Sanierung Sofort abreißen!
Der Palast der Republik in Berlin muss weg – nur weil er hässlich ist und das Stadtbild schändet? Da hätten wir aber noch
Triumph! Triumph! Die Abreißer sind da, endlich, endlich, und jetzt wird er platt gemacht, der Palast der Republik. Es war ja auch zu hässlich, barbarisch, was diese Stalinisten angerichtet hatten. Im Herzen der Hauptstadt!
Jawollja, weg damit. Und in vertrauter Selbstzufriedenheit wendet sich der Architekturfreund-West wieder der Heimat zu.
Doch was er muss er da mit ostgeschärftem Blick entdecken? Auch hier waren die Stalinisten resp. Betonisten am Werk! Auch hier haben sie gewüstet und überall ihre Paläste der Republik gebaut, gesichtslos, blicklos, trostlos. Autistische Monstren, Betongewürge und -gewarze haben sie mitten in die Städte gewuchtet, ausgerechnet dorthin, wo das historische Geflecht am feinsten und verletzlichsten ist.
Wie konnte man das nur all die Jahre übersehen? Wie hat man nur so einen aberwitzigen Horror wie das Kröpcke-Center in Hannover oder den Gasteig in München ertragen? Auch die kleinen Städte blieben nicht verschont. Wer einmal vor der Blechbüchse des Paderborner Diözesanmuseums, gleich neben dem mächtigem Dom, gestanden hat, fragt sich, welche Sünden die keuschen Paderborner wohl begangen haben, dass Gott sie so strafte.
Wir wollen gar nicht erst das Fußgängerzonen- und Autobahnschneisen-Elend beklagen, das so oft beklagte, die Kaufhausboxen, die Wohnbatterien in den Vororten, die Wüsteneien der Gewerbegebiete. Hier geht es nur um einige Republikpaläste, die besonders albtraumhaft auf den Innenstädten lasten – wie Essens Rathaus oder Bonns Stadthaus. Wie das Unilever-Haus in Hamburg, für das 1959/60 mit Ceau≠escu-Geste ganze Straßenzüge niedergewalzt wurden: Entstanden ist ein gewaltiges Loch im alten Gefüge der Straßen und Plätze, das bis heute die westliche Hamburger Innenstadt paralysiert.
Ade, ade! Lasst die Abrissbirne tanzen. Friede den Städten, Krieg den Palästen!
- Datum 23.02.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 23.02.2006 Nr.9
- Kommentare 8
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Überfällig! Ich hab es nie verstanden, daß diese Dinger im Osten gesehen wurden und im Westen nicht. Mein Gott, liebe Westdeutschen, macht Euch Eure hohe Meinung von Euch selbst
blind!
Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich das abfotografierte Wetter oder doch die Gebäude hässlicher finden soll ;)
ich fürchte, diese wundervoll anschauliche bildergalerie zeigt nur die wenigstens monsterklötze der gesamten republik.....
Der Schrecken, der sich von diesen Gebäuden ausbreitet,läßt sich dadurch verringern, indem sie zu Biotopen werden. Die Evolution gewinnt. Laßt die Abrißbirnen nur eingeschränkt walten, denn sie sind der alte Geist der Gewalt. Bohrt Löcher in den Beton, schneidet mit der Flex Stahlmasten an, so dass sie einknicken und der Beton wird brüchig. Streut Erde über die Trümmer und auch Samen von verschiedensten Pflanzen und setzt das ein oder andere Bäumchen oder den Strauch. So bekommen wir die wunderbarsten Biotope deren Anblick uns in unsere städtischen Wüsten erfreut. Außerdem prodzieren die Pflanzen noch Sauerstoff für unsere Lungen. Der Wahn der Beton- wie auch Architektur-Totalität zeigt sich dann in seiner Endlichkeit.
Roland Borowka
Zu diesem Thema fällt mir stets zuerst der Satz Feuerbachs ein: "Der Mensch ist, was er isst", wird also durch seine Umgebung geprägt.
Nach dem grossen Brand gab es keinen Spielraum für architektur-ästhetische Überlegungen, sondern nur noch infrastrukturelle Notversorgung.
Entsprechend nackt sehen viele Gebäude aus den 50ern aus. Das kann man aber keinem der damaligen Städteplaner zum Vorwurf machen.
In den Sechzigern kamen dann die Fehlschaltungen eines heute nicht mehr erträglichen Stilbewusstseins hinzu.
Eine kultur-historisch wichtige Reminiszenz für den damaligen Geist ist Jacques Tatis Film "Playtime", in dem der Held des Films unbedarft durch ein futuristisches Paris stolpert (Beton, Hochhäuser, Flughafenwartehallen, Grossraumbüros, ein modernistisches Edelrestaurant).
Aus damaliger Sicht eine Hommage an die Moderne (auch Kernkraftwerke waren chic) - aus heutiger Sicht nur noch scheusslich.
Stuttgart ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell man vom Regen in die Traufe kommt:
Nach dem Krieg hatte Stuttgart noch einen passablen Bestand an Altstadt-Architektur, den man, wenngleich stark beschädigt, noch hätte renovieren können.
Damals hat es um diese Frage die härtesten Auseinandersetzungen gegeben, mit starken Demonstrationen der Bevölkerung (Brokdorf light).
Leider haben die Kommunal- und Landespolitiker sich mit knapper Mehrheit durchgesetzt, und es wurde alles Alte wegplaniert.
In der Aufbruchstimmung der Sechziger wurden dann, in bester Absicht, die genannten Bürogebäudemonster und breiten Verkehrsstrassen durch die Innenstadt geschaffen, die heute das Stadtbild belasten.
Seit zwei Jahrzehnten versucht man, die schlimmsten Auswüchse der Sechziger durch ein wirklich interessantes und lebenswertes modernes Ambiente zu ersetzen.
Mit zunehmendem Erfolg, die Stadt macht sich, aber es wird noch sehr lange dauern, bis die übelsten Bausünden verschwunden sind.
Städtearchitektur braucht Zeit und will gut überlegt sein. Die wichtigste Erkenntnis: Schaffung geschlossener Ensembles. Es gibt keine alte oder neue Architektur, sondern nur gute oder schlechte.
Die Wahl der Stilmittel hängt immer von den Voraussetzungen ab.
In Berlin gibt es zum Beispiel noch sehr viele Strassenzüge mit Bauten aus der Jahrhundertwende (Bürgerhäuser). Die sollten unbedingt gerettet werden, so lange noch genug Zeit dazu ist.
Leider verfallen sie zusehends, im Falle Berlins sicherlich auch bedingt durch die Finanznot.
Trotzdem muss dringend etwas getan werden.
Genug unbeschäftigtes Bauarbeiter-Personal gibt es in Hülle und Fülle, also kann es eigentlich nur ein Problem der richtigen Organisation sein.
die verantwortlichen der baubehörden sollte man gleich mit einbetonieren.
wie können die behörden für solch hässliche gebäude ihre zustimmung geben?
unglaublich.
in hamburg bauen die auch wie blöd überall rum. ohne konzept und ideen und visionen.
die speichersatdt hat einigermassen ihren charme behalten. auch durch die neuen gebäude. bis auf die kehrwiederspitze.
grässlich.
das ehemalige astra-gebäude wird durch ein klotz und zwei türme ersetzt. furchtbar. das millerntor ist schon durch das unglückliche gebäude dort (inzwischen flüchten die mieter aus der gegend, wie aol usw.)ebenfalls verschandelt. wie der spielbudenplatz werden soll, stelle ich mir erst gar nicht vor.
und das passiert alles in hamburg. wie können solche pläne genehmigt werden?
das verstehe ich nicht.
hauptsache gute kontakte und schon kann auch ein bunker gebaut werden. kein problem.
naja, da müssten die bürger mal bissel demonstrieren und die satdt in ihre "hand" nehmen und mehr engagement zeigen, aber das ist in deutschland schon schwer genug die leute wachzurütteln, geschweige den für die planung der stadt zu gewinnen.
schade!!
hamburg wird z.zt. baulich extremst versaut.
die reeperbahn läuft gefahr ihre anziehung auf die touristen zu verlieren. aber egal, hauptsache ein paar klötze stehen und irgendwelche vollpfosten-spekulanten reiben sich die hände.
mir wird schlecht bei dem gedanken.
Nicht zu glauben, dass der Gasteig erst in den 80er Jahren entstanden sein soll. Damals gab es doch schon genügend negative Beispiele aus den 60ern von denen man hätte abgestoßen sein müssen. Aber vielleicht muss man die Entstehungszeit im richtigen historischen Licht sehen: FJS war noch am Leben und es war die Zeit der Ost-Finanzspritzen. Also kann der Gasteig auch als Hommage an den Erichs Lampenladen durchgehen.
Was mich allerdings schon länger wirklich nachdenklich macht ist die Bauwut in Beton, Glas und Stahl der letzten Jahre. Es gibt herrliche Gebäude, wie das Sony Center beispielsweise, aber wie werden diese aussehen wenn sie in die Jahre kommen? Rostfahnen von Schrauben, gepaart mit angewittertem Beton, Kalkausblühungen und Taubendreck? Vielleicht werden wir uns in ein paar Jahren über die "Bausünden" der Jetzt-Zeit unterhalten. Ein Glück sind die Karstadt- und Kaufhof- Filialen aus den 60ern bis dahin kein Gesprächstheme mehr weil schon so baufällig, dass wir nicht mehr umhin kommen diese abzureissen.
Es ist an der Zeit diese Bausünden der Nachkriegzeit zu diskutieren. Jeder ist sich bewusst was für einen Schaden diese Bauten in den urbanen und kleinstädischen Strukturen hinterlaseen haben. Wenn es wirtschaftlich einigermaßen sinnvoll erscheint, sollte in diesen Fällen, sobald die nächste Renovierung ansteht, immer auch über einen Rückbau nachgedacht werden (so dies denkmalschutztechnisch möglich ist; der Hamburger Bau ist wie auch das Springer-Hochaus in Berlin geschützt).
Was ist diesem Gruselkabinett vergessen wurde ist etwa das Northeimer City-Center (für das ein Kloster aus dem 13 Jhd abgerissen wurde!), der Bielefelder Bürgerbunker und der erst um die Jahrtausendwende entstandene Glas und Stahlirsinn am Aegi in Hannover.
An alle Architekten & Bauherren: Bitte verschont uns in Zukunft damit die Phantasien eures Überichs in Glas, Stahl und Beton zu gießen.
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