Sigmund FreudWas bleibt von Freud?

Vor 150 Jahren wurde der Erfinder der Psychoanalyse geboren. Seine Lehre ist alles andere als mausetot von 

Ein Geburtstagskind wird zu Grabe getragen: Zum Beginn des Jubiläumsjahrs ließ der britische wissen, von den drei wissenschaftlichen Revolutionären des 19. Jahrhunderts, die da heißen Marx, Darwin und Freud, sei heute nur noch Darwin am Leben. Freud aber sei mausetot. Welcher Freud denn?, möchte man nachfragen. Der Entdecker des Unbewussten? Der Vater des Ödipuskomplexes? Der Kulturtheoretiker? Der Begründer der Psychoanalyse? Der Neurologe, der Arzt, der Schriftsteller?

Freud ist ein historischer Plural, der seit seinen ersten Arbeiten heftig umkämpft wird. Seit ihren Anfängen sind die Heilungserfolge der Psychoanalyse umstritten, oder um es mit Freuds Haushälterin Paula Fichtl zu sagen, es sei doch erstaunlich, wie viele der Damen, die sich von Freud Heilung versprachen, im Selbstmord geendet seien. Seit ihren Anfängen begleitet Freuds Arbeit auch der Vorwurf des Sexualpathologen Richard von Krafft-Ebing, die Psychoanalyse sei »ein wissenschaftliches Märchen«, Phantasterei, nicht verifizierbar. Freud war gekränkt: Die Psychoanalyse sei eine Wissenschaft!

Am anderen Ende des Spektrums argumentiert der verstorbene Philosoph Paul Ricoeur, die Psychoanalyse werfe die notwendige Frage an die Wissenschaft auf, was denn eine Tatsache überhaupt sei, und Ricoeur folgert: »Wenn der Wahrheitsanspruch letztlich auf Fallgeschichten basiert, dann basiert das Beweismittel auf der Ausbreitung des ganzen Netzes aus Theorie, Hermeneutik, Therapeutik und Narration« – auch Deutungskunst, Heilkunde und das Erzählen sind von Belang.

Nach Jahrzehnten, in denen Freud einerseits als intellektuell schick und andererseits als wissenschaftlich unerheblich galt, wird er nun für das naturwissenschaftliche Verständnis des Seelenlebens neu interessant. In der Hirnforschung gilt heute als ausgemacht, dass drei Annahmen Freuds zutreffend sind. In den Worten des Bremer Neurobiologen Gerhard Roth: »Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt; das Unbewusste entsteht zeitlich vor den Bewusstseinszuständen; und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen.« Die Hirnforschung bestätigt also, was Freud auf dem Stand der zeitgenössischen Neurologie nicht nachweisen konnte. Wenn sich heute die Hirnforschung als eine Sozialwissenschaft zu verstehen beginnt, dann ist dies auch Freud zu verdanken.

Andererseits: Die für Freud elementare Bedeutung des Sexuellen für die individuelle Entwicklungsgeschichte wird unter Experten heute relativiert. Der Frankfurter Säuglingsforscher Martin Dornes etwa betont, die Beziehung zwischen Mutter und Kind sei nicht primär sexueller Natur, sondern umfasse eine Vielfalt von Bedürfnissen, von der Lust über die Neugier, die Kommunikation bis vielleicht auch zur Anerkennung. Und Wolfgang Berner etwa, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Uniklinik Hamburg, schlägt vor, Freuds Libidotheorie im Lichte der Neurophysiologie zugunsten einer breiteren Auffassung von Lust zu revidieren.

In der Geschlechterforschung gilt Freuds Vorstellung von Weiblichkeit längst als antiquiert, die Literaturwissenschaft hält Freuds Kurzschluss zwischen Dichtung und leibhaftigem Dichter weitgehend für eine Auffassung, die den Kunstcharakter von Texten verfehlt. Die Philosophie wiederum hat erst mit Jürgen Habermas die befreiende Selbstreflexion als Frucht der Psychoanalyse gewürdigt und dann mit Paul Ricoeur eben die Deutungskunst und die Kraft des individuellen Erzählens.

In therapeutischer Hinsicht, nicht zuletzt, hat die Psychoanalyse ihr Monopol auf Heilungsanspruch schon seit langem eingebüßt. Sie ist eine Therapie unter vielen, die über ihre Wirksamkeit nachdenken muss, und hat weltweit die verschiedensten Ausprägungen angenommen: Zu deren prominentesten zählen seit 1945 die Selbst-Psychologie von Heinz Kohut, die Mutter-Kind-Theorie von Melanie Klein, die Identitätstheorie von Erik Erikson und Donald Winnicotts Theorie des kindlichen Selbst. Und sie alle sind im Fluss.

Der Wiener Nervenarzt, der auf die Deutungsbedürftigkeit der menschlichen Natur aufmerksam machte, ist also historisch geworden und doch alles andere als mausetot. Wie erzählte gerade erst eine junge Ärztin, die von Freuds Psychoanalyse rein gar nichts hält? Der Herr Freud tauche plötzlich in ihren Träumen auf. Und zwar, um sie daran zu erinnern, dass er bald Geburtstag habe. Was sie ihm schenken wolle? Natürlich begann die Ärztin zu rätseln, was dieser Traum wohl bedeute. Und sie fand: Das soll der alte Freud doch ruhig als Geburtstagsgeschenk ansehen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare

Wegen des Relaunches steht die Kommentarfunktion gegenwärtig einigen Nutzern nicht zur Verfügung.

Service