Wer Ettel dann 1950 in die ZEIT eingeschleust hat, wo er bis 1956 unter dem Namen »Ernst Krüger« mehr als 400 Artikel über Fragen der internationalen Politik verfassen sollte, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Vieles spricht dafür, dass seine wahre Identität in der Redaktion – wenn überhaupt – nur wenigen Eingeweihten bekannt gewesen sein dürfte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war Chefredakteur Richard Tüngel über »Ernst Krüger« informiert, und sehr wahrscheinlich war der Kontakt zur ZEIT durch »Ehemalige« aus dem Auswärtigen Amt hergestellt worden, die sich häufig als Gastautoren in der ZEITinfanden – wenn auch nicht alle unter ihrem richtigen Namen.

Zwar zogen ZEIT-Journalisten wie Ernst Friedlaender, Marion Gräfin Dönhoff oder Josef Müller-Marein in ihren Artikeln einen deutlichen Trennungsstrich zur NS-Vergangenheit. Dennoch war das journalistische Gesamtprofil des damals noch ziemlichen kleinen Blattes (Auflage: 50 000), das zunächst deutlich rechts von der CDU stand, bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre durch Autoren geprägt, die im Verein mit Chefredakteur Tüngel ausgesprochen deutschnationale Töne anschlugen und gegen die Westalliierten nationalistische Ressentiments erkennen ließen.

Zu ihnen gehörte Hans-Georg von Studnitz, der für die Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop gearbeitet hatte. Für die ZEIT berichtete er über die Nürnberger Prozesse, die seiner Auffassung nach »die Elite des deutschen Volkes treffen und die Deutschen zu einer führungslosen Herde machen« sollten. Ebenfalls aus der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes kam der Journalist Walter Petwaidic, der seit 1949 unter dem Pseudonym »Fredericia« für die ZEIT arbeitete. Als »P. C. Holm« trat der ehemalige Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes, SS-Obersturmbannführer Paul Karl Schmidt, in der ZEIT auf, der als »Paul Carell« später mit seinen millionenfach verbreiteten Kriegsbüchern und Bildbänden maßgeblich an der Legende von der »sauberen Wehrmacht« mitgestrickt hat.

In dieses Milieu »Ehemaliger« fügte sich der Ex-Gesandte und SS-Brigadeführer Ettel fast nahtlos ein. Er achtete darauf, wenig aufzufallen, lebte zurückgezogen und blieb in Hannover gemeldet. In deutlichem Gegensatz zu seinen meinungsfreudigen Kollegen pflegte er einen zurückhaltenden Stil. Während er bis 1945 in seinen Reden und Briefen stets Glaubensbekenntnis an Glaubensbekenntnis, Phrase an Phrase gereiht hatte, waren die meisten seiner Artikel in der ZEIT im Stil von Agenturmeldungen verfasst.

Dies bedeutete freilich nicht, dass sich der ehemalige SS-General in ein politisches Neutrum verwandelt oder gar eine reale Konversion vollzogen hätte. Wer die Beiträge »Ernst Krügers« näher in Augenschein nimmt, der stellt fest, dass Ettel es virtuos verstand, seine Meinung durch gezielte Auswahl von Themen und Meldungen sowie durch Zitate anderer zu prononcieren.

So rückte er in seinen Kurzmeldungen für die Rubrik Zeitspiegel den Staat Israel systematisch in ein schlechtes Licht. Besondere Aufmerksamkeit widmete er den innerisraelischen Auseinandersetzungen mit jenen Personen, die der Kollaboration mit Nationalsozialisten verdächtigt oder angeklagt wurden. 1955 etwa stürzte er sich auf den skandalösen Kasztner-Prozess. Bei diesem Verfahren hatte das Bezirksgericht Jerusalem schwere Vorwürfe gegen Reszö Kasztner erhoben, der im Zweiten Weltkrieg als führendes Mitglied des Zionistischen Hilfskomitees in Budapest mit den Deutschen Verhandlungen über den Freikauf von Juden geführt hatte. Zu Unrecht brandmarkte das Gericht Kasztner als Kollaborateur – doch Ettel zitiert genüsslich jenen Kernsatz des Urteils, nach dem sich Kasztner angeblich der »Kollaboration mit den Nazis schuldig gemacht und den Weg für die Vernichtung von hunderttausend ungarischen Juden geebnet« hatte. Artikel wie diese erweckten den Eindruck, die Juden selbst wären als Täter am Holocaust beteiligt gewesen.

Das war auch deswegen besonders infam, weil sich Ettel ansonsten mit keiner Zeile über die Verantwortlichen des Massenmordes äußerte. Im Gegenteil setzte er das Wort »Kriegsverbrecher« stets in Anführungszeichen und stellte – als Höhepunkt der Distanzierung – meist noch »sogenannte« voran. Dies sollte dem Leser suggerieren, dass es solche Täter gar nicht gegeben habe, der Begriff vielmehr ein Propagandakonstrukt der Alliierten sei.

Auch in seinen Berichten und Meldungen über die USA vermochte Ettel seine Gesinnung nur schwer zu verbergen. So veröffentlichte er im Juni 1952 eine zweiteilige reißerische Artikelfolge Der Augiasstall der Korruption in den USA – Harte Kämpfe an der Bestechungsfront – Die Polizei war Freund der Gangster, in der er ausführlich Skandale im Umfeld der Regierung Truman ausschlachtete, in denen es von korrupten Regierungsbeamten und zwielichtigen jüdischen Rechtsanwälten nur so wimmelte.

Wes Geistes Kind der außenpolitische Redakteur der ZEIT war, verriet auch Ettels eigenwilliges Ablagesystem, mit dem er seine eigenen Artikel in Aktenordnern abheftete. Da gab es das Stichwort »Sekten, Logen, Rassenfragen«, andere Beiträge wurden unter »Spionage, Landesverrat, Kommunismus, Verbrecher-Organisationen, DP’s, Korruption, Justizwesen« aufbewahrt. Ein solches Ordnungssystem erinnert in seiner Struktur an die Referatsverteilung des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes, und es ist nur bezeichnend, dass Ettel die Displaced Persons (DP’s) – bei denen es sich überwiegend um ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende handelte – zusammen mit Kommunisten als »Landesverräter«, »Spione« und »Verbrecher« einsortierte.

Dies war bei Ettel, der bisweilen von der »kommunistischen Pest« sprach, kaum verwunderlich. Wer »schon immer« gegen den Kommunismus gekämpft hatte, durfte sich seiner journalistischen Wertschätzung sicher sein. So berichtete er im April 1954 über die Rückkehr von 250 Angehörigen der spanischen Blauen Division aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Ettel adelte Francos Soldaten, die an der Seite der Wehrmacht die Sowjetunion erobern wollten, zu Opfern, »deren Kampf gegen den Kommunismus zu ihrem schweren Schicksal wurde«.

Mit seinen Auffassungen fiel Krüger/Ettel Anfang der fünfziger Jahre allerdings weder in der ZEIT noch in der Öffentlichkeit auf. Nationalistisches Ressentiment war weit verbreitet, die NS-Vergangenheit meist tabu. Erst als sich die westdeutsche Demokratie (auch wirtschaftlich) konsolidiert hatte, wurden die Stimmen eines offen oder verdeckt nationalistischen Journalismus leiser, zumal rechtsradikale Parteien bei den Bundestagswahlen chancenlos blieben.

Dieser schleichende Wandlungsprozess machte sich Mitte der fünfziger Jahre auch in der ZEIT bemerkbar, wo der Verleger Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff den Machtkampf mit Chefredakteur Richard Tüngel gewannen und die Zeitung auf liberalen Kurs brachten. 1955 verließ Tüngel das Blatt. Jetzt war in der ZEIT für nationalistische Untertöne kein Platz mehr, und auch die Tätigkeit Erwin Ettels alias Ernst Krügers neigte sich dem Ende zu. Im Jahre 1956 musste er gehen.

Ettels Lebensweg zeigt, dass auch schwer belastete Nazis gesellschaftlich re-integriert werden konnten. So wurde immerhin – durch großzügige Amnestie und soziale Alimentierung – verhindert, dass ein sozial deklassiertes Potenzial ehemaliger Nationalsozialisten entstand. Dies förderte die Stabilität des politischen Systems der Bundesrepublik und grub dem Rechtsradikalismus das Wasser ab, beschädigte jedoch zugleich das Ansehen und die Legitimität der jungen deutschen Demokratie.

Auch Ettel blieb im Genuss dieser sozialen Alimentierung, denn nach seinem Ausscheiden bei der ZEIT ließ er sich wegen »Dienstunfähigkeit« in den Ruhestand versetzen und bezog nun als ehemaliger Angehöriger des Auswärtigen Amtes Dienstbezüge eines Gesandschaftsrates 1. Klasse, obwohl er im diplomatischen Dienst ein reiner NSDAP-Parteifunktionär gewesen war.

Dabei blieb Ettel durchaus gesinnungsfest. In einem Briefwechsel aus dem Jahre 1965 mit einem ehemaligen Parteifreund präsentiert er sich als unbelehrbarer Nazi. Gemeinsam schwelgen beide in Erinnerungen an »Deutschlands größte Zeit«. Österreich ist für sie weiterhin die »Ostmark«, die Deutschen heißen »Volksgenossen« und ihre Gegner »überstaatliche Mächte (Juden)«. Ettel bekennt, bei den Bundestagswahlen 1965 die rechtsradikale Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher gewählt zu haben, die lediglich 0,2 Prozent der Stimmen bekommen hatte. »Was nützt das alles, wenn die große Masse der satten Wirtschaftswunderlinge diejenigen wiederwählt, denen sie zu Unrecht das Wirtschaftswunder zu verdanken glauben.«

Diese letzte Bemerkung macht deutlich, wie fremd ihm und seinesgleichen die Gesellschaft der sechziger Jahre geworden war, in der er mit seinen politischen Auffassungen an den äußersten rechten Rand gerückt war. Trotzig und ohne jede Spur von Reue oder Selbstkritik, igelte er sich dort ein: »Ich habe in allen Dingen, die ich in meinem Leben getan oder unterlassen habe, ein sauberes Gewissen.«

Was Ettel, der 1971 in Bad Bevensen in der Lüneburger Heide verstarb, jedoch mit vielen ehemaligen Zeitgenossen des »Dritten Reiches« verband, war genau diese dröhnende Selbstgerechtigkeit, verbunden mit der Unfähigkeit, sich auch nur einen Moment lang in einen jener Millionen von Menschen hineinzuversetzen, die »Deutschlands größte Zeit« so qualvoll erleiden mussten.

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