Berlinale Der Über-Augenblick

Die 56. Berlinale hat sich wieder auf das deutsche Kino, politische Themen und internationale Entdeckungen konzentriert. Das wird auch in Zukunft die Chance des Festivals sein.

Es ist der Moment, auf den man bei einem Festival wartet. Wenn auf der Leinwand alles zusammenfließt. Wenn sich Bilder, Empfindungen und Musik zu einer bodenlosen Sehnsucht verdichten und alles zu stimmen scheint, ohne dass man genau wüsste, weshalb und warum. Es ist genau der Moment, in dem man sich auf geradezu physische Weise dem Film überlassen muss oder besser aus dem Kino geht. In Valeska Grisebachs Film Sehnsucht gibt es einen solchen Über-Augenblick. Während eines Feuerwehrfests sieht man einen jungen Mann zu Robbie Williams tanzen – I just wanna feel real love… Nur ist tanzen nicht das richtige Wort. Grisebachs Held bewegt sich auch nicht zur Musik, er scheint auf merkwürdige und durchaus stockbesoffene Weise in der Musik zu sein. In einem Gefühl, von dem er in diesem Augenblick noch gar nichts ahnt. Und das am nächsten Tag, wenn er ohne Erinnerung in einem fremden Bett erwacht, auf geradezu brutale Weise seine dörfliche Welt, sein Leben, sein ganzes Sein sprengen wird.

Dass Valeska Grisebachs Film über all den anderen Beiträgen dieser 56. Berliner Filmfestspiele schwebt, hängt damit zusammen, dass er sich diesem Gefühl, das man auch einfach Liebe nennen kann, auf unerhörte Weise stellt. Er zeigt, wie es einen Menschen auf übermächtige Weise erfasst. Wie es ihn zwingt, sich zwischen zwei Frauen zu entscheiden, was er nicht kann. Ihn nötigt, erst eine, dann beide tief zu verletzen, was er nicht will. Und wie ihn dieses Dilemma, für das er keine Worte, aber unglaubliche Blicke hat, zu zerstören droht. Sehnsucht wurde in der neubrandenburgischen Provinz mit Laien gedreht, was in vielerlei Hinsicht der passende Ausdruck ist. Denn schließlich zeigt dieser Film, wie Menschen an einem Gefühl verzweifeln, dessen mysteriöse Urgewalt jeden, ob auf der Leinwand oder im Leben, zum Laien des eigenen Schicksals macht. Vielleicht ist es also ganz in Ordnung, dass dieser Film, der eigentlich nur alle Preise hätte gewinnen können, dann letztlich gar keinen bekam. Weil er sich nicht teilen lässt in Darsteller-, Regie- oder andere Leistungen. Und weil sich Grisebachs großer Liebesfilm den Kategorien genauso entzieht wie die tragische Geschichte, die hier zum tausendsten Mal auf ganz eigene Art erzählt wird.

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Sehnsucht ist der Glücks- und Ausnahmefilm nicht nur dieses Berlinale-Jahrgangs. Natürlich kann man beklagen, dass dem Festival die starken Bilder und cineastischen Überflieger fehlten. Dass es nicht die erste Garde der Regie-Autoren auffahren kann, die auch in diesem Jahr an Berlin vorbei nach Cannes ziehen. Aber womöglich wird der Berlinale angesichts des großen Kino-Staubsaugers an der Côte d’Azur auch in den kommenden Jahren gar nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die neue Hochform des deutschen Kinos, politische Themen und internationale Entdeckungen zu konzentrieren. Auf weitgehend unbekannte junge Regisseure, die vielleicht nicht den großen visuellen Wurf, aber doch immerhin eine Haltung zur Welt zu bieten haben. Und deren Figuren im großen politischen Schlamassel ihren Kampf im Kleinen führen: Um eine Arbeit, ihre Gefühle oder zunächst einmal die eigene Würde.

Ein solcher Film, den man weder groß noch klein nennen kann und der seine ganze Kraft aus einer tapferen Heldin zieht, ist Jasmila ◊baniƒs Grbavica der Gewinner des Goldenen Bären. Er erzählt von einem Alltag, der immer noch von den Folgen des Krieges durchdrungen ist. Und folgt einer Frau, die im heutigen Sarajevo versucht, ein halbwegs normales Leben zu führen. Man schaut ihr zu, wie sie eine Arbeit sucht, Jobs verrichtet und für ihre halbwüchsige Tochter sorgt, die immer bohrender nach ihrem Vater fragt. Grbavica geht über das, was seiner Heldin widerfahren ist, hinaus, weil er den schnapsbeduselten Balkan-Machismo genauso verhandelt wie ein auf vollbusige Dienstleisterinnen reduziertes Frauenbild. Es gibt aber auch wunderbar zarte Momente, in denen sich der Film mit seinen Figuren an allen Verletzungen vorbei in die Zukunft tastet. Etwa bei einem Picknick der Heldin mit einem Arbeitskollegen. Auf einem Hügel über Sarajevo hat der Mann einen kleinen Grill aufgebaut. Während die Würstchen brutzeln und die Blicke noch unsicher sind, scheint plötzlich die Möglichkeit eines großen Glücks über der einstmals belagerten Stadt zu liegen. Am Ende dieses Films wird die Tochter auf eine Klassenreise fahren. In Großaufnahme filmt ◊baniƒ, wie die Mutter dem Bus hinterherwinkt – und plötzlich anfängt zu lächeln. Man sieht eine Frau, die den Schmutz, den Dreck, die Gewalt und die Entwürdigungen des Krieges in sich trägt, und ein junges Mädchen, das in eine hoffentlich bessere Zukunft fährt. Es ist eine schöne, traurige, aber auch ungemein hoffnungsfrohe Szene.

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